Interview mit Bernhard Setzwein
Dunkle Nächte nach der Stunde null

Während Dietrich Bonhoeffer (Hannes Hoffmann, links) Opfer der NS-Mordmaschinerie wurde, überlebte Josef Müller (Gernot Ostermann) mit knapper Not. Bernhard Setzwein erweckt den toten Bonhoeffer wieder zum Leben und ermöglicht so einen Dialog zwischen den beiden Widerständlern, etwa über die Gretchenfrage, ob der Tod des einen die Schuld des anderen war. Bild: LTO
Kultur
Flossenbürg
05.04.2016
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Autor Bernhard Setzwein

Der Oberpfälzer Schriftsteller und Dramatiker Bernhard Setzwein hat ein Stück geschrieben über zwei Männer, die Widerstand leisten gegen das NS-Regime. Während der eine der Mordmaschinerie gerade noch entkommt, muss der andere mit dem Leben bezahlen.

Nach Kriegsende wird Josef Müller, genannt "der Ochsensepp", zum Mitbegründer der CSU und ihr erster Vorsitzender. Der andere, Dietrich Bonhoeffer dagegen, wird zur mythisch-überhöhten Heiligenfigur, zum Symbol für den Widerstand schlechthin. Bernhard Setzwein lässt die beiden noch einmal aufeinandertreffen, in später Nacht, in einer Zeit entscheidender Weichenstellungen, Ende des Jahres 1945, in der Gründungsnacht der CSU. Was der eine, dessen Schuld es war, überlebt zu haben, dem anderen, der das Nachkriegsdeutschland nicht erleben durfte, zu sagen hat?

Am Samstag, 9. April (20 Uhr), hat das Setzwein-Stück "Später Besuch - Dietrich Bonhoeffer Redivivus" in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in einer Inszenierung des Landestheaters Oberpfalz (LTO) Premiere. Die Kulturredaktion führte mit Bernhard Setzwein dieses Interview.

Auf den Tag genau 71 Jahre nach seiner Ermordung in Flossenbürg sorgen Sie für die theatrale Wiederauferstehung von Dietrich Bonhoeffer. Was hat Sie dazu bewogen, sich mit ihm, der bekanntesten Figur des protestantischen Widerstands gegen Hitler, auseinanderzusetzen?

Bernhard Setzwein: Erst einmal: Dass es dieses Stück überhaupt gibt, haben wir alle - Schauspieler, Regisseur, Zuschauer und Autor - Matthias Winter zu verdanken. Es war noch unter seiner Intendanz am Landestheater Oberpfalz (LTO), dass es erste Gespräche mit Pfarrer Herbert Sörgel von der Evangelischen Gedenkstättenarbeit in Flossenbürg gegeben hat, ob man nicht einmal ein Theaterstück über Dietrich Bonhoeffer ins Auge fassen sollte.

Wie ist man auf Sie gekommen?

Dass mich Matthias Winter als möglichen Autor ins Spiel gebracht hat, mag damit zusammenhängen, dass wir beide gemeinsam ja schon ein Stück aus der Taufe gehoben hatten, nämlich das über den letzten Scharfrichter Bayerns, den Johann Reichhart. Das war "3165 - Monolog eines Henkers". Übrigens gar nicht so abwegig, das Reichhart auch der Vollstrecker des Todesurteils an Bonhoeffer hätte sein können. Die Geschwister Scholl hat er ja hingerichtet. Im Grunde ist das Bonhoeffer-Stück eine logische Fortsetzung: Auch hier eine authentische, historische Figur, auch hier wieder die Schreckensjahre der Naziherrschaft, auch hier wieder die großen moralischen Fragen, wie sich verhalten unter der Extremsituation einer mörderischen Diktatur.

Bonhoeffer stellen Sie Josef Müller gegenüber, jene unter seinem Spitznamen "Ochsensepp" legendär gewordene Figur des katholischen Widerstands, die nach 1945 federführend verantwortlich war für die Gründung der CSU. Die beiden kannten sich wirklich?

