Unwertes Leben und Gnadentod

Lokales
Flossenbürg
24.06.2015
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Zwischen Ausgrenzung und Vernichtung: Julius Scharnetzky setzte sich in der Vollversammlung der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft Nordoberpfalz (PSAG) mit nationalsozialistischer Erbgesundheitspolitik auseinander.

Im Museumscafé führte der Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte zunächst geschichtliche Hintergründe vor Augen. "Schon lange vor den Nazis wurde zwischen starken und gesunden Menschen einerseits sowie schwachen und minderwertigen Menschen andererseits unterschieden. Man berief sich auf die falsch interpretierte Evolutionstheorie von Charles Darwin und fürchtete die Entartung der Gesellschaft."

Über Leben und Tod

Die Nationalsozialisten radikalisierten das Thema. Das begann mit der Unterbringung in Heil- und Pflegeanstalten und reichte über die Zwangssterilisation bis hin zur Euthanasie. Dafür gab es die Begriffe "unwertes Leben" und "Gnadentod". Mit massiver Propaganda wurde das Vorgehen gerechtfertigt. "Da findet sich ein Plakat mit dem Hinweis auf die Kosten für die Volksgemeinschaft. Ein Erbkranker soll einen Aufwand von 60 000 Reichsmark verursachen."

Die Entscheidung über Leben und Tod wurde auf Basis von Meldebögen getroffen: "Gutachter der Zentrale in Berlin waren dafür zuständig, ohne die betroffenen Menschen überhaupt gesehen zu haben." Gemordet wurde in sechs Tötungsanstalten. Im Sommer 1941 hatte das ein Ende. "Nur auf den ersten Blick. Die Nazis verschleierten ihr Tun lediglich. Hitler wollte in der kriegswichtigen Zeit keine zusätzliche Unruhe im Volk." Konkrete Zahlen nannte Scharnetzky nicht: "Wir können aber davon ausgehen, dass bis 1945 etwa 200 000 bis 250 000 Menschen ermordet wurden."

PSAG-Vorsitzender Thomas Fehr und die 34 Vertreter der beteiligten Einrichtungen, Institutionen, Dienste und Träger aus dem Bereich der sozialpsychiatrischen Versorgung waren betroffen. "Es ist wichtig, geschichtliche Hintergründe zu kennen. Das macht nicht zuletzt Mut für unsere Arbeit."

Neue und aktualisierte Angebote der Weidener Fachambulanz für Suchtprobleme stellte Katharina Auer vor. Das reichte von offenen Sprechstunden ohne lange Wartezeiten über ambulante Rehabilitationsmaßnahmen für suchtkranke Patienten bis hin zur Arbeit in der Freizeitpädagogik. Über den Sachstand zu einem Wort-Ungetüm informierte Dr. Stefan Gerhardinger: "Kooperationsvereinbarung zur Optimierung der Versorgung psychisch auffälliger Jugendlicher und junger Erwachsener in der Nordoberpfalz".

Kein Kinderpsychiater

Die Idee, vorhandene Möglichkeiten zu koordinieren und betroffenen Menschen rasche Hilfestellungen zu bieten, reicht bis 2008 zurück. "Leider gab es nach dem ursprünglichen Wohlwollen Diskussionen und Stillstand.

Jetzt wird die Vereinbarung überarbeitet. Ich hoffe sehr, dass sie 2016 endlich Realität wird." Zur Sprache kam zu der Thematik ein Manko. Fehr hielt mit Kritik nicht hinterm Berg: "In der Region gibt es keinen Kinder- und Jugendpsychiater. Das ist ein unbegreiflicher Zustand."
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