"Unruhe zu stiften, muss nicht negativ sein"

Ihr aktuelles Buch "Am Horizont kein Zeichen" stellte die Schriftstellerin Marianne Ach vor kurzem in Eslarn vor. Bild: edition lichtung
Kultur
Eslarn
19.08.2015
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Marianne Ach wurde einst in ihrem Geburtsort Eslarn als "Nestbeschmutzerin" bezeichnet. Weil sie sich getraut hatte, die - manchmal - unbequeme Wahrheit in ihren Texten zu schreiben. Inzwischen hat sie fünf Bücher veröffentlicht. Vor kurzem ist sie wieder in die Marktgemeinde zu einer Lesung gekommen - und wurde herzlich empfangen.

Etwas mulmig wird Marianne Ach schon gewesen sein, als sie nach längerer Zeit wieder in ihrer Heimatgemeinde Eslarn (Kreis Neustadt/WN) ist. Doch die Gemüter haben sich inzwischen beruhigt und es kommen 150 Besucher, die nicht nur etwas über die, inzwischen in München lebende, Autorin erfahren, sondern auch Passagen aus ihrem neuen Buch "Am Horizont kein Zeichen" hören wollen. Die Kulturredaktion führte mit Marianne Ach dieses Interview.

Nach langer Zeit sind Sie vor kurzem wieder in Eslarn gewesen und haben in Ihrem Geburtsort gelesen. Wie war die Aufnahme?

Marianne Ach: Die Eslarner haben mich mit großer Herzlichkeit aufgenommen, vor allem das Team, das für die Vorbereitung der Lesung zuständig war. Es zeigte sich engagiert, ideenreich und war äußerst sorgfältig, auch in Detailfragen. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Das war aber nicht immer so: Lange Zeit wurden Sie als "Nestbeschmutzerin" tituliert. Wie kam es eigentlich dazu?

Ach: Das liegt jetzt elf Jahre zurück. Ich könnte sagen, das ist Schnee von gestern. Ich habe damals Unruhe in den Ort gebracht, das stimmt. Wenn allerdings ein Roman eins zu eins mit der Wirklichkeit verglichen wird, kommt es ganz schnell zu falschen Schlussfolgerungen.

Ein Roman ist kein Tatsachenbericht, als solcher wurde er jedoch gesehen, daher der Begriff Nestbeschmutzerin. Unruhe zu stiften, muss nicht negativ sein, das zwingt dazu, sich Gedanken über etwas zu machen, was unbequem ist und zurückführt auf das eigene Innere.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit in der Marktgemeinde?

Ach: Die Nachkriegszeit war im Allgemeinen keine gute Zeit. Bei uns zu Hause fehlte ein väterliches Vorbild. Strenge war das Grundprinzip für die Erziehung, dazu kamen religiöse Regeln, die mehr eingeengt als befreit haben. Meine Erinnerungen haben viel mit Angst zu tun, mittlerweile jedoch kann ich einzelne, auch sehr schlimme Erlebnisse als etwas sehen, was mir zum Schreiben verholfen hat.

Und was empfinden Sie, wenn Sie den Ort heute besuchen? Fühlen Sie noch manchmal diese Enge?

Ach: In Eslarn hat sich viel zum Positiven gewendet. Allein die Tatsache, dass für das Heimatfest ein Kulturprogramm erstellt wurde, zeigt, dass Engstirnigkeit kein Maßstab mehr ist. Was ich jedoch nicht verstehe, und das ist vermutlich die dunkle Seite von Eslarn, dass es noch immer die Georg-Zimmermann-Straße gibt. Das ist für mich ein Skandal und bringt mich in einen inneren Zwiespalt, der kaum auszuhalten ist, wenn ich mich in meinem Heimatort befinde.

Wie wichtig war es für Sie, diese Erinnerungen literarisch festzuhalten und zu verarbeiten?

Ach: Als Schriftstellerin tätig zu sein, bedeutet, eigene Ängste, Neurosen und hysterische Zustände einigermaßen in den Griff zu bekommen, das Unbehagen, das ich beim Gedanken an meine Kindheit empfinde, in Form zu bringen, das zu bändigen, was sich nur durch Schreiben bändigen lässt.

Ihr neues Buch trägt den Titel "Am Horizont kein Zeichen". Mit welchen Themen befassen Sie sich diesmal?

Ach: Das Thema Flucht ist in meinem letzten Buch ein Generalthema. Ich bin als Dreizehnjährige aus der Enge des elterlichen Hauses geflüchtet, ich flüchte mich in die Sprache. Beschreibe die Flucht anderer. Dadurch bekomme ich Abstand zu mir selbst und zu den anderen.

Marianne Ach: "Am Horizont kein Zeichen" (144 Seiten, 13,80 Euro, edition lichtung).

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.lichtung-verlag.de http://www.marianne-ach.de
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