Stachel im Fleisch

Am Ehrenmal der Stadt legten Bürgermeister Peter Lehr sowie die Reservisten-, Krieger- und Soldatenkameradschaft Kränze nieder. Bild: rn

Inhalte aus Front-Briefen der beiden Weltkriege begleiteten die Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag in Eschenbach. Militärische Auseinandersetzungen wurden als Tiefpunkte menschlicher Geschichte angeprangert.

Die Rußweiherstadt gedachte der Opfer von Krieg und Unterdrückung. Vor dem Ehrenmal für die Soldaten der Weltkriege erinnerte Bürgermeister Peter Lehr an all jene Menschen, die vor nahezu 100 Jahren fassungslos vor der Verwüstung standen, die der Erste Weltkrieg hinterlassen hatte. Er blickte zurück auf das Jahr 1922, als die Deutschen im Reichstag erstmals in einer zentralen Gedenkfeier ihrer Gefallenen gedachten. Der Zweite Weltkrieg, den beide Seiten bis zur totalen Vernichtung steigerten, habe erneut alle Vorstellungskraft übertroffen.

Mit eindringlichen Worten rief der Bürgermeister zum Nachdenken auf: "Keine Statistik, keine Inschrift in den in allen Gemeinden errichteten Kriegerdenkmälern kann die persönliche Tragik, das Leben, die Gedanken, die Gefühle dieser Menschen vor ihrem Tod nahe bringen, welche ihr Leben im Dienst für ihr und unser Vaterland gaben." Die persönliche Tragik rief Lehr durch die Erinnerung an Einzelschicksale wach und zitierte aus Front-Briefen an Eltern und Ehefrauen. Die jungen Soldaten beschrieben ihre momentane Situation, sandten die "vielleicht letzten Grüße" und vertrauten auch ihrem "treuen Schutzengel". Mit diesen Beispielen, "die sicher unter die Haut gehen", leitete Lehr über auf das alljährliche Totengedenken, das von Bundespräsidenten Theodor Heuss im Jahre 1952 eingeführt wurde.

Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nannte Walther Hermann das Ergebnis gesellschaftlicher und politischer Verhaltensweisen, die sich auf ursprünglich emanzipatorische Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bezogen und einen ausgeprägten zivilgesellschaftlichen Anspruch hatten. Aus Angst seien diese Werte jedoch gewaltsamen Utopien unterlegen. In den Diktatoren des Jahrhunderts sah der Sprecher der Reservistenkameradschaft Vorkämpfer dieser Angst, die die geschichtliche Entwicklung an ihren Endpunkt führen und eine neue Gesellschaft mit neuen Menschen schaffen wollten, "sei es um den Preis der Vernichtung der Menschheit, ihrer Kultur, ihrer Traditionen, ihres Glaubens."

Die Gedenkstätten nannte Hermann einen Stachel im Fleisch der Nachkrieggesellschaft. Zur Gestaltung der Gedenkfeier trugen Vertreter der Kirchen, Liedertafel und Stadtkapelle bei. Sie endete mit dem Lied vom guten Kameraden, drei Böllerschüssen und der Nationalhymne.
Weitere Beiträge zu den Themen: Volkstrauertag (97)Volkstrauertag Eschenbach (1)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.