Wilfried Schnappauf hilft als Crewmitglied auf der Sea-Eye
Retter aus Leidenschaft

Die Nussschale hält durch. Nachdem alle Flüchtlinge mit Schwimmwesten und Getränken versorgt waren, wartet die Crew der Sea-Eye auf die Dignity, ein Schiff von Ärzte ohne Grenzen, das die Menschen aufnehmen wird.
Vermischtes
Floß
20.05.2016
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Die Blicke der verschreckten Menschen gehen unter die Haut. Am 5. Mai gegen 7.30 Uhr entdeckte die Sea-Eye das Schlauchboot mit 123 Afrikanern an Bord. Die meisten von ihnen waren Männer. Bilder: privat

Die Nachricht ging durch die Medien. Die Sea-Eye, das Schiff des Regensburgers Michael Buschheuer, hat Anfang Mai vor der libyschen Küste 123 Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. Zur Crew gehörte Dr. Wilfried Schnappauf (66), ein gebürtiger Flosser.

"Dass wir das Boot gesehen haben, war ein großer Zufall", zieht Schnappauf nachdenklich Bilanz. "Fahren wir ein paar Meilen westlich oder östlich, verpassen wir es." Radar oder elektronische Ortungssysteme können die Nussschalen, mit denen Schleuser die verzweifelten Menschen aufs Meer hinausschicken, nicht erfassen. "Man muss den Horizont schon mit dem Fernglas absuchen."

Der pensionierte Arzt erinnert sich noch genau an den 5. Mai, als um 7.30 Uhr plötzlich der Ruf ertönt: "Boot in Sicht!" Etwa vier Seemeilen entfernt dümpelte auf dem Meer ein Schlauchboot, auf dem dicht gedrängt Menschen saßen. Als sich die Crew mit dem Rettungsboot nähert, blickt sie in unzählige verschreckte Augenpaare. "Ich glaube, den Leuten war zunächst nicht klar, ob wir Freund oder Feind sind."

Meer zum Glück ruhig


Die Kommunikation erfolgt in Englisch. "Die Leute waren sehr disziplinier und haben geduldig gewartet." Die Helfer sind erschüttert, wie viele sich in das kleine Schlauchboot gequetscht haben. "Wir dachten erst, die sitzen nur am Rand, aber auch in der Mitte kauerten welche." Schnappauf schnauft durch. "Zum Glück war die See an diesem Tag sehr ruhig." Was passiert wäre, wenn es hohe Wellen gegeben hätte, mag er sich gar nicht ausmalen.

Doch die Sea-Eye musste auch turbulente Tage meistern. Bei Seegang schien der Fischkutter auf den Wellen zu tanzen. Nichts für empfindliche Mägen. Jeder, der das ausgehalten hat, konnte froh sein. Schnappauf kam mit dem Geschaukel ganz gut zu recht. "Das habe ich vorher auch nicht gewusst", erzählt er. Aufnehmen kann die Sea-Eye die Flüchtlinge nicht, dafür ist sie zu klein. Lediglich eine Hochschwangere darf an Bord. "Die Frau hätte es nicht mehr länger geschafft", erzählt Schnappauf. "Gott sei Dank war sie wohlauf." Über die Rettungsleitstelle in Rom, das Maritime-Rescue-Coordination Centre, bittet die Besatzung um Hilfe. Die Dignity, ein Schiff der Ärzte ohne Grenzen, nimmt sich der Menschen an und bringt sie nach Italien. Die Bilder machen Schnappauf nachdenklich: "Wie verzweifelt muss man sein, um sich freiwillig in Lebensgefahr zu begeben?", fragt er sich immer wieder.

