Zukunft für Logistiker
IGZ entwickelt "clevere Datenbrille" (weiter)

Roland König testet die Smart Glass im Lager. Bild: hfz
Vermischtes
Falkenberg
23.03.2016
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Der Mitarbeiter im Lager geht an den Regalen vorbei, eine Computerstimme gibt Handlungsanweisungen über einen kleinen Lautsprecher am Ohr. Der Mitarbeiter hat Bilder der nächsten Arbeitsschritte in einem kleinen Display vor den Augen und bestätigt erledigte Aufträge per Sprachsteuerung. Eine sogenannte Smart Glass ("clevere Brille", Datenbrille) macht das möglich.


Freihändiges und papierloses Arbeiten im Lager? Reduzierung der Fehlerquoten? Anweisungen und Aufträge in Echtzeit abarbeiten und verbuchen? Viele Logistikunternehmen stehen genau vor diesen Aufgaben. In der Leistungspalette von "IGZ Logistics und IT" aus Falkenberg findet sich eine sogenannte Smart Glass. Das Unternehmen bietet ein einsatzbereites Gerät - angeregt durch die Datenbrille "Google Glass", weiterentwickelt und für Anwendungen in der Industrie in Verbindung mit der Standardsoftware SAP geeignet.

IGZDie IGZ Logistics + IT (Ingenieursgesellschaft für Logistische Informationssysteme) bietet im Bereich Logistik und Produktion Leistungen zur Steuerung und Optimierung logistischer Prozesse auf Basis der SAP-Standardsoftware. An den Standorten Falkenberg und Erbendorf zählt IGZ aktuell nahezu 300 Mitarbeiter.

Zum Kundenkreis gehören mehr als 350 mittelständische Unternehmen und Konzerne. Alle haben die SAP-Standardsoftware zur Optimierung der Logistik- und Produktionsprozesse im Einsatz.
Roland König, Mitarbeiter in der Standardentwicklung, hat die futuristisch anmutende Brille für den Einsatz mit entwickelt und verfeinert. Von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt vergingen rund drei Jahre. Zeit, in der aus einem scheinbaren Spaßgerät für Technik-Liebhaber ein ernstzunehmendes Gerät für den industriellen Einsatz wurde. "Wir hatten anfangs sogar das Problem eine Datenbrille zu bekommen", berichtet Roland König. Internetriese Google hatte mit der Datenbrille Google Glass den Sprung auf den Markt gewagt und 2012 das Gerät vorgestellt. Allerdings war auf dem deutschen Markt anfangs noch kein Exemplar zu erhalten.

Dass so eine technische Neuerung auch die Aufmerksamkeit im Oberpfälzer Falkenberg erregt, hat in fernen Ort Mountain View im Kalifornien (USA), vermutlich niemand gedacht. Roland König und die Verantwortlichen bei IGZ aber waren sich sicher. "Damit kann man was machen." Johann Zrenner, Geschäftsführer bei IGZ, und Markus Wennig, stellvertretender Bereichsleiter Verkauf, stimmen zu. Die Kombination aus SAP-Software - der Paradedisziplin des Unternehmens-, einem neuen Produkt für Logistiker und der Kundenreferenzliste bot Potenzial für die Smart Glass. Continental, Conrad, Hugo Boss, Rosenthal - Unternehmen dieser Größe haben hochmoderne Zentrallager, in der Fläche allerdings lässt die Automatisierung nach. Handarbeit ist gefragt bei der Bereitstellung der Artikel im Verkauf oder der Montage. Handarbeit kostet Zeit und damit Geld. Handarbeit ist mitunter fehlerbehaftet und manchmal umständlich.

Freie Hände statt Kladde


Hier soll die Technikentwicklung aus Falkenberg ansetzen. Der große Vorteil: Der Mitarbeiter kann sich ganz auf seine Aufgabe konzentrieren. Er hat beide Hände frei, um seine Aufgaben zu erledigen. Umständliches Hantieren mit einer Kladde oder einem Handgerät fällt weg. IGZ-Geschäftsführer Johann Zrenner: "Höhere Effizienz und mehr Durchsatz in der Lager- und Produktabwicklung werden immer wichtiger. Insbesondere bei steigendem Online-Handel." Die Smart Glass spart Zeit. Wenige Sekunden je Artikel. "Bei 100.000 Positionen pro Tag kommt da einiges zusammen." Das System gibt ausschließlich die Informationen an den Mitarbeiter, die er im Moment für seine Tätigkeit benötigt. Manche Laufzettel enthalten Daten, die für den Logistiker im Lager nachrangig sind. Das System reduziert die Datenflut auf die relevanten Inhalte und ergänzt bei Bedarf mit Bildern, um Fehler zu vermeiden. Es liefert Informationen, wann sie gebraucht werden und wo sie gebraucht werden. Immer wieder. Zuverlässig. Tagein, tagaus.

