Befreit, aber nicht frei

Im Juni 1999, ein Jahr nachdem begonnen wurde, die baulichen Überreste des Lagers konsequent in die Gestaltung der KZ-Gedenkstätte einzubeziehen, zeigte Jack Terry der damaligen bayerischen Kultusministerin Monika Hohlmeier den Versorgungsgang, in dem sich der damals 15-jährige im April 1945 bis zur Ankunft der US-Truppen versteckt hatte. Archivbild: dpa
Lokales
Flossenbürg
23.04.2015
19
0

Vor 20 Jahren, nach dem 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg, hatte sich Jack Terry entschlossen, nie wieder nach Flossenbürg zurückzukehren. Zu groß war die Enttäuschung. Doch seither ist der ehemalige Häftling jedes Jahr gekommen. Längst ist er das bekannteste Gesicht unter den Überlebenden.

Wieder und wieder hat Jack Terry in den vergangenen Jahrzehnten erzählt, dass der 23. April 1945 der "traurigste Tag in seinem Laben" war, obwohl er an diesem Tag aus dem Konzentrationslager Flossenbürg von amerikanischen Soldaten befreit worden war. Es war das erste Mal, sagt der heute 85-Jährige, dass er darüber nachdenken konnte, wer er war und was er verloren hatte. "Es war das erste Mal, dass ich nicht darüber nachdenken musste, woher ich das nächste Stück Brot bekomme."

"Das Lager wurde befreit, aber wir ehemaligen Häftlinge wurden nie von den Erfahrungen befreit", sagt Terry, der in New York lebt. Ein Satz der so oder ähnlich von allen Überlebenden zu hören ist. Das unermessliche Leid, der Terror des KZ-Systems verfolgt die ehemaligen Häftlinge bis heute. Jack Terry war als Kind im Alter von 13 Jahren in Polen ins Lager gekommen. Flossenbürg, wohin er 1944 gebracht worden war, überlebte der damals 15-Jährige nur, weil er nicht im Steinbruch, sondern in der Flugzeugfabrik arbeiten musste. Zudem halfen ihm Häftlinge, sich zu verstecken, als die SS-Mannschaft die Übrigen auf die Todesmärsche Richtung Dachau trieb.

Im Lager Deutsch gelernt

Wenn Jack Terry von der Zeit im Konzentrationslager oder von negativen Begegnungen mit Deutschen nach 1945 berichtet, wechselt er für einige Worte ins Deutsche: "Da unten war ein KZ-Lager, aber es war nicht so schlimm", zitiert er einen deutschen Geologen. Mit ihm war Terry, der damals als amerikanischer Soldat in Heidelberg stationiert war, 1955 nach Flossenbürg gekommen. Beide standen oben auf der Burg und der Deutsche deutet hinunter auf das ehemalige KZ-Gelände. Doch das Konzentrationslager war eine Mordstätte.

Jack Terry hat Deutsch gelernt - im Konzentrationslager. Eine Notwendigkeit. Denn wer die Anweisungen der SS-Mannschaften nicht verstand, lief Gefahr erschossen zu werden. Im Jahr 1995, zum 50. Jahrestag, war er erneut zurückgekommen. Von dem was er sah, war er angewidert, erzählt Terry. "Ich sah den Park. Ich sah die Siedlung. Ich sah Kinder auf dem Platz spielen, wo ich mitansehen musste, wie jemand im selben Alter gehängt wurde." Dazu kam die Fabrikhalle auf dem Appellplatz. "Alles war Privatbesitz, ich konnte nicht hinein." Er schwor sich, nicht zurückzukehren

Es kam anders. Seither ist er jedes Jahr zurückgekehrt. Hat zusammen mit anderen Überlebenden an der Neugestaltung der Gedenkstätte mitgearbeitet. Er berät die Stiftung bayerischer Gedenkstätten. 2009 bekam er die bayerische Verfassungmedaille. Und: Längst hat er wegen seines Engagements in Deutschland mehr Freunde als zu Hause in den Vereinigten Staaten. Spätestens seit dem Film "Die zwei Leben des Jack Terry" ist der New Yorker das bekannteste Gesicht unter den Überlebenden des Konzentrationslagers Flossenbürg.

Dass es so kam, liegt am damaligen Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung, Michael Rupp, aber auch an Jörg Skriebeleit, heute Leiter der Gedenkstätte. Ersterer lud 1997 Überlebende ein, Ideen für eine Neugestaltung des Gedenkens in Flossenbürg zu entwickeln. Darunter war auch Jack Terry. Und da war der junge Mann, der ihn um ein Zeitzeugeninterview gebeten hatte. "Ich bemerkte, dass sein Interesse so war, dass es mir ein kleines bisschen Hoffnung gab." Der junge Mann war Jörg Skriebeleit. Heute ist sind er und Jack Terry Freunde.

Nichts gelernt

Bis heute ist Jack Terry ein Suchender. Ihn treibt die Frage: "Warum war das möglich?" Oder: Warum sind Menschen zu solcher Grausamkeiten fähig? Warum die Deutschen? Warum diese gebildete Kulturnation? Den Einwand, dass es möglicherweise keine Antwort geben könnte, weist er zurück. Jack Terry ist überzeugt, dass es eine geben müsse, wenn gleich er sie offensichtlich noch nicht gefunden hat. Doch er, der gerne "optimistisch sein würde", wie er sagt, ist pessimistisch was die Lehren aus dem Holocaust betrifft.

"Wir als Gesellschaft haben nichts aus unserer Erfahrung gelernt." Zur Begründung verweist Jack Terry auf die Massenmorde in Kambodscha, im ehemaligen Jugoslawien und Ruanda. Und die Gedenkstätte? "Das was erreicht wurde, ist mehr als wir erwartet haben", sagt Terry. Gleichwohl macht es ihn traurig, dass bald alle Überlebenden verschwunden sein werden. Wer erzählt dann von der Pein, dem Schmerz, dem Terror - und vom Geruch des verbrannten Körper, der über Flossenbürg hing?
Weitere Beiträge zu den Themen: München (6406)Magazin (11335)April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.