Fast wie im heiligen Land

Die Solidargemeinschaft feierte mit Flüchtlingen und Ehrengästen gemeinsam ein Fest. Dabei wurde deutlich, dass Integration in Eslarn kein Schlagwort ist, sondern Wirklichkeit. Bild: gz
Lokales
Eslarn
24.12.2014
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Mit der Geburt des Jungen Saifulla am 11. Dezember fernab der tschetschenischen Heimat spielte sich in Eslarn eine kleine Weihnachtsgeschichte ab. Auf der Flucht vor Gewalt fand die Familie 3333 Kilometer fernab ihrer Heimat in einer kleinen Marktgemeinde in einem fremden Land eine Zuflucht.

Bereits am 22. Oktober freute sich eine Familie aus Palästina über die Geburt ihres Sohnes Mahmut. "Wir wollen sie an unserem wichtigsten Fest teilnehmen lassen und gemeinsam kurz vor Weihnachten feiern",, begrüßte das Helferteam mit Gertraud Nickl, Anita Weichselmann und Manuela Forster im Beisein kirchlicher und kommunaler Vertreter im Gasthaus "Schellenbach" die Flüchtlinge. Derzeit haben in Eslarn 20 Menschen, darunter 7 Kinder aus Palästina, Tschetschenien und Albanien tadellose Quartiere gefunden.

Die aktuell diskutierte Vision einer multikulturelle Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Kultur, Sprachen und Religionen friedlich zusammenleben, scheint in Eslarn zu funktionieren. Dieses vorbildliche Zusammensein ist vor allem engagierten, ehrenamtlichen Helferinnen und einer toleranten Bevölkerung zu verdanken. Die "Wurzel der Liebe - so heißt unter dem Vorsitz von Dr. Josef Nickl der gemeinnützige Verein mit dem "Eine-Welt-Laden" in Waidhaus - erhalten Anita Weichselmann, Gertraud Nickl, Beate Sparschuh und Manuela Forster mit sozialem Engagement und Tatkraft am Leben. Das solidarische Team sorgt nicht nur für einen angenehmen Aufenthalt der Flüchtlinge, sondern kümmert sich mit einer Kleiderkammer im Gästehaus auch um tägliche Gebrauchsgegenstände.

Mahmut und Saifulla

Das Ehepaar aus Palästina kam mit zwei Kindern nach Eslarn, wo am 22. Oktober 2014 der jüngste Sohn Mahmut geboren wurde. Am 11. Dezember 2014 kam Saifulla auf die Welt. Die Freude über die Geburt ihres dritten Sohnes war in der tschetschenischen Familie groß. Aus Albanien kommt ein weiteres Ehepaar mit einem Kind sowie eine Mutter mit zwei erwachsenen Kindern. Erfreut zeigten sich die ehrenamtlichen Betreuerinnen, dass bereits vier Kinder den örtlichen Kindergarten besuchen. "Es sind alles nette Leute, denen durch Krieg und Verfolgung schweres Leid wiederfahren ist und die sich endlich nach einer friedlichen Zukunft sehnen." Die Menschen auf der Flucht haben nicht nur ihr Hab und Gut verloren, sondern den spärlichen Rest auch noch so manchen Menschenschleppern übergeben. "Das Schlimmste für die arbeitswilligen Menschen ist, dass sie nach dem Gesetz nicht arbeiten dürfen", fügte Frau Weichselmann an.

Bleibe gefunden

Damit die Familien mit den Traditionen in Deutschland vertraut werden, luden die ehrenamtlichen Begleitpersonen die Flüchtlinge zu einer vorweihnachtlichen Feier in den Gasthof "Schellenbach" ein. Auch in der Pension haben Flüchtlinge eine schöne Bleibe gefunden. Das Helferteam hatte mit der Frischholz-Familie für eine schöne multikulturelle Weihnachtsfeier gesorgt. Bei der Geschenkübergabe der Plüschtiere und der Lastautos mit Anhänger wurden die Helfer von leuchtenden Kinderaugen belohnt. Die Kleinsten durften sich über kleine Stofftiere und Rassel freuen. "Wie in der Weihnachtsgeschichte", beschrieben Anwesende die Ankunft der beiden Mütter aus Tschetschenien und Palästina mit ihren in Decken eingewickelten Babys. Im Namen des Teams begrüßte Gertraud Nickl die Flüchtlinge und die Ehrengäste. "Flucht und Vertreibung bedeuten Verlust der Heimat und der Freunde", so Pfarrer Erwin Bauer. Die Flüchtlinge haben Ängste, Durst und Hunger erleiden müssen, kamen mit dem Lastwagen, in Booten oder zu Fuß in ein fremdes Land und hoffen auf Frieden. Die freiwilligen Spenden aus der Veranstaltung "Heilige Nacht" mit der Stubnmusi aus Waidhaus in der Pfarrkiche hat die Kirchenverwaltung aufgerundet, so dass Pfarrer Bauer 200 Euro übergeben konnte. Mit einer Geldspende beteiligte sich auch Pfarrer Benny Joseph. "Das Geld kommt ausnahmslos den Flüchtlingen zugute", erklärte Gertraud Nickl.

Einen Dank richtete das Team an die Gemeinde für den kostenlos zur Verfügung gestellten Raum. "Die im Gästehaus eingerichtete Kleiderkammer ist momentan sehr gut bestückt, und wenn wir spezielle Gegenstände benötigten, hat uns die Bevölkerung stets mit Sachspenden unterstützt", dankten Anita Weichselmann und Gertraud Nickl für die Hilfsbereitschaft. Erfreut zeigte sich Weichselmann über die Nachricht, dass voraussichtlich ab Januar dreimal wöchentlich ein Sprachkurs angeboten werden kann.

An die Ankunft der ersten Flüchtlinge in Eslarn vor einigen Wochen und an den zügigen Aufbau einer Solidargemeinschaft erinnerte Bürgermeister Reiner Gäbl. Da die Gemeinde keinen Einfluss auf die Abläufe nehmen könne, halte Gäbl das ehrenamtliche Engagement für um so wichtiger. Mit einem Fahrdienst, einem Computer für die Kleiderkammer und dem Raum im Gästehaus zeige die Kommune ihre Hilfsbereitschaft. "Die Gemeinde wird alles tun, was möglich ist, und ich möchte allen Ehrenamtlichen und Quartiergebern danken." Mit "Sternen aus Albanien" zeigte sich die Gemeinschaft länderübergreifend bei allen Ehrengästen und auch bei Gertraud Reindl für die Spende dankbar. Für die filigranen gehäkelten Sterne an dem hölzernen Licht zeichnete eine Familie aus Albanien verantwortlich.

Ähnliche Bastelarbeiten und weitere Artikel gibt es im "Eine-Welt-Laden" in Waidhaus. Während der Veranstaltung sorgte das Mädchen-Trio der Musikschule "Musiktreff" für besinnliche Stunden und einen schönen Aufenthalt unter Freunden.
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