Bonhoeffer-Premiere des LTO
Am Leben hängen

Licht und Schatten. Beim Gefangenentransport ins Konzentrationslager Flossenbürg ist noch völlig offen, ob Josef Müller (Gernot Ostermann, links) oder Dietrich Bonhoeffer (Hannes Hoffmann) die letzten Kriegstage überleben. Bild: Tobias Schwarzmeier
Kultur
Flossenbürg
10.04.2016
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Das Landestheater Oberpfalz (LTO) zeigt in der Gedenkstätte Flossenbürg mit Bernhard Setzweins "Später Besuch" ein atemberaubendes Stück über die christlichen Widerständler Josef Müller, der überlebte und Dietrich Bonhoeffer, der am Premierentag vor 71 Jahren hingerichtet wurde.

Der Oberpfälzer Schriftsteller erzählt mit "Später Besuch" nicht nur das Schicksal zweier Männer nach. Ganz nebenbei, und im Verlauf dieses nächtlichen Dialogs immer drängender, rückt die moralische Gretchenfrage in den Fokus: Inwieweit nämlich der Einzelne Verantwortung trägt für den Anderen, auch und gerade vor dem Hintergrund eines völlig außer Kontrolle geratenen und zutiefst inhumanen Justizapparates.

Der Staatsrechtler Carl Schmitt war ganz bestimmt alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse: Im Sommer 1934, die Nazis hatten ihre innerparteilichen Konkurrenzkämpfe soeben per Mord entschieden, urteilte er: "Der Führer schützt das Recht!" Dennoch stammt von ihm ein bemerkenswerter Satz, der auch als Motto über Setzweins theatraler Auseinandersetzung mit dem Tod des Theologen Dietrich Bonhoeffer und dem gleichzeitigen Weiterleben von CSU-Mitbegründers Josef Müller bilden könnte: "Das Normale beweist nichts, die Ausnahme beweist alles!"

Nicht nur mit Realitäten


Natürlich lässt sich Setzwein zunächst vom biografischen leiten und von dem, was von Historikern quellentechnisch gesichert wurde: Dass mit Bonhoeffer die Galionsfigur des protestantischen Widerstands im Konzentrationslager Flossenbürg inhaftiert war - und dass ihm mit Müller quasi ein Pendant der katholischen Seite gegenüber saß.

Dass der eine zum Tod verurteilt wurde und dass der andere, der "Ochsensepp" genannte Josef Müller, als KZ-Überlebender zum Mitbegründer der CSU aufsteigen kann. Hielte sich der Autor an die bloßen Fakten, er wäre nur ein Journalist. Aber der seit fast 30 Jahren in Ostbayern lebende Schriftsteller, er handelt eben nicht nur mit Realitäten!

Ganz nebenbei ist er auch ein findiger Romancier und vor allem: ein Dramatiker. Setzwein ist ausgestattet mit jenem Gen, das es ihm gestattet, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, ohne dabei im bloß Fantastischen zu landen. Nein, gerade weil er Bonhoeffer und Müller zu einem Treffen zusammenführt, das so nie stattgefunden haben kann (ein Toter trifft den Überlebenden), entfaltet dieses Spiel seine so überwältigende und parabelhafte Wirkung.

Müller sitzt alleine in der Zelle. Der SS-Scherge (fast zu laut, um Angst zu verbreiten: Adrian Stuhlfelner) glaubt, in ihm Bonhoeffer gefunden zu haben. Müller aber beharrt in dieser Ausnahmesituation auf seiner wahren Identität. Natürlich hängt er am Leben, geht nicht das (ohnehin recht aussichtslose) Risiko ein, durch den eigenen Tod den anderen zu schützen. Er bewirkt so, dass Bonhoeffer, nach einer Irrfahrt durch den Bayerischen Wald, doch noch gefunden - und gehängt wird.

Die von Setzwein erdachte nächtliche Begegnung freilich muss als Kammerspiel unter der Schädeldecke eines Einzelnen verstanden werden: Den Ochsnsepp, der sich gerade mit dem sehr jungen und agilen Franz Josef Strauß hinunterstreiten muss (wir hören die Stimme des nachmals größten Bayernbazis aus dem Off), ihn verfolgt sein schlechtes Gewissen. Aber Setzwein sei Dank sind wir weder im Beichtstuhl noch im Gerichtssaal gelandet: Der Dialog der beiden Protagonisten kreist um die Kernfragen von Moral, von Schuld und Verantwortung - und ist gleichzeitig unendlich spannend.

Bühne mitten im Saal


Verantwortlich dafür sind nicht nur die beiden vom Landestheater "gecasteten" Schauspieler Hannes Hoffmann (sehr überzeugend als ewig fragender Bonhoeffer; und an seiner Seite seine Braut Maria, tiefgläubig gespielt von Doris Hofmann) und Gernot Ostermann (ein hemdsärmeliger, zupackender und pragmatischer Ochsnsepp), sondern auch die Idee von Regisseur Till Rickelt, die Bühne im Zentrum des Saals im ehemaligen SS-Kasinos zu positionieren: So blickt das Publikum von zwei Seiten auf das ernste Spiel des toten Protestanten und des überlebenden Katholiken. Und schafft die Ausnahmesituation, dass dieser eineinhalbstündige Diskurs nicht nur lehrreich, sondern auch unterhaltend geführt wird. Für die berührende Inszenierung gibt es zu recht langanhaltenden Applaus.
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