Verzeihen und Gräben schließen

Lokales
Eslarn
15.05.2015
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Bis zur Grenzöffnung 1989 hatte der tschechische Journalist Rudolf Tomsu mit Einsamkeit und Unterdrückung zu kämpfen. "Danach waren alle Infos verfügbar, ich erhielt auf meine Fragen eine Antwort und man konnte frei seine Meinung sagen."

Einen Einblick ins Miteinander zwischen Tschechen und Deutschen vor rund 70 Jahren im Grenzgebiet bis zur Neuzeit gab der Zeitzeuge Tomsu in einem Vortrag vor ehemaligen Grenzpolizisten um in der Waldgaststätte "Zur Tillyschanz". "Die Kameradschaft lebt weiter", freute sich den früheren Inspektionsleiter Franz Dimper über die 22 Teilnehmer der damaligen Stationen Schönsee, Eslarn, Waidhaus, Georgenberg und Flossenbürg.

Ehemaliger Kraftfahrer

Die Kerngedanken des Referenten lagen nach dem gegenseitigem Unrecht durch Tschechen und Deutsche vor allem im Verzeihen und Gräben wieder schließen können. Der Botschafter für ein friedliches Zusammensein war Kraftfahrer bei den tschechischen Soldaten und versorgte die tschechischen Grenzpolizisten beim Kasernenbau in Zelezna (ehemals Eisendorf) mit Baumateral.

Als Leiharbeiter

Das Referat stellte Tomsu unter die Überschrift "70 Jahre auseinander und zueinander". Darin ging es um die Zeit mit den Deutschen in Böhmen und nach der Aussiedelung. Von seinem Vater erfuhr der damals Fünfjährige, dass am Schloss bei Dianaberg eine Sammelstelle für die Deutschböhmen eingerichtet und Menschen vor der Aussiedelung sozusagen als Leiharbeiter vermittelt wurden. "So kann man Menschen nicht behandeln, es sind Deutsche, aber auch Menschen."

Später wurden die Deutschen in Zugwaggons von Bela nad Radbuzou in eine ungewisse Zukunft nach Deutschland ausgesiedelt. "Wer sollte nun die Kühe melken und wer wird die drei Millionen Böhmen ersetzen?" Diese und weitere Fragen beschäftigte damals die beunruhigte Bevölkerung. Der tschechoslowakische Staat glaubte mit der Übersiedlung von Ausländern aus den östlichen Ländern wie Russland, Rumänien und Bulgarien das Vakuum schließen zu können.

"Da 100 Ortschaften, wo einst 1000 Menschen lebten, dem Erdboden gleich gemacht waren, fehlte es an Unterkünften und so hatten auch die Neuankömmlinge keine Zukunft. Nach der Grundenteignung 1948 und der Kollektivierung im Sinne der Sowjetunion folgte bei der Währungsreform 1951 der totale Verlust. "Wir mussten mit 50 Kronen Startgeld auskommen." Das Thema Vertreibung wurde in der Politik verdrängt und von einem Befehl wollte niemand gewusst haben. Die Begründung suchten viele in der Geschichte: 1938 kamen die Deutschen und jetzt mussten sie wieder zurück nach Deutschland.

1968 wurde das zarte Pflänzchen des durch Alexander Dubcek entfachten Freiheitsgefühls von russischen Panzern regelrecht überrollt. Als junger Journalist äußerte sich Tomsu negativ über die Vorgänge, verlor dadurch seinen Beruf, musste an die Werkbank zurück und durfte nicht ausreisen. "Ich hatte, wie so oft, nach dem Gefühl weniger nach dem Verstand gehandelt, aber mich ließ der Gedanke nicht los, warum das so ist, wie es ist." Die meisten passten sich der Lage in der CSSR an und versuchten, durch Beziehungen leichter durchs Leben zu kommen.

Gemütlich beieinander

Im Zusammenhang mit der Vertreibung sah die Bevölkerung den Umbruch anfangs auch als Bedrohung. Man hatte Angst, dass die Deutschen ihr Hab und Gut zurückfordern könnten. Teilweise wurden Feuerwehrleute angewiesen, stets wachsam zu sein und Auffälligkeiten sofort zu melden. Doch laut Tomsu kam alles anders: Tschechen und Deutsche saßen bei Gulasch und Bier gemütlich beieinander. Viele Tschechen bekamen in deutschen Firmen hüben und drüben eine Arbeit. Als einziger Stolperstein zwischen den beiden Völkern blieb die Sprachbarriere.

Wie Außenseiter

Nach dem Referat wollten die Zuhörer in der Diskussion einiges über die Lebensverhältnisse nach dem Krieg und über Veränderungen nach dem Prager Frühling wissen. Die tschechischen Medien berichteten laut Tomsu von der Befreiung der CSSR durch die russischen Panzer und verbreiteten mit ihrer staatsfreundlichen Propaganda in Wahrheit nur Lügen. "Aber auch in der Zeit galt es: Wer öffentlich dagegen sprach, wurde arbeitslos und als Außenseiter behandelt."

Heutzutage zeigen nur wenige Interesse an diesen vergangenen Schattenseiten und an der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Vertreibung. "Die Geschehnisse sind einfach zu weit weg", fügte Tomsu an.
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