Fischkutter restauriert


Als der Regensburger Unternehmer Buschheuer im Oktober 2015 beim "Transocean-Segelclub" für sein Hilfsprojekt wirbt, war für den begeisterten Hobbysegler klar: "Da möchte ich mitmachen." Fasziniert von der Mischung aus Tatkraft, Perfektion und Improvisation, mit der Buschheuer die Sache anging, entschließt sich Schnappauf gleich bei der Überführung des Kutters, der in Rostock restauriert und umgebaut worden ist, dabei zu sein. Die dritte Etappe von Malaga nach Sizilien sieht er als eine Art persönliche Testphase.

Mit Urlaub lässt sich das Leben an Bord nicht vergleichen. "Eng und einfach, aber funktionstüchtig", beschreibt der 66-Jährige die Situation. Nach ein paar Tagen auf See machte sich die mangelnde Routine beim Einkaufen bemerkbar. "Uns ist das Salz ausgegangen", schmunzelt Schnappauf. Doch beschwert habe sich niemand. Die Wellen machen sich auch in der Konsistenz des Essens bemerkbar. "Der Eintopf sollte dicker sein, sonst bleibt er nicht auf dem Teller."

Eigentlich wollte die Sea-Eye im Abstand von 12 Seemeilen vor der libyschen Küste patrouillieren. Doch nachdem ein anderes Rettungsschiff, die Sea Watch II, von der libyschen Küstenwache beschossen wurde, geht die Crew lieber auf Nummer sicher. "Die Konsequenz daraus ist, dass wir nun die 24-Meilen-Grenzen einhalten müssen." Natürlich würde jeder an Bord ein gewisses Risiko eingehen. "Aber wir reiten nicht auf der Abenteuerschiene", stellt der Helfer klar.

Crewwechsel auf Malta


Alle zwei oder drei Wochen wechselt die Crew. Die Sea-Eye kehrt dazu in den Hafen nach Malta zurück. Schnappauf war vom 20. April bis 9. Mai auf dem Rettungsschiff. "Im Juni fliege ich noch einmal runter, auch wenn es anstrengend ist." Seine Ehefrau, die erwachsenen Kinder sowie viele Freunde und Bekannte unterstützen sein Engagement und zeigen Respekt vor seinem persönlichen Einsatz. Doch Schnappauf muss sich auch kritischen Fragen stellen: "Wir haben doch schon genug Flüchtlinge. Warum schleust ihr die auch noch?"

Für ihn ist die Sache ganz klar: "Die Menschen fliehen so oder so. Wenn durch unseren Einsatz ein paar weniger ertrinken, können wir froh sein."

Projekt finanziert sich über Spenden3500 Menschen sind 2015 im Mittelmeer ertrunken. "Das kann nicht sein", dachte sich der Regensburger Michael Buschheuer. Aus diesem Grundgedanken heraus entschloss er sich, das Hilfsprojekt ins Leben zu rufen. Acht Kojen gibt es auf der Sea-Eye, für jedes Crewmitglied eine. Schichtdienst bestimmt den Tagesablauf. "Zwei sind immer am Ausguck, der Rest schläft oder repariert irgendwas", berichtet Wilfried Schnappauf. Die Crew verzichtet ganz bewusst auf Alkohol an Bord. "Man muss fit sein. Bei Seegang sollte man immer eine Hand am Schiff haben." Der Einsatz der Retter erfolgt ehrenamtlich. Das private Projekt finanziert sich komplett über Spenden. "Nicht nur Geld, sondern auch Arbeitskraft ist willkommen", betont Schnappauf. Es hätten sich zwar schon genug Leute gemeldet, um das Schiff bis Oktober zu besetzen, doch es könne immer jemand ausfallen. Wer die Mission unterstützen möchte, kann seine Spende auf das Konto von Sea-Eye e.V., IBAN: DE60 7509 0000 0000 0798 98, BIC: GENODEF1R01 bei Volksbank Regensburg, Stichwort: Sea-Eye, einzahlen. Weitere Infos gibt es unter sea-eye.org/spenden. (mic)
Wie verzweifelt muss man sein, um sich freiwillig in Lebensgefahr zu begeben?Dr. Wilfried Schnappauf
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