Instrument unterm Rock

Nach der Schließung der Grenzen und dem Aufbau des Eisernen Vorhangs überwachten die Zöllner den Grenzverlauf. Das Geflügel wechselte ab dem Zeitpunkt nur zum Fressen freiwillig und nur kurz die Grenzlinie. Repro: gz
Lokales
Eslarn
18.04.2015
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Auch nach mehreren Jahrzehnten werden immer wieder alte Geschichten lebendig, die von den sogenannten Grenzern, vom Paschen und Schwirzen und von den Menschen nahe der bayerisch-böhmischen Grenze handeln.

Das Paschen und Schwirzen, wie das Schmuggeln früher genannt wurde, erlebte vor allem zwischen den beiden Weltkriegen einen Höhepunkt und so wechselten zahlreiche Gänse und ganze Viehherden vom böhmischen Eisendorf in Richtung Bayern die Grenze.

Mit Ruß geschwärztem Gesicht ging es bei Nacht und Nebel über die Grenze, um abseits vom Auge des Gesetzes Waren über die Grenze zu bringen. Auf böhmischer Seite war das Salz besonders begehrt. Es gelangte von Süddeutschland über besondere Wege nach Böhmen, wo es gewinnbringend verkauft wurde. Auf dem Rückweg gab es je nach Belieben Rauchtabak, Getreide, ungarisches Mehl, Branntwein oder böhmisches Bier. Es handelte sich um Waren, die auf der einen Seite billiger als auf der anderen und obendrein mit saftigen Zollgebühren belegt waren. Der Grund für Schmuggel lag nicht nur in den billigen Waren, sondern nach der Währungsreform 1924 vor allem in der Armut und Arbeitslosigkeit. In Aufzeichnungen des ehemaligen und bereits verstorbenen Eslarner Marktrates Eduard Reil wird von mehreren Paschern geschrieben, die mehrmals bis zu 200 Gänse und ganze Viehherden an einem Tag von Eisendorf nach Eslarn über die Grenze gebracht und diese gewinnbringend in Nürnberg verkauft haben sollen. Die Wege führten abseits über versteckte Steige durch dichte Wälder.

Illegaler Viehhandel

Die Blütezeit der Pascher und Schwirzer war eindeutig zwischen 1920 und 1938. Der niedrige Kurs der tschechischen Krone gegenüber der Mark führte beim Verkauf in Bayern zu einem hohen Gewinn. Spielende Kinder berichteten ihren Eltern von angebundenen Haustieren mitten im Böhmerwald und wurden eindringlich belehrt, die Finger von diesen zu lassen. Am nächsten Tag waren die Tiere wieder spurlos verschwunden.

Aber auch der illegale Viehhandel machte erfinderisch und so wurde eine ältere, magere Kuh absichtlich in die Arme der "Grenzerer" getrieben, während abseits eine ganze Herde ungeschoren nach Bayern gelangte. Die Krönung einer Schmugglerlaufbahn war der Pferde- und Ochsenhandel. Die böhmischen Tiere hatten härtere Hufe, waren trittsicherer und auf den steinigen Wegen besser zu gebrauchen. Die Hufe wurden vorher mit Lappen umwickelt und dem Vieh ein Maulkorb verpasst, damit das Paschen lautlos über die Bühne gehen konnte. Nicht weniger raffiniert waren die grenzüberschreitenden Wallfahrer. Auf dem Weg nach Böhmen steckten in ausgehöhlten Kerzen die begehrten Sacharin-Tabletten. Auf dem Rückweg trugen die Frauen unter den weiten Röcken schwer. Begehrt waren bei den bayerischen Musikern die billigen Instrumente aus Böhmen.

Zuchthaus droht

Bei einer Beschlagnahmung von Schmuggelgut kam es wegen Steuerhinterziehung zum Prozess. Es drohte eine dreijährige Zuchthausstrafe. Die Beweisführung war dabei nicht immer leicht, da bei den Paschern absolute Verschwiegenheit oberstes Gebot war. Der Anschluss des mit überwiegenden Deutschen besiedelten böhmischen Gebietes am 1. Oktober 1938 ans Deutsche Reich und das Kriegsende mit der darauf folgenden Vertreibung deutschstämmiger Bewohner entzog dem Schmugglerhandwerk jeglichen Boden.
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