Erst waschen, dann zupfen

Besucherin Anna-Lena (links) und Bücherstadl-Leiterin Selma Markhof zeigten viel Geschick für das alte Handwerk. Betty Kastl erklärte den Besuchern, wie es richtig geht. Bild: gis
Lokales
Fichtelberg
16.10.2015
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Im Bücherstadtl in Fichtelberg drehte sich diesmal alles um alte Handwerkskunst. Nur Pfarrer Fischer wollte da nicht mitmachen - um der Gerüchteküche keine Nahrung zu geben.

"Wenn in Großmutters Stübchen ganz leise surrt das Spinnrad am alten Kamin, hör ich manche verklungene Weisen, wie im Traum durch die Dämmerung ziehn." So wie es die alte Volksweise erzählt, wurde in Fichtelberg allerdings nicht gesponnen: Nicht im Stübchen und auch nicht am Kamin, sondern auf der Bühne des örtlichen Pfarrheims. Eingeladen dazu hatte das Bücherstadl-Team der Pfarrbücherei.

Betty Kastl hatte ihr Spinnrad mitgebracht - "ein ziemlich neues, weil das alte kaputt war" sagte sie und zeigte den Besuchern von 10 bis 92 Jahren das traditionelle Handwerk - wie unbehandelte Wolle zum Strickgarn versponnen wird. "Heute ist ja alles einfach - im Gegensatz zu früher" berichtete die rüstige 90-jährige Neubauerin: "Da musste die Wolle vom Schaf in viel Prilwasser so lange gewaschen werden, bis sie ganz sauber war." Dann wurde sie gezupft. Heute kann man bereits gezupfte Wolle kaufen, was eine große Erleichterung und Zeitersparnis für die "Spinnerin" ist.

Mit viel Geschick zeigte Betty Kastl erst einmal, in welchem Rhythmus das Trittbrett betätigt werden muss, bevor sie unter Zuhilfenahme beider Hände die Rohwolle mit Gefühl und Fingerfertigkeit dem Rad zuführte, wobei letztendlich Strickgarn entstand. "Der Faden muss nicht immer gleichmäßig sein. Das ist ja gerade das Faszinierende an der Handarbeit", erklärt sie. Auch wenn einmal der Faden reißt, sei das kein Weltuntergang: "Das ist leicht zu beheben." Dicke warme Socken und Handschuhe, die die Seniorin aus selbst gesponnener Wolle gestrickt hat, brachte sie mit, wobei beim Stricken, wie sie betonte, "beachtet werden muss, dass sich nicht jedes Muster für das gewonnene Garn eignet".

Einige Besucherinnen trauten es sich zu, sich an das Spinnrad zu setzen und es unter Anleitung zu betätigen - meist auch mit gutem Erfolg. Anna-Lena zeigte viel Geschick für das alte Handwerk. "Dornröschen könnte sich an diesem Spinnrad aber nicht gestochen haben", mutmaßte eine Besucherin. Nein, im Märchen müsste das eine das Art Handspindel gewesen sein, hieß es. Eine handarbeitserfahrene Besucherin hatte eine Handspindel, so wie sie heute wieder in Mode ist, mitgebracht und zeigte den Gästen, wie sie gehandhabt wird.

Kurzzeitig war auch Pfarrer Josef Fischer dabei. Ans Spinnrad setzen wollte er sich aber nicht. "Sonst heißt's morgen in der Zeitung: "Der Fichtelberger Pfarrer spinnt . . .", sagte er augenzwinkernd.
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