Urwald vor der Haustür:
Staatlich geförderte Wildheit

Unbeeinträchtigt von menschlichen Einflüssen darf hier der Wald am weithin sichtbaren Stückberg (zwischen Eslarn und Schönsee) wachsen und gedeihen: unter der Obhut der Bayerischen Staatsforsten. Am Stückberg werden allein 350 Schmetterlingsarten gezählt. Bilder: Fütterer (4)
Vermischtes
Eslarn
09.09.2016
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Als Protagonisten des Naturwaldreservats Stückberg (FFH-Gebiet: Fauna-Flora-Habitat) sehen sich Forstbetriebsleiter Stefan Bösl und Gerhard Hösl vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (von rechts).

Wenn die heimischen Wälder wild werden: In den Naturwaldreservaten wird alles Grün sich selber überlassen. Es darf sich Urwald entwickeln, wie vor 1000 Jahren. Eines der ältesten Reservate in Bayern liegt zwischen den Landkreisen Neustadt und Schwandorf.

Unwirklich und phantastisch - wie aus einer anderen Welt - mutet das augenscheinliche Wirrwarr aus kreuz und quer liegenden Stämmen, krakeligem Geäst und fahl in den Himmel ragenden Baumleichen an. Am Stückberg zwischen Eslarn und Schönsee kann sich seit 1978 die Natur auf 46 Hektar ausleben. Wo Sturm und Nassschnee die Bäume (vorwiegend Fichten) umwerfen und brechen, entstehen Lichtungen, in denen Buche und Tanne ansiedeln. Und die Artenvielfalt kehrt zurück. Das sogenannte Totholz - liegend und stehend - bietet besonders den Rote-Listen-Kandidaten üppigen Lebensraum. Revierleiter Rudolf Stadler zählt hier 104 Pilzarten, die in bunten Farben und bizarren Formen an den Stämmen wuchern.

Der Gegensatz zu früher könnte nicht markanter ausfallen: Als der steile Osthang samt Schlepplift kurze Ski-Vergnügungen bot, beim Stückberg-Fest frohe und laute Geselligkeit im Wald einkehrte sowie ein halbes Dutzend Wanderrouten sternförmig zum Aussichtsturm verlief. Geblieben ist heute ein einziger Hauptwanderweg, um die überschaubare Besucherzahl zu kanalisieren. Selbst die Hinweisschilder zur Sehenswürdigkeit Hutstein, einer märchenhaften Felsformation, fehlt. Die Wildnis soll ja schließlich ungehindert - frei von zivilisatorischen Einflüssen - wuchern und gedeihen.

Es kam vor fast 40 Jahren einem Quantensprung gleich, jegliche forstwirtschaftliche Nutzung aufzugeben. In dem zwischen 675 und 800 Meter Höhe gelegenem Areal gewinnt seitdem ein artenreicher Bergmischwald die Oberhand. "Die Fichte ist deutlich auf dem Rückzug, die Lärche verschwindet fast ganz, die Tanne nimmt zu und der Anteil der Buche steigt enorm", beobachtet Stefan Bösl, Leiter des Forstbetriebs Flossenbürg der Bayerischen Staatsforsten. Die der Natur überlassenen 46 Hektar ähneln als riesige Freiversuchsfläche - welche Baumart setzt sich durch - einer Blaupause für den bewirtschafteten Wald. "Denn wir leben aus der Natur, nicht gegen sie", bekräftigt Bösl den Umbau in einen gesunden Mischwald - "mit naturnaher, nachhaltiger Bewirtschaftung". Die auch für den Laien augenfälligen Veränderungen werden durch die Zahlen untermauert.

Luchs und Elch


So stieg am Stückberg die sogenannte "Holzmasse" von 553 auf 770 Festmeter (Kubikmeter) pro Hektar, weil die "erntereifen" Bäume nicht mehr geschlagen werden. Der Anteil des Totholzes erhöhte sich von 8 auf 35 Festmeter pro Hektar. Die Verjüngung des Walds mit Buche, Tanne, Fichte erfolgt natürlich ohne Einzäunung. Bösl: "Die umgestürzten Bäume wirken wie eine Art Zaun. In diesen Verhau geht kein Reh rein."

Revierleiter Stadler zählt 41 Vogelarten. "Auch der Luchs ist wieder da." Wildkameras dokumentieren regelmäßig sein stilles Erscheinen; selbst die Rückkehr des Wolfs sei nur eine "Frage der Zeit"; immer wieder ziehen Elche durch die grenznahen Wälder. "Naturnahe Wälder vertragen auch mehr Wild", betont Gerhard Hösl, beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) zuständig für die Privatwälder.

Damit sich am Stückberg der Wald - beständig natürlich - verjüngen kann, betreiben die Staatsforsten weiter konsequent den Abschuss von fünf Rehen pro Hektar im Jahr. Ein Waldweg trennt die artenreiche Wildheit vom bewirtschafteten Wald. Der Unterschied ist vor allem durch die "Rückegassen" im Abstand von 30 Metern für die bis zu 60 Tonnen schweren Harvester zu erkennen - etwas euphemistisch "permanentes Fein-Erschließungs-System" genannt. "Früh-mäßig-oft": Nach diesem Motto dünnen die Staatsforsten alle fünf bis sechs Jahre den Mischwald aus. Die "qualitativ hochwertigen Bäume" dürfen "ausreifen", also alt werden.

Die auf wirtschaftliche Effizienz getrimmten Staatsforsten "lernen" vom Urwald: "Wir kommen durch die biologische Automation weitgehend ohne neue Pflanzungen und vor allem ohne Umzäunung aus. Die Naturverjüngung spart uns Kosten von 5000 bis 7000 Euro pro Hektar", freut sich Betriebsleiter Bösl über diese "Win-Win-Situation".

NaturwaldreservateDer Freistaat zählt 159 Naturwaldreservate mit einer Fläche von 7141 Hektar bei 2,5 Millionen Hektar Privat- und Staatswald. Seit dem Jahr 2000 wurden nur neun neue Naturwaldreservate ausgewiesen. Im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung sind Naturwaldreservate u. a. ausgewiesen am Sulzberg bei Waidhaus, das Spirken-Hochmoor "Gscheibte Loh" im Manteler Forst, am Rauhen Kulm mit Bergmisch-, Buchen- und Blockschutt-Wäldern, Kiefer-Trockenwald wie "Sauhübel". (cf)
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