Düsseldorfer Schüler widmen Jack Terry ein Theaterstück
"Manchmal reicht eine Wahl"

Applaus und eine Umarmung zum Schluss. Düsseldorfer Gymnasiasten haben Jack Terry, Sprecher der ehemaligen Häftlinge des KZ, ein Theaterstück gewidmet. Die Aufführung, die auch Schüler aus der Region sehen, "hat mich überwältigt", sagt der 86-Jährige am Ende. Bild: Schönberger
Kultur
Flossenbürg
27.01.2017
425
0

Düsseldorfer Gymnasiasten widmen KZ-Überlebendem Jack Terry ein Theaterstück. Bei ihrer Aufführung in Flossenbürg zeigen sie Parallelen zwischen der Nazi-Zeit und heute. Grund für eine Mahnung.

Machen Sie sich Sorgen, Mr. Terry? "Ja." Kann ein Theaterstück helfen, dass es weniger werden? "Sicher."

Terry sitzt in einem Eck des früheren SS-Casinos in der KZ-Gedenkstätte. Von draußen scheint ihm die Sonne ins Gesicht. Er spricht über die Gefühle, die die Welt heute in ihm auslöst. "Eine Welt im politischen Chaos", wie er sagt, mit Kriegen wie der in Syrien, Terrorismus, einem aggressiven Russland und einer immer lauteren Rechten in Europa. Und er spricht darüber, was junge Kultur dagegen anrichten kann. Ein paar Minuten hat er noch, bevor das Theaterstück im Obergeschoss losgeht. Sein Stück.

Beeindruckende Gespräche


Terry, geboren in Polen und nach dem Krieg und der Ermordung seiner Familie in die USA übergesiedelt, hat als Jugendlicher das Konzentrationslager überlebt. Heute, mit bald 87 Jahren, ist er Sprecher der ehemaligen Häftlinge. Und wieder und wieder tritt er als Zeitzeuge auf vor Jugendlichen. Schüler in der Oberpfalz kennen seine Geschichte, so wie Schüler anderswo in Deutschland. 2015 etwa war er am Görris-Gymnasium Düsseldorf. Es seien beeindruckende Gespräche damals gewesen, sagt er. Nicht nur für ihn.

Die Düsseldorfer, die damals an einem Theaterstück über die NS-Zeit arbeiteten, hielten nach den Gesprächen Kontakt mit Terry. Gleichzeitig feilten sie weiter an ihrem Stück, das sie letztlich ihm widmeten. Es basiert auf Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" über ein Ehepaar, das im Krieg Flugblätter gegen Hitler verteilte. Ergänzt haben es die Schüler mit Zitaten von Hitler, mit eigenen Texten. Und mit Geschehnissen von heute. Von Angriffen auf Flüchtlinge etwa ist zu hören. Oder von der Hetze eines AfD-Politikers.

"Wir wollen Parallelen aufzeigen", erklärt Lisa Steffen, eine der Darstellerinnen. Das Stück sei entstanden zu einer Zeit, als "Pegida" großmächtig aufgetreten sei. Das zeige doch, dass "die Gefahr groß ist", dass sich die Geschichte von einst zumindest in Teilen wiederholen könne. "Aber wir wollen darauf nicht mit Angst reagieren, die lähmt. Wir wollen etwas machen." Nämlich Theater. Das sei ja damals auch die Botschaft gewesen, die Terry ihnen vermittelt habe, sagt Mitschüler Christopher Brosch: Man müsse sich wieder und wieder an den Nationalsozialismus erinnern, gegen das Vergessen ankämpfen. "Aber auch auf die Gegenwart aufpassen."

Vergessen gebiert Monster


Diese Botschaft findet sich gleich im Titel des Stücks. "Der Schlaf des Vergessens gebiert Ungeheuer" heißt es. Als die Gedenkstätte davon erfuhr, lud sie die Düsseldorfer ein. Nun spielen sie ihr Theater vor Jugendlichen aus der Region, unter anderem vor Schülern der drei Weidener Gymnasien und der Weidener Wirtschaftsschule. Und vor Terry.

Ob es ihm nicht Sorgen macht, dass auch die Schüler so viele Parallelen erkennen? Natürlich, sagt der 86-Jährige. Es gebe viele Beispiele in der Welt und Deutschland, die zeigten, dass "die Gesellschaft nicht genug gelernt hat aus der Geschichte". Aber es sei nicht alles schwarz. Terry zeigt nach draußen, auf die Sonne. Die, sagt er, sei das beste Desinfektionsmittel. Heißt: Solange die Rechten sich in einer Demokratie ganz offen der Gegenseite stellen müssen, solange gibt es Hoffnung. Zumindest wenn die anderen dagegen arbeiten. Die, die aus der Geschichte gelernt haben, sagt Terry, "sind die Wächter der Demokratie".

Ein Theater wie dieses könne helfen gegen das Vergessen. Auch um sich daran zu erinnern, dass der Schritt ins Grauen mitunter schneller getan ist als erwartet. So wie 1933. "Manchmal", sagt Terry, "reicht nur eine einzige Wahl."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.