Der Ort zwingt uns auf die Knie

Lokales
Flossenbürg
27.04.2015
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Zeugnisse des tiefsten Vertrauens in die Erinnerungsarbeit: Am Sonntag kam es zu einem vielstimmigen Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg vor siebzig Jahren.

"Nur die, die der Hölle des Konzentrationslagers Flossenbürg und seiner Außenlager entronnen sind, können beschreiben, was Befreiung bedeutet." Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg bringt es in diesem Satz auf den Punkt. Emil Lezak hat es mit den Worten "Prisoners Happy end!" formuliert, als er sein "Welcome" für die amerikanischen Soldaten auf die Stofffahne schrieb, die die ersten US-Soldaten begrüßte.

Skriebeleit, der mit einem kleinen Team im Jahr 1995 begann, der Gedenkstätte ihre Identität zurückzugeben sowie Vertuschungen und Verharmlosungen zu beseitigen, kann an diesem 70. Jahrestag der Befreiung seinen ganz persönlichen Erfolg feiern. Die ehemaligen Gefangenen sind ihm dafür dankbar, und die rund 500 Angehörigen von ehemaligen Häftlingen, die im Publikum sitzen, und von Skriebeleit besonders begrüßt werden, sind es wohl auch.

Die weit über 40 ehemaligen Gefangenen haben ihren Augen nicht getraut, als sie dieser Tage den Platz des ehemaligen Lagers wiedersahen: Vor 20 Jahren war das noch anders: Jack Terry, Sprecher der ehemaligen Häftlinge, war über die Abdeckungen, Überbauungen und parkähnlichen Verschönerungen des Geländes derart entsetzt, dass er nicht mehr wiederkommen wollte. Es ist alles anders gekommen. Terry hat zum 70. Jahrestag die Hauptrede gehalten und vor aller Welt und einer langen Reihe prominenter Vertreter der Öffentlichkeit Zeugnis dafür abgelegt, dass die Entwicklung der Gedenkstätte zu einem internationalen Ort der Begegnung und Erinnerung seine "kühnsten Träume übersteigt".

Freiheit mit 15 Jahren

Terry, der in diesen Tagen immer wieder gefragt wurde, was er empfinde, war gerade mal fünfzehn, als das Tor in die Freiheit geöffnet wurde. Ältere Mithäftlinge hatten ihn in einem Vorsorgungskanal unter dem Appellplatz und in der Typhusstation des Reviers versteckt. Am 2. Mai stand er vor einer der Granitsäulen der Lagerwache, die die Aufschrift "Arbeit macht frei" trug, als man die Toten des Lagers zu einem neuen Friedhof im Ort brachte.

Und heute erinnert sich Terry an Michael Rupp, den Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung, der Überlebende eingeladen hatte, Ideen für eine Neugestaltung der Gedenkstätte zu entwickeln. Heute beherbergen die ehemalige Wäscherei und die Küche mehrfach ausgezeichnete Ausstellungen, das ehemalige SS-Casino ist zum Besucherzentrum und zur Begegnungsstätte umgestaltet und gerade eingeweiht. Terry kann sich auch mit Blick auf die jungen Leute, die dieser Tage in Flossenbürg mitarbeiteten, Gedanken über die Zukunft machen.

Darum geht es auch Monika Grütters, der Staatsministerin für Kultur in der Bundesregierung. Es sei schwer, meint sie, Worte zu finden für das Leid der Menschen im Konzentrationslager Flossenbürg und an anderen Plätzen nationalsozialistischen Terrors. "Dennoch dürfen wir nicht schweigen", sagt sie und meint, dass man Jack Terry und anderen Zeitzeugen beim Reden über das Unsagbare helfen muss. Gedenkorte sollten in der Zukunft nicht nur als Hölle begriffen werden, sondern auch als Alltag für die, die in den Lagern Dienst taten und in ihren Privatbereich zurückkehrten.

Monika Grütters vertraut darauf, dass sich die Jugend mit "unserer Vergangenheit auseinandersetzen" werde. Die Ministerin erinnert an Dietrich Bonhoeffer, der aus einem sicheren Exil in den USA nach Deutschland zurückgekehrt sei, um das Notwendige zu tun. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer nennt Flossenbürg einen Ort, der "uns auf die Knie zwingt. Wir verneigen uns vor den Toten und blicken mit Hochachtung auf die Lebenden. Die Zeitzeugen, die einen unschätzbaren Beitrag für die wirkliche Freiheit geleistet haben, leben es uns vor," sagt Seehofer. "Freiheit und Demokratie brauchen Erinnerung, brauchen Einsatz und Mut". Seehofer plädiert für eine wehrhafte Demokratie und gibt den anwesenden ehemaligen Gefangenen das Versprechen, dass er Rechtspopulismus nicht dulden werde. Die jungen Leute forderte er auf, für Europa, das großartigste Friedenswerk, das Herz offen zu halten und den Blick wachsam.

Der Landtagsabgeordnete Karl Freller, Vorsitzender der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, dankte den ehemaligen Gefangenen für das Zeugnis tiefsten Vertrauens in unsere Erinnerungsarbeit". Er dankte auch für das flankierende Engagement gesellschaftlicher Gruppen und nannte diesen 70. Jahrestag der Befreiung einen Meilenstein in der Geschichte der Gedenkstätte Flossenbürg in einer "zeitgemäßen europäischen Architektur".

Spuren vergeblich vertuscht

Daniel Hermann, tschechischer Minister für Kultur, machte sich dafür stark, die Zeugnisse der Geschichte zu bewahren und dafür genug Mittel aufzuwenden. Viele hätten versucht, die Spuren der Verbrechen zu beseitigen - vergeblich. Auch Hermann berief sich auf das konsequente Denken und Handeln von Dietrich Bonhoeffer.

Die Zukunft der Gedenkstättenarbeit manifestiert sich in Texten, die junge Leute aus den verschiedensten Ländern Europas erarbeitet hatten. Sie seien dankbar für die Möglichkeit eines Gespräch mit den ehemaligen Häftlingen und sich darin einig, "dass wir alle Menschen sind, die aus der Geschichte lernen".
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