Landsratsamt sucht Pflegefamlien für junge Flüchtlinge
Nouri lebt seit zwei Monaten in Floß

Familienidylle auf der Couch: Der 17-jährige Noraldin Ismail (Zweiter von links) aus Damaskus fühlt sich bei seiner Pflegefamilie in Floß pudelwohl. Uli Faust-Bienlein (rechts), Sohn Alex und Marc Bienlein haben die Entscheidung nicht bereut. "Das war Liebe auf den ersten Blick", sagt die Pflegemutter. Bild: mic
Vermischtes
Floß
13.02.2016
1397
0

Nouri lässt sich den Nacken kraulen wie ein junges Kätzchen. Auch während des Pressegesprächs genießt der 17-Jährige die liebevolle Zuwendung seiner Pflegemutter Uli Faust-Bienlein. Seit zwei Monaten lebt der junge Syrer bei einer Familie in Floß.

Von Michaela Lowak

"Das war Liebe auf den ersten Blick", erzählt Mutter Uli. Vater Marc und der 17-jährige Sohn Alex können das nur bestätigen: "Die Chemie hat von Anfang an gepasst." "Nouri ist absolut liebenswert, und er zeigt uns das auch immer wieder", fügt die Pflegemama hinzu. Nouri, der mit vollem Namen Noraldin Ismail heißt, stammt aus Damaskus, wo seine Eltern, zwei Schwestern und ein Bruder heute noch leben.

Tanja Drechsler und Barbara Hösl vom Jugendamt in Neustadt sind froh über Familien wie die Faust-Bienleins. 113 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben derzeit im Landkreis Neustadt. Zehn davon sind bei Pflegeeltern untergebracht, für vier soll sich der Wunsch demnächst erfüllen. Der Rest lebt in Wohngemeinschaften oder in Jugendhilfeeinrichtungen in Neustadt oder Grafenwöhr.

Das Jugendamt ist ständig auf der Suche nach Familien, die bereit sind, junge Asylbewerber bei sich aufzunehmen. Die beiden Sozialpädagoginnen versuchen, die Plätze so zu vermitteln, dass sowohl die Jugendlichen als auch die Pflegeeltern zufrieden sind.

Erstes Testwochenende


"Bei uns war die Auswahl super", lobt Uli Faust-Bienlein das Gespür von Drechsler und Hösl. "Nouri hat schon nach dem ersten Testwochenende Mama und Papa zu uns gesagt", fügt Marc Bienlein hinzu. Die Entscheidung, wer zu wem passt, fällt nicht von heute auf morgen. Interessierte Paare werden umfassend informiert. Ein Fragebogen soll helfen, die Situation richtig einzuschätzen. Das Jugendamt möchte unter anderem wissen, ob Platz in der Wohnung ist, die Einkommensverhältnisse gesichert sind und ob die Lebenssituation stabil ist.

Nach dem ersten Zusammentreffen muss sich weder die Pflegefamilie noch der Jugendliche entscheiden. "Die Leute dürfen auch sagen, wenn es nicht passt. Und sie dürfen sich genügend Zeit nehmen, darüber nachzudenken", erklärt Tanja Drechsler.

Mit dem Segen der Familie und ein wenig Geld seiner Tante flieht Noraldin zunächst in die Türkei. Dort arbeitet er in einer Schuhfabrik, um die Überfahrt nach Griechenland bezahlen zu können. "Zwölf Stunden täglich, wie ein Sklave", berichtet Nouri schüchtern. Erst beim dritten Mal gelingt es ihm, mit dem Boot überzusetzen. Zweimal schnappt ihn die Polizei, einmal fällt ihm sein gesamtes Gepäck ins Wasser.

Doch der junge Mann kämpft sich durch und kommt nach einer beschwerlichen Reise durch Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich und Tschechien schließlich in Waidhaus an. Jugendliche, die noch nicht volljährig sind, dürfen sagen, ob sie bei einer Familie leben oder lieber in einer Wohngemeinschaft bleiben wollen. Nouri entschied sich sofort für eine Familie.

