Blick zurück in Weisheit

Was wäre er ohne sie? Ehefrau Betty kümmert sich um den 92-jährigen Altbürgermeister rund um die Uhr. Sie ist selbstverständlich auch an seiner Seite, wenn Hans Schrott einer Einladung nachkommt. Doch das ist selten geworden. Bilder: hou (2)
Lokales
Fensterbach
09.05.2015
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Kommunale Politik ist längst nicht mehr seine Sache. Darüber mag er auch keinesfalls so engagiert diskutieren wie früher. Viel lieber sind ihm da schon Gespräche, bei denen es um die legendär gewordenen Bratwürste geht, die er einst herstellte. "Du musst das Fleisch von der Sau nehmen, wenn es noch warm ist", sagt Hans Schrott.

Der Alltag ist ihm schwer geworden. Nicht aber zur Last. Bis vor ein paar Jahren war er noch mit seinem Daimler unterwegs. Das geht nicht mehr. Dann stieg Hans Schrott aufs Fahrrad um. Auch solche Touren sind zwischenzeitlich unmöglich. Aber er hat ein kleines Elektromobil, das er bei annehmbaren Temperaturen über die Gehwege "seiner" Gemeinde Fensterbach lenkt. Doch dazu muss es draußen warm sein. "Ich warte drauf", sehnt der 92-Jährige die Sonne herbei.

Familiensache

Was in seiner Familie passierte, ist einmalig im Freistaat. Erst war sein Vater Bürgermeister. 1949 kam Hans Schrott ins Amt und blieb für nahezu unglaubliche 49 Jahre Chef im Rathaus. Zunächst in Knölling, nach der Gebietsreform in der Gemeinde Fensterbach. Danach übernahm sein Sohn Hans Schrott jun. die Führung der Kommune. Er wird 2016 zwei Jahrzehnte an der Gemeindespitze stehen. Sein betagter Vater sieht das zwar mit Wohlgefallen, betrachtet aber dessen Arbeit so: "Er soll das alles machen. Ich mische mich nicht ein." Also keine konstruktive Kritik an der Fensterbacher Fortentwicklung? "Ich denke mir manchmal meinen Teil. Aber sagen werde ich nichts", lässt der Altbürgermeister erkennen. Warum auch? Er steht mit der Weisheit seines Alters über den Dingen. Manchmal besuchen ihn noch alte Weggefährten. Leute, die mit ihm beim Genossenschaftsverband, bei der Raiffeisenbank und in landwirtschaftlichen Verbänden arbeiteten.

Keineswegs vergessen

Vor einiger Zeit klingelte es an seinem Dürnsrichter Haus und der neue Landrat Thomas Ebeling stand draußen. Das hat ihn gefreut und war ein Zeichen dafür, dass der einstige "König vom Fensterbachtal", wie man ihn nannte, nicht vergessen ist. Wie könnte man ihn auch vergessen, diesen Träger hoher und höchster Auszeichnungen? Oft wird über ihn geredet und nach ihm gefragt, wenn in Kommunalpolitiker-Kreisen von alten Zeiten die Rede ist.

Er, der einmal sagte, dass man nicht immer "unbedingt mit dem Gesetzbuch unter dem Arm herumlaufen muss", nennt zwei Namen, die sich bei ihm tief ins Gedächtnis eingegraben haben: Den seines CSU-Parteifreundes Otto Zeitler aus Nabburg und im gleichen Atemzug auch den von Altlandrat Hans Schuierer. Der war zwar immer bei der SPD. "Das aber hat doch nie eine Rolle gespielt", erinnert sich Schrott des heute 84-Jährigen aus Klardorf.

Für Hans Schrott ist jeder Tag mit seiner Zeitung "Der neue Tag" verbunden. Zum Lesen braucht er ein Vergrößerungsglas. Doch von dem, was in seinem heimatlichen Umfeld geschieht, nimmt er jede Zeile zur Kenntnis. Das ist viel wichtiger als der Fernsehapparat. Allerdings muss Schrott zum Studium des Blattes in seinem Sessel Platz genommen haben. "Auf einem harten Stuhl halte ich es nicht lange aus", lässt der Altbürgermeister wissen.

Kartenrunden gestrichen

Einladungen gäbe es schon noch. Doch er nimmt sie nicht mehr wahr. Besuche bei Vereinen und die Teilnahme an früher regelmäßig auf dem Programm stehenden Kartenrunden sind aus dem Alltag gestrichen. So sieht er an diesem Abend bei einer Geburtstagsfeier erstmals das vor zwei Jahren sanierte DJK-Sportheim in Dürnsricht. "Respekt", sagt er und fügt hinzu: "Das ist hervorragend gemacht worden." Über viele Jahre hinweg hatte Hans Schrott einst den Sportverein als Vorsitzender bis in die Landesliga geführt. Ein frisches Pils, Schweinebraten mit Knödel. Zwischendrin ein ganz anderes Thema: Seine einst zu Kultstatus gelangten frischen und geräucherten Bratwürste. Nicht jeder bekam sie, wenn Hans Schrott die Metzgerschürze umband, Messer wetzte und im Beisein zahlreicher Helfer zur Hausschlachtung schritt.

Plötzlich sprudelt es aus ihm heraus: "Du musst warmes Fleisch für die Würste nehmen und kannst nichts verwenden, was schon kalt ist". Die Würzmischung? Im Detail gibt er sie nicht preis. Aber: "Majoran und Eier müssen sein". Auch der Presssack aus so mancher Metzgerei ist ihm ein Ärgernis. "Schrott", sagt Schrott. Der von ihm gemachte galt als ein Ereignis für den Gaumen. Dann geht er. Geführt von Ehefrau Betty und Tochter Mathilde. Der Holzstuhl ist ihm zu hart geworden. "Hundert möcht' ich schon werden", lacht Hans Schrott und schränkt nach Momenten des Innehaltens ein: "Aber zumindest 95." Dann wird wieder gefeiert. Ausgiebig, weil Ehrensache für ihn.
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