WG auf Zeit im Pfarrhaus

Die Floßer Pfarrerin Lisa Weniger (rechts) und ihr Mann Santtu (links) waren sofort damit einverstanden, Nathalia und Oleg Modienkov aus Weißenrussland Kirchenasyl zu gewähren. Bild: mic
Lokales
Floß
05.06.2015
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Oleg Modienkov kann es gar nicht oft genug wiederholen: "Danke, danke, danke. Wir sind so froh, in Deutschland echte Freunde gefunden zu haben." Seit ein paar Tagen lebt der 36-Jährige aus Weißrussland mit seiner Frau Nathalia (28) im Kirchenasyl in Floß.

Für die evangelische Pfarrerin Lisa Weniger und ihren Mann Santtu war sofort klar: "Wir nehmen die beiden auf." Nathalia und Oleg gehören zu den sogenannten Dublin-III-Fällen. Diese Verordnung besagt, dass Asylbewerber in das Land abgeschoben werden können, in dem sie zum ersten Mal Asylantrag gestellt haben. In Nathalias und Olegs Fall wären dies die Niederlande.

Flucht vorm Gefängnis

Doch der Reihe nach: Im Frühjahr 2013 entschloss sich das Paar, seine Heimat zu verlassen. In Weißrussland zu bleiben, wäre zu gefährlich gewesen. Oleg und Nathalie engagierten sich in der Opposition, kämpften "gegen den letzten großen Diktator in Europa", wie Oleg erklärt. Viele Aktivisten sind nach Demonstrationen 2012 verhaftet worden. Auch der 36-Jährige saß einen Monat lang im Gefängnis. Das gab den Ausschlag, das Land zu verlassen. Die beiden verabschiedeten sich nicht nur von ihren Familien, sondern auch von einem geordneten Leben. Nathalia arbeitete als Lehrerin, Oleg, der Musik und Ökonomie-Management studiert hatte, war zuletzt als Druckvorlagenhersteller beschäftigt.

Im Juni 2013 flohen die beiden im Laderaum eines Lkw. "Auf welchem Weg wir durch Europa gefahren sind, wissen wir nicht", erinnert sich Nathalia. "Wir haben ja nichts gesehen." Zumindest mussten sie nicht am Boden sitzen. Der Lastwagen hatte umgebaute Kojen: "Wie im Zug." Nach Holland wollte das Paar, weil dort Bekannte lebten. Nach einem Jahr stand jedoch endgültig fest: Die Niederlande haben den Asylantrag abgelehnt.

Da sie nicht zurück nach Weißrussland können, probierten es Nathalia und Oleg in Deutschland. Von Dortmund aus ging es für das Paar nach Zirndorf und von dort weiter nach Floß, wo sie seit einem Jahr mit zwei weiteren Familien in einem Haus untergebracht waren. Am 11. März, zehn Monate nach dem die Modienkovs in Zirndorf Asylantrag gestellt haben, kommt schließlich der Bescheid mit dem Hinweis, Deutschland sei gar nicht zuständig, da Holland das Erstaufnahmeland gewesen sei. Die Gründe, warum das Paar Weißrussland verlassen hat, zählten in diesem Fall nicht. Drei weitere Monate vergehen, bis der endgültige Abschiebebescheid eintrifft. Darauf waren Lisa und Santtu Weniger vorbereitet. Bereits Wochen zuvor gab es Gespräche mit dem Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde St. Johannes Baptista in Floß. "Alle waren sofort damit einverstanden, Nathalia und Oleg zu helfen", berichtet die Pfarrerin.

Legale Möglichkeit

Der Tipp, eine Zeit lang Kirchenasyl in Anspruch zu nehmen, stammt von Rechtsanwalt Ilja Hecht aus Nürnberg. Damit könne die sogenannte Überstellungsfrist überbrückt werden. Asylsuchende dürfen erst nach sechs Monaten einen weiteren Antrag in einem zweiten Land einreichen. Da die Behörden bei Nathalia und Oleg sehr lang gebraucht haben, um zu reagieren, hat sich die Frist sogar noch auf drei Monate verkürzt. "Kirchenasyl ist eine legale Möglichkeit", informiert der Rechtsanwalt. Er habe dem Bundesamt und der Ausländerbehörde bereits mitgeteilt, dass sich das Paar im Kirchenasyl befinde. Der Haken: Aslysuchende dürfen das Kirchenareal in dieser Zeit nicht verlassen.

Pfarrerin Lisa Weniger sieht darin kein Problem: "Unser Gelände ist zum Glück groß genug, auch zusammenhängend." Das Pfarrhaus sei groß genug, um zwei Personen eine Zeitlang zu beherbergen. "Viele Menschen haben uns schon Unterstützung zugesagt. Dennoch sind wir für jede weitere Hilfe dankbar." Das können Lebensmittelspenden sein, finanzielle Hilfe oder auch Personen, die einkaufen. Geldspenden können auf das Gabenkassenkonto 701882 bei der Raiffeisenbank Floß unter dem Stichwort "Kirchenasyl" eingezahlt werden.

"Wir sind offen für alle Ideen und kreativen Vorschläge. Vielleicht findet sich eine Band, die bereit ist, im Pfarrgarten ein Benefizkonzert zu geben", hofft sie. Die Vorgruppe würde schon feststehen. Seit einigen Monate machen Nathalia und Oleg zusammen mit Santtu Weniger und zwei weiteren Flossern Musik - "alles mögliche, von Frank Zappa bis hin zu den Doors."

Die Wenigers sind für das Paar aus Weißrussland zu Freunden geworden, die nicht nur sie selbst, sondern auch noch den Kater mit aufgenommen haben, der Nathalia vor einigen Monaten zugelaufen ist. "Jetzt haben wir die Hoffnung, dass vielleicht noch alles gut wird", sagt Oleg.
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