Schaltplan statt Stundenplan

Sag niemals Plastik-Auto: Josef Benker widmet sich Benzinfiltern oder anderen Ersatzteilen für seine Trabants seit er sich nicht mehr um Referendare, mobile Reserven oder Klassenstärken kümmern muss. Bild: wsb
Lokales
Etzenricht
16.09.2015
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Ein Lehrer fährt Volvo oder Passat, und zwar nicht das schickste Modell. So schnell lassen sich Klischees auf einen Nenner schrauben. Die Ausnahme heißt Josef Benker. Der frühere Schulamtsdirektor besitzt drei Toyotas, einen VW Caddy und bastelt an drei Trabis.

"Mein erstes Auto war ein Fiat 600. Bei dem konnte man alles selber reparieren. Da bietet sich ein Trabant später mal an", sagt der 63-Jährige verschmitzt. Ein Autonarr war er schon als Jugendlicher. "Vielleicht ist das genetisch bedingt." Immerhin war der Vater Kfz-Meister und unterrichtete Lehrlinge an der Berufsschule.

Der Sohn hat vor dem Abitur mit einer ähnlichen Laufbahn geliebäugelt. "Dann habe ich Nachhilfe gegeben und gemerkt, dass mir das sehr viel Spaß macht." Dazu kam Heimatliebe. "Für technische Studiengänge hätte ich weiter weg gehen müssen." Also wurde aus dem Mechanik-Fan ein Pädagoge, der bis Juni Chef von 700 Lehrern im Schulamtsbezirk Weiden/Neustadt war.

Mechanische Nostalgie

Nun ist er pensioniert und tüftelt statt an Stundenplänen an Getrieben. Man merkt ihm die Begeisterung an, wenn er erzählt, dass er einen verstopften Kupfer-Benzinfilter durch einen externen Filter mit Magnetventil ersetzt hat. "Bei Neufahrzeugen kann man heute ja außer tanken nichts selber machen."

Eigentlich wollte der Etzenrichter mit dem Selbermachen noch ein bisschen warten. "Mit 60 habe ich gedacht, das ist was für den Ruhestand." Da schaffte er sich seinen ersten Trabi an. Er hatte ihn übers Internet in Burglengenfeld entdeckt. Zum Glück hat der Behördenchef aber doch nicht so lange gezögert, den hellblauen DDR-Klassiker herzurichten. 2014 erlitt Benker einen Schlaganfall. Von dem hat er sich recht gut erholt. Er weiß, dass damit nicht unbedingt zu rechnen war: "Heute würde ich mit den Trabis nicht mehr anfangen."

So aber steckt er mittendrin im Schrauberdasein. Zum Burglengenfelder Trabi kam bald schon ein Modell aus Hof zum Ausschlachten. Und wie das halt so ist bei Fahrzeug-Enthusiasten: Es stellte sich heraus, dass der Wagen zu schade zum Zerlegen wäre. Also kaufte Benker Trabant Nummer drei, diesmal in Weiherhammer. "Ersatzteile gibt es im Internet genügend und sogar relativ günstig." Seinen blauen Erstling führte er bereits bei Oldtimertreffen in Vohenstrauß, Goslar und Gera vor. Ansonsten promeniert er nur nach Lust und Laune in seiner Kunststoff-Limousine. Den Ausdruck mag Benker nicht so gern. "Das ist kein Plastikauto. Unter der Verkleidung steckt ein richtiger Stahlrohrrahmen."

Verblüfft beim TÜV

Bei Spazierfahrten ist immer ein Reservekanister mit Zweitaktgemisch an Bord. Der kleine Motor braucht stattliche 9 bis 10 Liter bei 18 Litern Tankinhalt. Da an der Armatur eine Benzinuhr fehlt, muss der Fahrer mit einem Messstab, der dem für den Ölstand ähnelt, ab und an unter der Motorhaube prüfen, wie weit der Sprit noch reicht. So viel realsozialistische Technik hat dem Trabi im Zeitalter der Elektrosensoren Kultstatus verschafft. Damit kann der Besitzer immer noch verblüffen. Etwa beim TÜV. "Da bin ich beim ersten Mal nicht durchgekommen, bloß weil die Hinterbremsen nicht gegangen sind", beklagt er augenzwinkernd. Nachdem Benker neue Radbremsen-Zylinder eingebaut hatte, klappte es im zweiten Anlauf. Zuvor hatte er dem jungen Prüfer vor der Proberunde erklären müssen, wie die berüchtigte Lenkradschaltung funktioniert.

Das Hobby hat viele Stunden Arbeit gekostet. Die haben dem Schlaganfallpatienten offenbar mit mächtig Energie aufgeladen. Die Trabis will er demnächst abgeben, damit in der großen Garage in Etzenricht wieder Platz wird. Der Grund: "Ich hab mir ein Käfer-Cabrio Baujahr 1972 angeschafft."
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