SPD-Ortsverein lässt ältere Mitbürger von Flucht und Vertreibungsschicksalen erzählen
Heimatlos und unwillkommen

Lokales
Floß
26.10.2015
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"Es hat sehr weh getan, als Flüchtling, Barackerer oder Zigeuner bezeichnet zu werden Wir waren echte Außenseiter damals." Dies war eine bittere Feststellung beim SPD- Abend über Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg im Gasthof "Goldener Löwe". Eine andere Aussage machte ebenso nachdenklich: "Wir haben gelernt zu teilen, und haben aber auch Liebe und Güte vermittelt bekommen."

Bei den Erzählungen Betroffener wurden Angst und Verzweiflung der schweren Nachkriegsjahre wieder lebendig. Stellvertretender SPD-Vorsitzender Georg Ettl führte in das Thema mit den Worten ein: "Aus der Geschichte lernt nur der, der sie richtig zu erfragen versteht." 2,5 Millionen von 3,5 Millionen Sudetendeutschen haben eine neue Heimat gefunden. Hunger und Zerstörung prägten das Bild. Landratsämter und Gemeinden hatten die Aufgabe, die Massen aufzunehmen und zwangsweise einzuquartieren und unterzubringen. Den Fall des "Eisernen Vorhangs" bezeichnete Ettl als Glücksfall. Heute sei nur mehr die Sprache eine gewisse Barriere.

Roswitha Bergmann las aus den Erinnerungen ihrer Mutter Lisbeth Schödl, die als 14-Jährige mit den Eltern im Mai 1946 aus Tschechien vertrieben worden war. "Nur 20 Kilogramm Gepäck durften wir mitnehmen, und in Burkhardsrieth und Pfrentsch wollte uns niemand haben." Erste Unterkunft waren die ehemaligen SS-Baracken in Flossenbürg. "Wir schlugen uns so recht und schlecht durch und immer wieder war zu hören: ja, ja die Flüchtlinge."

Robert Lindner erzählte die Geschichte von Erna Hacker aus Waldham. Oft war es die Landwirtschaft, die das Überleben sicherte. Hackers Weg führte von Vohenstrauß und Brünst nach Schlattein, wo sie als Magd unterkam.

Mit der Kinderlandverschickung begann die Odyssee des Vaters von Sabine Müller, geborene Bock. Der Junge, Jahrgang 1936, lebte in Berlin. 1943 ging es nach Ostpreußen, die Eltern wurden in einem Gut untergebracht. "Preußischer Drill beherrschte den Tagesablauf, und dann kamen die Russen, die den Gutsbesitzer erhängten."

Die Flucht führte nach Wien, immer in der Hoffnung, wieder nach Berlin zu kommen. Der Treck zog weiter über Bayreuth nach Altenstadt in eine Hofbauer-Halle. "Kälte und Hunger, Betteln bei den Bauern", hat Sabine Müller noch vor Augen. " Es gab Menschen, die halfen, andere nicht." Auch Kohlen stehlen von Zügen und Schwarzhandel gehörten zum Alltag. "Es dauerte Jahre bis es besser wurde." Die Schule habe gefehlt, denn Bildung war für alle Flüchtlingsfamilien das Wichtigste.

Nachhaltige Eindrücke hinterließen die fast filmartigen Erzählungen Karin Staschweskis von ihrer Mutter und ihren Geschwistern und der Flucht aus Breslau. Der Vater war im Krieg. In einem Luftschutzkeller in Strehla in Sachsen wurde am 22. März 1945 Bruder Wolfgang geboren und notgetauft. "Kinder, wir müssen weiter", sagte die Mutter. Fünf Geschwister waren es, ein Neugeborener sowie die Schwestern im Alter von einem, sechs, elf und zwölf Jahren. "Wir kamen im Hochsommer 1946 nach Floß. Anfangs war es ein Zimmer für die Mutter und fünf Geschwister. In den Baracken waren es dann zwei. Im Winter gab es im Ofen erwärmt Ziegelsteine, um die Betten im Winter zu wärmen.

"Kein Geld, kein Essen, kein Garnichts" fasst Staschewski die Situation zusammen. In Gailertsreuth, Konradsreuth und Schlattein habe die Mutter bei Bauern gearbeitet. Mit sechs Jahren habe sie das erste Stück Torte gekostet. Aus Kartoffeln gab es oftmals Dotsch. "Mit fünf Jahren war ich Kindermädchen für meinen kränklichen dreijährigen Bruder, 1948 habe ich erstmals meinen Vater wiedergesehen."

Insbesondere für die Kinder sei es nicht einfach gewesen. Sie wären gerne zu Schule gegangen. Es gab kein Schulgeld für die höhere Schule. "Wir waren stolz, wenn wir der Familie vom Bauern etwas mitbringen konnten. Weil ich nur ein Betttuch als Stück Stoff in die Schule mitgebracht hatte, habe ich sogar Prügel bezogen."

Aus dem Egerland ist Traudl Stangl mit 15 Jahren ausgewiesen worden. Mit 1200 Personen ging es in ein Internierungslager und mit dem Viehwagon nach Eger. Im Juni 1946 kam sie von Oberbayern nach Schönbrunn. Waldtraud Linnert und Wilfried Karwath brachten ebenfalls ihre persönlichen Erinnerungen von Flucht und Vertreibung mit ein.
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