Banges Warten im Keller

Josef Meier ist 84 Jahre alt. Als 70-Jähriger schrieb er seine Erinnerungen an die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs auf. Damals war er 14. Seine Aufzeichnungen werden auch wertvoller Teil der Dorfchronik, die demnächst für das Gemeindejubiläum erstellt wird.
Lokales
Etzenricht
25.04.2015
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Die US Army marschierte am 22. April 1945 um 8.38 Uhr in Etzenricht ein. Josef Meier war damals 14 Jahre alt. Er hielt den historischen Augenblick und die Tage danach minuziös in einem Tagebuch fest.

Dass Meiers Aufzeichnungen gerade jetzt wieder Furore machen, liegt auch daran, dass die Gemeinde zurzeit an einer Ortschronik zum 750-jährigen Bestehen im Jahr 2020 arbeitet. Bürgermeister Martin Schregelmann freut sich, dass der Senior seinen Schatz der Kommune zur Verfügung stellt. Das Haus der Familie Meier hat längst den Besitzer gewechselt. Es befindet sich in der Sackgasse am Kirchplatz 9.

Meier erlebte die letzten Kriegstage bis zum Einzug der Amerikaner so: "Ab Mitte April kam der Geschützdonner jeden Tag näher. Seit Tagen fuhr keine Eisenbahn mehr, weil zurückweichende deutsche Truppen westwärts von Vilseck die Bahnbrücken gesprengt hatten. Etwa zwei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner waren auch in Etzenricht zwei Bahnunterführungen gesprengt worden. Bei der Eisenbahnbrücke über die Haidenaab vor Weiherhammer sprengten die Rückzugseinheiten den im Wasser stehenden Pfeiler, so dass zwei Brückenfelder in die Naab stürzten. Auch die Briefzustellung versiegte, weil die Post nicht mehr transportiert wurde.

Gefährliche "Helden"

Das Wirtschaftsleben war zusammen gebrochen und der Handel zum Erliegen gekommen. Eine geordnete deutsche Front war in diesen Tagen direkt in unserem Raum nicht mehr vorhanden. So hofften wir inständig, dass den vorrückenden Amerikanern kein erheblicher deutscher Widerstand geleistet würde, weil wir dadurch ja betroffen worden wären. Kleine Trupps deutscher Soldaten kamen in diesen letzten Kriegstagen immer wieder zu Fuß durch das Dorf, einige übernachteten in unseren Häusern. Ein Soldat erzählte, dass der Hauptmann die Kompanie aufgelöst habe. Die Soldaten hatten nur mehr ihre Handwaffen dabei, ihre Gerät und Fahrzeuge hätten sie zurückgelassen, um den amerikanischen Tieffliegern kein Ziel zu bieten. In den letzten paar Tagen des 'Großdeutschen Reiches' musste man aber auch vor den eigenen Leuten auf der Hut sein. Die "letzten Helden", fanatische Hitler-Anhänger, gingen rigoros gegen Leute vor, die in dem sinnlos gewordenen Krieg die Ortschaften kampflos übergeben wollten.

Luhe brennt schon

Bei der Mühle in Etzenricht erschoss ein deutscher Offizier einen ihm untergebenen Soldaten. Am Nachmittag des 21. April, einem Samstag, kam der Geschützdonner immer näher. Am Abend hörten wir hier in Etzenricht die Granaten über unseren Köpfen pfeifen und dann die Einschlagexplosionen. In der Dämmerung sah man vom Etzenrichter Kirchberg aus Luhe brennen, das die Panzer von Mantel aus beschossen. Man war ja keinen Augenblick sicher, ob es nicht im nächsten Moment uns trifft. Wir hofften nur, dass uns die Front bald überrollt und der ganze Schlamassel am nächsten Tag vorbei ist. Wie viele Nachbarn auch, beschlossen wir, diese Nacht im Keller zu verbringen. Wir schafften Bretter in den Kartoffelkeller, auf denen die Mutter einige Betten und Decken richtete.