Bis aus der Google Glass die Smart Glass wurde, galt es einige Hürden zu nehmen. "Anfangs haben wir so ein Teil nicht einmal bekommen", erinnert sich Markus Wenning. Recherche war nötig, bis eine Google-Datenbrille auf dem Schreibtisch der Projektgruppe lag. "Wir haben dann auch schnell festgestellt, dass das Gerät für einen industriellen Einsatz weniger geeignet war." In der Industrie zählen Robustheit und Flexibilität des Produkts. Sturzschäden können eine Produktionskette lahmlegen oder sorgen für Mehrkosten. Umgebungsgeräusche von etwa Gabelstaplern oder lärmenden Kollegen können zu "Verhörern" führen. Die Brille muss mit Handschuhen oder per Sprachsteuerung zu bedienen sein. Die Sprachsteuerung zu optimieren, war eine der aufwendigeren Aufgaben. Männliche Stimmen, weibliche Stimmen, Dialekte: das System soll schließlich mit wenigen Modifikationen überall in den Einsatz gehen können. "In der Schweiz heißt das eben drü und nicht drei", erklärt Roland König. Die allgemeine Weiterentwicklung auf dem Technikmarkt kam der IGZ zugute. Johann Zrenner: "Die Trefferquote liegt bei über 98 Prozent."

Militärtechnik im Industrieeinsatz


Idee passt, Technik und Software passen. Fehlt nur die Hardware. Ein Ausrüster im Bereich der Militärtechnik hatte ein System im Angebot, das den Anforderungen stand hielt. Was im Armeeeinsatz durchhält, macht das auch im Hochregallager. Nötige Anpassungen in der Ergonomie "das Gerät muss auf viele verschiedene Köpfe passen" ließen sich bewerkstelligen. Modularität für einen Einsatz mit und ohne Helm oder mit und ohne Schutzvisier war sichergestellt. Nächstes Problem: Prozessor, Mikrofon und Lautsprecher am rechten Ohr wiegen 50 Gramm. Eigentlich wenig, trägt man die Smart Glass einen ganzen Arbeitstag lang, merkt der Benutzer das aber. Eine ebenso einfache wie clevere Idee brachte hier die Lösung gegen die Nackenverspannung: ein Gegengewicht.

Zeit, das Produkt in die Unternehmen zu bekommen. "Wir stehen im ständigen Kontakt mit den Unternehmen, hören auf Wünsche und nehmen die Anregungen aus den Gesprächen mit", betont Johann Zrenner. Bei den Hausmessen in Falkenberg sind Mitarbeiter der Stammkunden im Haus, geben unverblümt ihre Meinungen zu den Entwicklungen aus dem Haus IGZ ab. Kein Wunder also, dass des Öfteren die Frage gestellt wurde, ob da eine Kamera eingebaut sei. Mögliche Gesichtserkennung und Bedenken wegen des Datenschutzes hatten schließlich die Ur-Google-Glass in keinem guten Licht erscheinen lassen. Roland König zerstreut die Bedenken: "Wir haben das Betriebsräten gezeigt und die haben ihr O.K. gegeben." Den Platz der Kamera aus der Ur-Google-Glass hat ein Barcode-Scanner eingenommen. "Eine weitere Möglichkeit, Fehlerquellen in der Produktions- oder Logistikkette auszuschließen.

Die Möglichkeiten der Smart Glass sind laut Einschätzung von Johann Zrenner noch lange nicht ausgereizt. "Basis ist immer die SAP-Software. Das ist derzeit die einzige Einschränkung." Im Hintergrund spielt schon die Zukunftsmusik. Besonders an mobilen Arbeitsplätzen sehen die Unternehmer das Einsatzgebiet der Brille. Ein Möbelhaus, in dem der Kunde beim Rundgang schon seine Bestellung in einen Warenkorb packen kann, oder im Lager zu den gewünschten Teilen gelotst wird? Machbar. Ein Supermarkt, in dem der digitale Einkaufszettel, Laufwege, Regale und Angebote eingeblendet werden? Denkbar. Rettungssanitäter, die Infos zu Medikamenten oder verfügbaren Spezial-Notaufnahmen erhalten? Warum nicht?

Das kann die Smart GlassDer Benutzer setzt das Gerät, das an eine Art Helm montiert ist, einfach auf. Über einen kleinen Monitor im Sichtfeld werden die Informationen wie etwa Produktbilder eingeblendet. Über einen kleinen Lautsprecher am Ohr erhält der Mitarbeiter bei Bedarf Details wie etwa Teilenummern, Regalkennung und benötigte Stückzahl für den nächsten Arbeitsschritt. Das Mikrofon dient zur "Kommunikation mit dem System", Rückfragen, Wiederholungen, Bestätigungen laufen über das Audio-System. Die Einheit mit Lautsprecher enthält auch den Prozessor sowie Sensoren für eine berührungslose Gestensteuerung für den Einsatz mit Handschuhen.


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