Angehende Finanzbeamte beschäftigen sich in KZ-Gedenkstätte mit dunklem Kapitel ihrer Behörde
Opfer mussten für Deportation zahlen

Politik
Flossenbürg
13.10.2016
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Welche Rolle spielte mein Arbeitgeber oder dessen Vorgänger während des Nationalsozialismus? Dieser Frage gingen Auszubildende der Oberpfälzer Finanzämter bei einem Seminar unter dem Titel "Die Reichsfinanzverwaltung im Nationalsozialismus" in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg auf den Grund. Eingeladen hatte dazu die Fachgruppe Finanzen der Gewerkschaft Verdi.

Im von Flossenbürg nur zwölf Kilometer entfernten Wöllershof befand sich von 1938 bis 1943 eine Reichsfinanzschule, in der angehende Finanzbeamte ausgebildet wurden. Die Teilnehmer des Seminars beleuchteten die Rolle der Finanzverwaltung im Nationalsozialismus im Bildungszentrum der Gedenkstätte näher. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums war das erste, in dem die rassistischen Forderungen der Nazis umgesetzt wurden. Es führte dazu, dass Beamte ohne Ariernachweis, Andersdenkende und Frauen aus dem Amt gedrängt wurden - letztere, weil von ihnen erwartet wurde, sich auf die Mutterrolle zu konzentrieren.

"Dieser Umbau der Finanzverwaltung" erleichterte Repressalien. Nach der Reichspogromnacht 1938 beschlossen die Machthaber, dass jüdische Mitbürger für die entstandenen Schäden eine Kontribution in Höhe von einer Milliarde Reichsmark aufbringen mussten", erklärte Gewerkschaftssekretärin Kathrin Birner.

Nach der Verschleppung in die Vernichtungslager wurden sämtliche Vermögenswerte von Juden von der Finanzverwaltung eingezogen und verwertet. Klaus-Dieter Gössel, pensionierter Finanzbeamter und Verdi-Personalrat aus Berlin, rekonstruierte das Schicksal des Juden Siegfried W.. Von der Vermögenserklärung über Steuerbescheide, Gutachten über Wertgegenstände, diverser Schriftverkehr bis hin zur Niederschlagung festgesetzter Steuern "da der Jude das Reichsgebiet verlassen hat", war in der Akte zu lesen. W.s Spur verliert sich nach der Deportation in den Osten, deren Fahrtkosten dem Opfer noch in Rechnung gestellt wurden.

Die peinlichst genaue Aufzeichnung der Wertgegenstände für die anschließende Versteigerung entsetzte die Seminarteilnehmer und verdeutlichte die Akribie der Behörde bei der Enteignung der Nazi-Opfer.
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