Vater nahm Werkzeuge, wie Pickel, Schaufeln, Schlegel und Stemmeisen mit in den Keller, um ausbrechen zu können, falls das Haus getroffen und verschüttet würde. Wir hatten uns schon im Keller zur Ruhe gelegt, schliefen aber noch nicht, als es gegen 23 Uhr an der Haustür pochte. Eine Männerstimme rief: "Meier, komm raus!" Wir verhielten uns ruhig. Mutter sagte zu Vater: "Bleib da und rühr dich nicht." Doch der Mann gab nicht nach. 'Meier, ich weiß, dass du hier bist, die Nachbarn haben gesagt, ihr seid im Keller', schrie er und pochte erneut an die Haustür. 'Wenn du nicht kommst, holen wir dich raus', drohte er. Mutter hatte inzwischen an der Stimme erkannt, dass es der Forster war, der Posthalter, der als Volkssturmführer fungierte.

Vater ging dann nach oben und Mutter weinte und sagte zu ihm: 'Du kommst nicht wieder.' Meine kleinen Schwestern haben auch geweint. In dieser Nacht wussten wir wirklich nicht, ob wir ihn wiedersehen würden. Forster wies Vater an, eine Säge mitzunehmen, der Volkssturm müsse Panzersperren bauen und dafür Bäume über die Straße fällen. Die feindlichen Panzer ließen sich aber auch durch diese Sperren nicht aufhalten. Später habe ich dann trotz des Notlagers geschlafen und einmal gehört, dass Vater gegen 4 Uhr am Morgen wieder heimkam.

Werden wir überleben?

Am Morgen des 22. April 1945, es war ein Sonntag, war noch auf dem Nachtlager im Kartoffelkeller der erste Gedanke: 'Werden wir den Tag überleben?' Falls nicht noch etwas Unvorhergesehenes passiert, musste heute die Entscheidung fallen, die 'Amis' waren ja schon so nah. Ich ging trotz der Warnungen der Mutter in den Garten unseres Hauses am Kirchplatz. Vom Kriegslärm war eigentlich wenig zu hören, gelegentlich in einiger Entfernung ein Kanonenschuss, dann Motorenlärm wie von Panzern. Dann einige Schüsse, wie kurze Maschinengewehrsalven. Von dort her, wo heute das Feuerwehrhaus steht, drangen auf einmal ein paar kurze Schreie herauf, die sich englisch anhörten. Und dann der Ruf: 'Die Ami sind da.' Ein Anderer schrie: 'Der Krieg ist aus.'

Nach dem Bericht des Grafenwöhrer Chronisten Meiler ist in der Dokumentation der 3. US-Armee festgehalten, dass Etzenricht am 22. April um 8.38 Uhr erreicht wurde. Die Einwohner waren ungeheuer erleichtert. Es hatte hier keine Toten, keine Verwundeten und nur geringen Sachschaden gegeben. Die Amerikaner waren vom alten Manteler Weg her gekommen und hatten bei der heutigen Geflügelfarm Paulus die Bahn überquert. Von dort gab die Panzerartillerie einige Schüsse auf die Häuser am Radschin ab. Getroffen wurden die Häuser der Familien Meiller, Grünbauer und Heindl, die jeweils ein ein Meter großes Loch in der Giebelwand hatten.

Kein Widerstand

Als Michael Grünbauer ein weißes Bettlaken schwenkte, hörte die Beschießung auf. Da die Trümmer der gesprengten Bahnüberführung zunächst den Weg durch die Unterführung versperrten, sammelte sich der Trupp der Amerikaner auf den Straßen davor. Später zog ein großer Panzer mit Stahlseilen die Trümmer weg, worauf der Großteil der 'Eroberer' in Richtung Oberwildenau und Kohlberg weiterzog. Zwar sprachen alle erleichtert davon, dass alles so gut abgegangen war; dennoch war man skeptisch, wie es weitergehen würde und was die Sieger mit uns anstellen würden. Wir waren ja jetzt besetztes Land."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/kriegsende
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