Studentin erforscht den Vogelherd
Siedlung mit Stigma

Impressionen vor Ort zu sammeln, ist ein wichtiger Bestandteil der Masterarbeit von Lena Möller. Bürgermeister Thomas Meiler stellte der jungen Wissenschaftlerin das Gelände am Vogelherd vor. Bild: nm
Kultur
Flossenbürg
18.04.2017
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Dort, wo jetzt noch Bauinformationen stehen (linker Bildbereich), soll künftig eine Informationstafel zur Geschichte und zur Entwicklung des Gebietes am Vogelherd aufgestellt werden. Bild: nm

Im Gefängnis geboren? Das gibt es in der Grenzgemeinde tatsächlich. Was es damit auf sich hat, erforscht derzeit eine Studentin aus Thüringen.

Noch Jahre nach dem Krieg lebten unter anderem in der sogenannten Gefängnis-Baracke des ehemaligen KZ Heimatvertriebene. Wenige Meter entfernt entstand in den 1950er-Jahren die Vogelherd-Siedlung.

Mit dem Gelände das nördlich an die heutige KZ-Gedenkstätte anschließt und vor allem mit den dort lebenden Menschen beschäftigt sich seit dem Spätherbst Lena Möller. Die Thüringerin studiert seit 2011 in Regensburg und schreibt ihre Masterarbeit über den Vogelherd.

Möller studiert Geschichte und Vergleichende Kulturwissenschaft. Für die Masterarbeit war sie auf der Suche nach einem historischen und alltagskulturellen Thema. Da kam der Kontakt von Bürgermeister Thomas Meiler zu ihrem Lehrstuhlinhaber, Professor Daniel Drascek, recht. Meiler war auf der Suche nach einem wissenschaftlichen Beitrag zur Nachkriegsgeschichte des Vogelherds.

Der Professor schlug Möller für die anspruchsvollen Vorgaben vor. Die Studentin willigte ein: "Das Thema ist eine Herausforderung. Je tiefer ich aber in die Siedlungsgeschichte und das Leben ihrer Bewohner eintauche, desto deutlicher wird mir, wie facettenreich beides ist." Befassen wird sich die junge Frau mit Alltag, Historie und den Auswirkungen auf den Ort. Dem liegt ein Gedankengang von Bürgermeister Thomas Meiler zugrunde: "Nach den in Kürze abgeschlossenen und umfangreichen Arbeiten im Rahmen der Städtebausanierung sollen neben den Bauarbeiten die Menschen und die Geschichte eine Rolle spielen."

Beim Vogelherd handelt es sich nicht um irgendein Siedlungsgebiet. Früher standen dort KZ-Baracken und nach dem Krieg, als Flossenbürg durch den Zustrom der Heimatvertriebenen aus allen Nähten platzte, dienten die sogar als Wohnraum. Ob in Holzbaracken tatsächlich Heimatvertriebene lebten, wird noch im Detail geprüft. Die gemauerten Gebäude waren dagegen bis zum letzten Quadratmeter belegt. Deutlich vor Augen führt das Dilemma die nach oben schnellende Bevölkerungszahl. 1950 zählte Flossenbürg mehr als 2400 Einwohner. Zurzeit sind es rund ein Drittel weniger.

Viele hatten die Hoffnung aufgegeben, jemals eine vernünftige Wohnung zu bekommen. Dann geschah aber fast so etwas wie ein Wunder. Landkreissiedlungswerk und Gemeinde arbeiteten nach langen Verhandlungen mit dem Staat zusammen. In den 50er-Jahren verschwanden die Notunterkünfte nach und nach zugunsten von richtigen Häusern. Auf dem Gelände des früheren KZ entstanden 130 Wohnungen.

Heute noch das "Lager"


Wie kann man dort nur wohnen? Die immer wieder zu hörende Frage spielte damals nicht die Hauptrolle. Die Familien brauchten auf die Schnelle menschenwürdige Unterkünfte, und das Gelände bot sich wegen der vorhandenen Wasser- und Abwasserleitungen an. Langes Zaudern gab es nicht. Die Vogelherd-Siedlung wird selbst heute noch als "Lager" bezeichnet - als Ortsangabe und nicht als Wertung.

Viele Vertriebene zogen im Laufe der Zeit weiter, viele blieben aber auch und fanden im Norden Flossenbürgs eine neue Heimat, inzwischen in der zweiten und dritten Generation. Meiler will die unterschiedlichen Vogelherd-Aspekte auf Dauer festhalten und für die Nachwelt bewahren. Der Kontakt zur Regensburger Universität trug Früchte.

Unterstützung bekommt Lena Möller von einigen Flossenbürger. Sie treten als Vermittler für Zeitzeugengespräche auf. Mindestens zwei solcher Zeitzeugen aus jeder Generation sollen zu Wort kommen. Nützlich war die Hilfe auch in anderer Hinsicht. So fand sich eine auswärts lebende Frau mit einem Fotoarchiv aus längst vergangenen Tagen.

Dass das Thema nicht ausschließlich von örtlichem Interesse ist, zeigt sich an der Reaktion bei einem Gespräch mit dem Bund der Vertriebenen. Es gab ein überaus positives Echo. Das "Haus des Deutschen Ostens" bewilligte für den finanziellen Aufwand einen Zuschuss. Möllers Masterarbeit wird nicht in einer Schublade schlummern, sondern soll als Publikation Interessenten zugänglich sein. Einige Monate werden bis zum Abschluss noch vergehen. Zudem bleibt es nicht bei einem gedruckten Werk. Eine Tafel an der westlichen Zufahrt zu dem Gebiet wird den Stellenwert der unterschiedlichen Aspekte vor Augen führen. In gewisser Weise wird das nicht zuletzt eine Hommage an die Menschen sein, die ihre Heimat verloren und nun für Flossenbürg eine Bereicherung darstellen.

Arbeit ausbaufähig


"Mit der Masterarbeit muss nicht zwangsläufig ein Schlusspunkt gesetzt werden", wünscht sich Meiler eine Fortsetzung: "Es wäre interessant, den Sachverhalt zusätzlich aus Sicht der Einheimischen zu beleuchten und danach zu fragen, wie sie die damalige Zeit mit den neuen Mitbürgern erlebt und empfunden haben."
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