Dietrich Bonhoeffer
Ein evangelischer Heiliger

Im April vor zehn Jahren wurde die Büste von Dietrich Bonhoeffer in der Kirche der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg aufgestellt. Archivbild: dpa
Kultur
Flossenbürg
04.04.2015
86
0
Flossenbürg: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg |

Dietrich Bonhoeffer wird von Protestanten und Katholiken geschätzt. Er gilt als einer der bedeutendsten evangelischen Theologen des vergangenen Jahrhunderts. Vor 70 Jahren wurde er im Alter von 39 Jahren ermordet - im Konzentrationslager Flossenbürg.

Von Alexander Pausch

"Das ist das Ende. Aber es ist auch ein Beginn", soll der 39-jährige Theologe am Morgen des 9. April 1945 gesagt haben, als der Henker schon auf ihn wartete. Diese letzten Worte klingen seltsam fremd in unserer Zeit, die von Lebensgier geprägt ist. Sterben für eine höhere Sache, und das noch in aller Gelassenheit, scheint heute unvorstellbar. Zumal der Begriff des Märtyrers spätestens seit den islamistischen Anschlägen vom 11. September 2001 negativ besetzt ist. Und doch: Dietrich Bonhoeffer gilt als Glaubenszeuge, als Märtyrer. Als er kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs an jenem 9. April vor 70 Jahren im damaligen Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde, starb er, weil er sich aus christlicher Überzeugung heraus dem totalitären nationalsozialistischen Regime entgegengestellt hatte.

Neben Bonhoeffer werden am 9. April 1945 im Arresthof des KZ-Flossenbürg noch weitere Mitwisser des gescheiterten Attentats vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler ermordet: Wilhelm Canaris, Hans Oster, Karl Sack, Theodor Strünck und Ludwig Gehre. Am Tag zuvor, am 8. April 1945, war Bonhoeffer in einem Schauprozess verurteilt worden. Nach Flossenbürg war der am 4. Februar 1906 geborene Theologe aus dem KZ-Buchenwald, seiner vorletzten Lebensstation, über Regensburg und Schönberg im bayerischen Wald gebracht worden.

Bonhoeffer war schon am 5. April 1943 verhaftet worden. Mehr als ein Jahr saß er im Gefängnis in Tegel, wo er relative Bewegungsfreiheit hatte. Erst nach dem Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 entdeckte die Gestapo seine Verwicklung in die Verschwörung. Am 8. Oktober wurde er in den berüchtigten Gestapokeller in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht.

Agendt der Abwehr

Bonhoeffer befürwortete das Attentat auf Hitler und bereitete es mit vor - wohl als einziger evangelischer Pfarrer. Seine Aufgabe war es, getarnt als Agent der Abwehr, im Ausland Kirchenmänner in die Attentatspläne gegen Hitler einzuweihen und für ein anderes Deutschland zu werben. "Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzustehen. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus sei so etwas", schrieb Bonhoeffer 1935 an seinen Bruder Karl-Friedrich. Von diesem Jahr an leitete er das Priesterseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde. Mit der evangelischen Reichskirche wollte er nichts zu tun haben. 1937 bekam er Lehrverbot, 1940 Redeverbot. Schon früh erkannte Bonhoeffer, in welchen Abgrund die politische Entwicklung Deutschland und Europa reißen wird. Dennoch war er 1939 aus dem sicheren Exil in New York nach Deutschland zurückgekehrt. "Ich werde kein Recht haben, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens nach dem Kriege in Deutschland mitzuwirken, wenn ich nicht die Prüfungen dieser Zeit mit meinem Volke teile", schrieb er dem New Yorker Theologieprofessor Reinhold Niebuhr. Aus heutiger Sicht ragt Bonhoeffer umso mehr hervor, weil sich damals große Teile der evangelischen Kirche mit wehenden Fahnen in den Dienst des Nationalsozialismus stellten. Und: Er wandte sich gegen den Antisemitismus: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen."

Bonhoeffers Tod, seine Schriften, sein Lebensweg üben noch heute eine ungebrochene Faszination aus. "Seine Gedanken faszinieren die Menschen in ganz unterschiedlichen Teilen der Welt", schreibt der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. "Seine authentische Existenz im Glauben und sein christliches Zeugnis im Widerstand gegen den Nationalsozialismus bis zur Hingabe seines Lebens bedeuteten für Menschen überall auf der Welt Inspiration, die sich in Situationen der Unterdrückung für die Menschenwürde einsetzten."

Große Aktualität

In Bonhoeffers Theologie zeigt sich eine große Aktualität. Sätze wie "Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist" und "Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören" könnten auch von Papst Franziskus stammen. Der evangelische Theologe ist nicht nur für Protestanten von Bedeutung, macht der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, deutlich. Der ehemalige Bischof von Regensburg, der über Dietrich Bonhoeffer promovierte, spricht davon, dass der evangelische Märtyrer für die Ökumene bedeutsam sei. Zudem erinnert er daran, dass viele Texte Bonhoeffers in katholischen Gemeinden präsent sind. Nicht zuletzt durch das von Bonhoeffer zur Jahreswende 1944/45 im Gefängnis verfasste Gedicht "Von guten Mächten treu und still umgeben". Es ist auch als Lied im neuen katholischen Gotteslob aufgenommen.

Kein Grab

Vor neun Jahren, zum 100. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers, erhob der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, den Theologen in den Stand des "evangelischen Heiligen". Zwar lehnt die evangelische Kirche die "Anrufung von Heiligen" ab, aber als Vorbild und Glaubenszeugen wollte und will sie Dietrich Bonhoeffer sehr wohl verstanden wissen. "Wir erinnern uns an einen Menschen, dessen Leben und Sterben Zeugnis seines Glaubens war und bis heute ist", sagte der Synodale Rudolf Forstmeier bei der jüngsten Frühjahrssynode der evangelischen Landeskirche in Bayern.

Ein Grab gibt es nicht. An Dietrich Bonhoeffer erinnert in Flossenbürg eine Gedenktafel in den Resten des ehemaligen Arrestbaus. Zudem wurde vor zehn Jahren in der Kirche oberhalb des "Tals des Todes" eine Büste aufgestellt.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.