Neonazi-Aussteiger Felix Benneckenstein erzählt Zehntklässlern des Gymnasiums seine Geschichte
„Verkorkste“ Jahre in der rechten Szene

Warnung vor dem Sog der braunen Ideologie: Über seine Zeit als Neonazi sprach Aussteiger Felix Benneckenstein vor den Jugendlichen der zehnten Klassen des Gymnasiums Eschenbach. Bild: do

Ein in seiner Kindheit völlig unauffälliger Jugendlicher driftet in die rechte Szene ab. Fast zehn Jahre lang war Felix Benneckenstein als Neonazi aktiv. Dann stieg er nach schrecklichen Erfahrungen aus - und gilt seitdem bei seinen ehemaligen "Kameraden" als Verräter: auch weil er auspackt. Und er hilft seitdem anderen, sich von den Neonazis loszusagen.

Am Donnerstag sprach der mittlerweile 30-Jährige vor den gut 100 Schülern der 10. Klassen des Gymnasiums in der Aula über seine Zeit als Rechtsradikaler. Denn Benneckenstein fühlt sich auch verpflichtet, Schülern von den menschenverachtenden Ansichten und Mechanismen in dem extremistischen Milieu zu berichten. So schilderte der Ex-Neonazi den Jugendlichen mit großer Eindringlichkeit von seinen Erfahrungen mit Gewalt, Ideologie und Hass in einem radikalen Umfeld und gab authentisch Auskunft über "verkorkste" Jahre und den Sog der braunen Ideologie.

Die Fachschaft Sozialkunde mit den Pädagogen Thomas Bergmann, Klaus Ginglseder und Birgit Stiegler hatte ihn eingeladen, damit er von seiner rechten Vergangenheit erzählt. Diese ist ihm nicht anzusehen - und so richtig erklären kann sie sich Benneckenstein selbst nicht. Seine Kindheit beschreibt er zum Einstieg als völlig durchschnittlich. Doch in den folgenden Jahren gerät er in eine Clique mit rechten Kontakten und mit rechter Musik. Gitarre spielen war schon immer "sein Ding".

"Mit 14 Jahren war ich schon ein Rebell, vielleicht auch pubertätsbedingt", berichtet Felix Benneckenstein. Nach Teilnahmen an rechten Kundgebungen ergeben sich Kontakte zur "Kameradschaft München". Es folgen "Mahnwachen" und die Mitgliedschaft. Bald ist er in die rechte Szene eingebunden. Er glaubt den Behauptungen, Gaskammern habe es nie gegeben. Aus dieser Zeit stammt die Erkenntnis: "Hört man Verschwörungstheorien oft genug, glaubt man sie schließlich."

"Plötzlich ist man wer"


Benneckenstein bricht die Schule und den Kontakt zu den Eltern ab, wird NPD-Mitglied und steigt zum Liedermacher "Flex" auf. "Da habe ich mich überlegen gefühlt", verrät er. Und: "Die Musik ist was für junge Männer, die sich von Autoritäten lossagen, die Feindbilder entwickeln - das war ich damals." Er spielt rechte Lieder auf seiner Gitarre, sprüht rechte Parolen an die Wände. "Es ging um Anerkennung, plötzlich ist man wer", sagt er und kommt auf seine Zeit in Dortmund zu sprechen. "In Westfalen galt nur noch eine Wahrheit", sagt er und kritisiert unter anderem die jahrelange Ignoranz der Dortmunder Borussia gegenüber der rechten Hooligan-Szene.

In Dortmund lernt Benneckenstein seine Freundin kennen. In ihm kommen erste Zweifel an der Ideologie der rechten Szene hoch. "Ich begann, Dinge in Frage zu stellen. Das passt nicht in das Klischee eines Rechtsradikalen." Gewaltexzesse innerhalb der Cliquen veranlassen ihn zur Flucht nach München. Doch auch in der bayerischen Landeshauptstadt plagen ihn zunehmend Zweifel.

"Exit" hilft beim Ausstieg


Und: Durch seinen Weggang aus Dortmund verstößt er gegen Bewährungsauflagen. Es folgen Prügel der vermeintlichen Kameraden, Haft und Gefängniserlebnisse, die ihn dazu bewegen, endgültig mit der Neonazi-Szene zu brechen. Der Weg führt Felix Benneckenstein zu "Exit", die Aussteiger aus dem Rechtsextremismus unterstützt, die ein neues Leben aufbauen wollen. Zusammen mit seiner Verlobten gründet er schließlich die Aussteigerhilfe Bayern und wird Journalist.

Seit seinem Bruch mit der rechten Ideologie hält Benneckenstein Vorträge vor Schülern und erzählt ihnen seine Geschichte - damit die jungen Leute seine Vergangenheit verstehen und nicht den gleichen Weg gehen. Eine lange Diskussion mit den Eschenbacher Gymnasiasten schloss sich dem Bericht an.

"Pädagogischer Auftrag""Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit." Mit diesen Worten leitete Schulleiter Knut Thielsen den Vortrag von Ex-Neonazi Felix Benneckenstein ein. Das Thema der rechtsradikalen Entwicklung sei mit Blick auf die Vorgänge im Landtag von Baden-Württemberg an Aktualität kaum noch zu überbieten, erklärte der Oberstudiendirektor. "Zu unserem pädagogischen Auftrag gehören Veranstaltungen, die junge Menschen an ihre demokratische Verantwortung erinnern", stellte Thielsen klar. Der Vortrag eines Aussteigers aus der rechten Szene sei deshalb für die Meinungsbildung der Schüler sehr hilfreich. (do)
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