Die Faust-Bienleins haben ihre Entscheidung keine Sekunde lang bereut. Auch das Umfeld reagierte sehr positiv. "Lediglich eine Bekannte war skeptisch", erinnert sich Uli Faust-Bienlein. "Doch seitdem sie Nouri kennt, hat sie ihre Meinung geändert." Das Zusammenleben klappt gut. Bereitwillig hilft der junge Syrer im Haushalt mit. "Auch wenn er sagt, in seiner Heimat würden nur die Frauen putzen."

Sprache kein Hindernis


Noraldin Ismail besucht die Berufsschule in Weiden. Zusammen mit Alex steigt er täglich in den Bus nach Weiden. "Wir haben aber den Eindruck, dass er dort unterfordert ist", sagen die Pflegeeltern. Die Sprache ist mittlerweile kein Hindernis mehr. "Nur beim Essen wird's spannend", schmunzelt die Mutter. "Ich bin Vegetarierin, meinem Mann schmecken weder Erbsen noch Linsen. Nouri isst nur Hähnchenfleisch und mag nichts, was aus Milch ist, außer Vanillepudding." Doch verhungert ist bei den Faust-Bienleins noch niemand.

Um rechtliche Fragen und um das Asylverfahren müssen sich die Familien nicht kümmern. Das erledigt ein vom Gericht bestellter Vormund. Für Nouri ist Johannes Maier zuständig. "Wir hatten erst die Befürchtung, ein Berufsbetreuer redet uns nur rein, aber er ist uns wirklich eine große Hilfe", gibt Marc Bienlein zu.

Mit Freunden zur Party


Nouri ist gläubiger Moslem, die Faust-Bienleins gehören einer Freikirche an. Kein Problem für die Familie. "Er war auch schon mit uns in der Kirche", berichtet die Familie. "Wenn er dazu keine Lust hat, bleibt er halt zu Hause." Mit Alex, dem Sohn des Hauses, hat er sich angefreundet. Die beiden 17-Jährigen waren schon gemeinsam mit Freunden auf einer Party in Vohenstrauß. Auch zur Familie in Damaskus gibt es regelmäßig telefonischen Kontakt. "Die Eltern sind sehr froh, dass ihr Sohn bei uns ist." Oft machen die Telefonate den jungen Syrer traurig. Erst vor wenigen Tagen hat er erfahren, dass ein paar Straßen weiter ein Bombe hochging und Freunde ums Leben kamen.

Verlängerung bis 21


Das Pflegeverhältnis endet, wenn der Jugendliche 18 wird. Pflegemama Uli fängt den besorgten Blick ihres Schützlings auf, als das Gespräch auf dieses Thema kommt. Tanja Drechsler gibt Entwarnung. "Wer will, kann natürlich länger bleiben. Dazu muss man einen Antrag stellen. Dann wird die Zeit bis 21 verlängert", erklärt die Sozialpädagogin. Darüber müssen Uli Faust-Bienlein und ihre Familie nicht nachdenken: "Nouri bleibt bei uns, das ist doch klar."

Pflegefamilien gesuchtDie 113 Jugendlichen, die der Landkreis derzeit beherbergt, stammen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia, Irak und Iran. Darunter befindet sich ein Mädchen, eine junge Syrerin. Die Jugendlichen sind zwischen 14 und 18 Jahre alt.

Wer daran interessiert ist, einen der jungen Menschen aufzunehmen, sollte sich beim Jugendamt in Neustadt melden. Grundvoraussetzungen für die Aufnahme sind Zeit und Engagement, um einen Jugendlichen dabei zu unterstützen, sich in eine neue Kultur und Sprache einzufinden und ihn auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. "Natürlich ist es von Vorteil, wenn sich im Haushalt weitere Jugendliche befinden, doch das ist keine Voraussetzung", erklärt Tanja Drechsler.

Sie und ihre Kollegin Barbara Hösl sind beim Jugendamt, Zacharias-Frank-Straße 14, in Neustadt unter Telefon 09602/792521 und 792524 zu erreichen. (mic)
Nur beim Essen wird's spannend.Uli Faust-Bienlein
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.