Konferenz in Flossenbürg: Politikwissenschaftler Stephan Bierling zeigt die Probleme im ...
Ein Riss in der Beziehung

Lokales
Flossenbürg
15.06.2015
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Die halbe Wahrheit kann so herrlich idyllisch aussehen. Merkel und Obama, Weißwürste und Holzbänke, drapiert vor grüner Alpenkulisse, zum Beispiel. Diese Bilder vom G7-Gipfel waren natürlich nicht gefälscht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass diesen verbissen harmonisch inszenierten Fotos zum Trotz ein Riss durch die deutsch-amerikanischen Beziehungen geht, der tief in die Gesellschaft hineinreicht. So argumentiert jedenfalls Professor Stephan Bierling.

Gemeinsame Geschichte

Der Regensburger Politikwissenschaftler formuliert seine Thesen für die Konferenz "1945-2015: German-American Encounters in Bavaria". Drei Tage lang geht es dabei um die Geschichte der Beziehung zwischen Amerikanern und Bayern. Organisator ist das European American Forum der Universität Regensburg, auch die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ist mit eingebunden. Bei ihr gibt es unter anderem Vorträge über den Truppenübungsplatz Grafenwöhr und den Schrecken der NS-Zeit in Flossenbürg. Oder eben den ungeschönten Blick auf den aktuellen Stand der deutsch-amerikanischen Partnerschaft. Eine Beziehung, bei der viele Gewissheiten wanken.

Eine dieser Gewissheiten ist die Nachbarschaft zu US-Soldaten, die gerade in Bayern viele Gemeinden wie selbstverständlich pflegen. Sie wankt. Weil Washington sich vermehrt Asien zuwendet und deshalb auch aus dem Freistaat Zehntausende GIs abgezogen hat. "Amerika rückt aus Europa ab", fasst Bierling zusammen. Wobei das Abrücken auf Gegenseitigkeit beruhe.

Denn gleichzeitig sieht der Politikwissenschaftler in der Bundesrepublik seit dem Irak-Krieg 2003 Anti-Amerikanismus auf dem Vormarsch. Einen, bei dem mitunter selbst Stereotype aus der NS-Zeit wieder aufblitzten. Als einen Grund dafür macht er die Wiedervereinigung aus. In der ostdeutschen Bevölkerung wirke teils bis heute die "systematische Verhetzung durch Propaganda" gegen den Westen, und damit insbesondere gegen die USA. Ein Katalysator für die "Verteufelung Amerikas" sei aber auch das Internet, in dem sich die notorischen USA-Kritiker vernetzen und ihre Sicht verbreiten könnten. Befeuert werde das Phänomen zudem von autoritären Staaten wie Russland. Diese sähen in demokratischen Institutionen, aber auch im Zusammenhalt Europas mit den USA eine Bedrohung. Deshalb bezahle Russland ja auch unzählige Schreiberlinge, die im Netz dagegen Stimmung machten. Hätten sie Erfolg damit - sie würden nicht nur die westliche Gemeinschaft gefährden, sondern womöglich auch die Demokratie.

Bierling setzt dem Vorschläge entgegen, für die er kaum großen Applaus erwarten kann. Einer zum Beispiel lautet, das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP müsse als gemeinschaftliches Projekt durchgesetzt werden. Gleichzeitig plädiert er für einen kühleren Kopf in der NSA-Affäre. Die Kooperation mit den amerikanischen Diensten habe nicht nur geholfen, Anschläge in zu verhindern. Die Deutschen hätten sich nach dem 11. September 2001 auch selbst dazu entschlossen. Und: Die Bundesrepublik sei abhängig von amerikanischen Erkenntnissen. Ohnehin sei das Abschöpfen von Daten nunmal ein gängiges Verhalten von vielen Staaten: "Die Franzosen spionieren uns genauso aus, die Engländer noch viel mehr." Auch die Bundesrepublik habe deshalb keinen Anlass, sich in einem "moralischen Überlegenheitsgefühl" zu sonnen.

Mehr Austausch

Daneben appelliert Bierling an die Politik, die Vorteile des transatlantischen Bündnisses und erfolgreiche Arbeit mehr herauszustellen. Etwa das europäisch-amerikanische Zusammenwirken beim Atom-Streit mit dem Iran. Das beste Rezept gegen Vorurteile sei ein ganz anderes, ganz einfaches: verstärkter Austausch, persönliche Begegnungen dies- und jenseits des Atlantiks. "Dann können Sie für sich selbst entscheiden, ob die Amerikaner wirklich so schrecklich sind, wie alle erzählen."
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