Ja, sie waren recht gut bekannt, was ich auch nicht wusste, als ich anfing, mich in die Materie einzuarbeiten. Beide arbeiteten nominell für den militärischen Geheimdienst der Reichswehr. Sie sollten also quasi für die Nazis Spionage betreiben. Tatsächlich aber nutzten sie ihre Auslandskontakte, um zu sondieren, wie die Alliierten bei einem glückenden Attentat auf Hitler, von dessen Plänen Bonhoeffer und Müller wussten, reagieren würden. Ihre Verschwörung flog auf, sie landeten beide erst im Militär, dann im Gestapo-Gefängnis in Berlin und waren Teil eines Prominenten-Gefangenentransportes, der im Februar 1945 Richtung Süden losgeschickt wurde.

Das alles geschah im größten Chaos der letzten Kriegswochen, es kam zu Verwechslungen, Vertauschungen, alles sehr spannend und vertrackt. Jedenfalls endete es damit, dass der eine, Bonhoeffer, nach nur einer Nacht im KZ in Flossenbürg hingerichtet wurde, der andere aber mit dem Leben davonkam.

Das Landestheater Oberpfalz spielt das Stück in Flossenbürg, also, wenn man so will, am "Originalschauplatz". Wie hoch ist denn der Anteil des Fiktionalen in Ihrem Stück?

Das Fiktionale ist allein schon deshalb gegeben, weil mein Stück im Spätherbst 1945 spielt, zu einem Zeitpunkt also, wo Bonhoeffer schon ein halbes Jahr lang tot ist. Dennoch steht er plötzlich in Müllers Münchner Wohnung, wo gerade in später Nacht eines der legendären "Mittwochstreffen" zu Ende gegangen ist. Da ging es um die Vorbereitung der Gründung der CSU, ein Teilnehmer dieser Treffen war übrigens der junge Strauß, der in meinem Stück auch einen kurzen Auftritt hat. Der "Ochsensepp" wird also quasi mit einem Traumbild konfrontiert, einem verdrängten Traumbild auch, weil diese Konfrontation noch einmal höchst unangenehme Fragen bei ihm aufwirft. Zusammengefasst würden sie lauten: Warum bin ich davongekommen, mein Gesinnungsfreund und Mitverschwörer Bonhoeffer aber nicht?

Kenntnis der Biografie und der Zeitgeschichte ist das eine - die Arbeit des Autors aber beginnt dann, wenn's um die Frage geht: Wie wird daraus ein dramatischer Stoff? Wovon haben Sie sich dabei leiten lassen?

Ja, im Grunde von diesem Einfall eines so natürlich nicht statt gehabten Geistergesprächs. Es läuft alles über die Sprache ab. Regisseur Till Rickelt hat seinen Schauspieler deutlich gemacht, ich war dabei und hab es mit großer Zustimmung gehört, dass es in diesem Fall wirklich auf jedes Wort ankommt, auf jede Satzstellung. Wir haben es nämlich im Grunde mit einem hoch erhitzten Rededuell zu tun. In das aber auch noch andere Färbungen hineinspielen, es tritt ja auch noch die junge Verlobte des Theologen auf, Maria von Wedemeyer, mit der Bonhoeffer diesen absolut ergreifenden Briefwechsel aus dem Gefängnis heraus geführt hat.

Mehr als 70 Jahre sind seit dem Tod von Bonhoeffer vergangen: Das heißt auch die nationalsozialistische Vergangenheit taucht langsam in den Nebel des biographischen Vergessens. Was darf ein Autor seinem Publikum an Vorwissen abverlangen?

Schwierige Frage. Ein gewisses Vorwissen über die Zeit des Nationalsozialismus und speziell über die Verschwörerkreise, die ja mehrere Attentate auf Hitler planten, nachdem sie immer wieder fehlschlugen, ist sicher hilfreich. Andererseits: Man kann so ein Stück ja auch als Aufforderung verstehen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Und der Aufführungsort, übrigens durch hervorragende Unterstützung von Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit, bietet da die besten Voraussetzungen. Während der Laufzeit des Stückes gibt es übrigens Themenführungen durch die KZ-Gedenkstätte speziell zu Bonhoeffer.

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0 und www.nt-ticket.de
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