Die verfluchten Stunden
Ella F. war Zwangsprostituierte im KZ Flossenbürg

Das Flossenbürger KZ-Bordell sah aus wie eine gewöhnliche Holzbaracke. Doch nur bestimmte Häftlinge hatten Zutritt zu den zehn "Lustkammern". Bild: Holocaust Memorial Program/Oregon State University
Politik
Flossenbürg
26.11.2016
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"Sexuell ausgebeutete Frauen wurden nicht ohne weiteres als KZ-Opfer betrachtet. Bisweilen wurde ihnen sogar eine Mittäterschaft unterstellt." Zitat: Robert Sommer, Historiker
 
Die beiden Linien in der Bildmitte markieren den Grundriss des früheren "Sonderbaus". Die SS versteckte ihn in Flossenbürg nahe dem Zaun. In Lagern wie Gusen oder Mauthausen richtete sie Bordelle dagegen zentral am Appellplatz ein. Bild: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
 
Robert Sommers Buch über Prostitution in Lagern ist im Schöningh-Verlag erschienen und kostet 41,90 Euro. Bild: hfz

Wieder so ein Datum, das gleich vergessen ist: Am Freitag war "Internationaler Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen". Ein hehres Ziel, aber was hat es mit der Region zu tun? Die hat in dieser Hinsicht schon eine hässliche Rolle gespielt. Doch erst seit einigen Jahren stellt sie sich dieser Tatsache. Das belegt die Geschichte der Ella F.

Von Friedrich Peterhans

Ella F. ist eine von etwa 200 Frauen, die die SS zwischen 1942 bis Kriegsende in verschiedenen Konzentrationslagern in die Zwangsprostitution trieb. F. kam dazu 1943 nach Flossenbürg. Als eine von ganz wenigen ehemaligen Lagerdirnen sprach sie danach über das Erlebte.

Auch wenn er sie nie persönlich kennengelernt hat, ist sie eine der wichtigsten Quellen des Berliner Historikers Robert Sommer. Er hat das Bordellsystem der Konzentrationslager für seine Doktorarbeit erforscht und dazu ein Standardwerk verfasst.

In Flossenbürg entstand einer dieser zehn "Sonderbauten". Mit diesem Namen umschrieb die SS wolkig den Lagerpuff, der am Zaun nahe dem Arrestbau stand. Etwas versteckt eben, so viel Sitte musste sein. Im Juli 1943 nahm der Sonderbau mit zehn Frauen seinen Betrieb auf. Bis April 1945 waren dort 21 Gefangene zwischen 17 und 30 Jahren dazu verurteilt, ihren Körper täglich etwa 10 Männern, privilegierten Häftlingen, zur Verfügung zu stellen.

Eine davon war Ella F. Ihr Schicksal ist nicht untypisch für Frauen, die im Dritten Reich nicht systemkonform lebten. Geboren 1917 in Bremen, wuchs sie dort als Staatenlose auf. Ihr Vater war Pole, ihre Mutter Deutsche. Mit 18 bekam Ella eine Tochter. Sollte sie noch am Leben sein, ist sie heute 81 Jahre alt. Die Tatsache, dass Ella mit 18 unverheiratet schwanger war, ist laut Akten jedoch nicht das Motiv, warum sie den Nazis nicht passte.

Nicht fortpflanzungswürdig


Das Erbgesundheitsgericht zu Bremen ordnete 1936 die Zwangssterilisation an. Die Begründung: Ella sei schon als Kind frech, in der Schule schlecht, zu Hause faul und als Zehnjährige zu Doktorspielen mit siebenjährigen Buben aufgelegt gewesen. So jemand sollte sich im rassereinen NS-Staat nicht fortpflanzen.

Dass sie im KZ landete, dürfte aber nicht daran liegen, dass Ämter sie als schwachsinnig und freizügig einstuften. Vielmehr saß ihr Vater als Regimegegner im Gefängnis, und auch die Tochter soll sich beharrlich geweigert haben, den Hitlergruß zu entbieten. Zudem hatte sie offenbar bei der Arbeit in einer Zigarettenfabrik schon mal einen flotten Spruch über die braunen Machthaber losgelassen und sich später widersetzt, in einer Rüstungsfirma Dienst zu tun. Das brachte sie 1940 ins KZ Ravensbrück in Brandenburg. Dort schuftetet sie vier Jahre in der Schneiderei, wo sie als "Asoziale" geführt wurde. Wie andere Frauen bekam sie eines Tages ein Angebot: Wenn sie sechs Monate lang im Dienste der SS die Beine breit macht, kommt sie frei. Eine Lüge: Ella F. und andere Frauen mussten bis Kriegsende im Bordell gefügig sein. "Auf diese Weise hat man die Schuld an die Opfer delegiert", sagt Robert Sommer zu dem "freiwilligen Angebot".

Zu schwach für Sex


Ab Juli 1943 war ihr Arbeitsplatz ein Holzbau an einem Ort, dessen Namen sie als Norddeutsche wahrscheinlich vorher nie gehört hatte: Flossenbürg. Das Bordell war zweigeteilt. Auf der einen Seite zehn Zimmer, im Lagerjargon "Lustkammern", auf der anderen Seite zwei größere Zimmer für die Wachmänner.

"Als Ella am 23. April 1945 von US-Soldaten befreit wurde, war ihr Zustand schlecht. Sie hatte am ganzen Körper Ödeme. Die Wunde der Zwangssterilisation war noch nicht verheilt", schreibt Sommer. Zudem konnte in Flossenbürg offenbar keine Rede davon sein, dass die Prostituierten besseres Essen oder irgendeine andere Vorzugsbehandlung genossen hätten.

In einem Interview hat Ella F. erzählt, dass die Häftlinge für Geschlechtsverkehr viel zu entkräftet gewesen seien. Sie hätten sich lediglich zu den Frauen gelegt, um zu reden. Manche hatten zuvor seit Jahren keine Frau mehr gesehen. Ob dies so stimmt, ist offen. Vielleicht steckt eine Verdrängungsstrategie dahinter. Sommer: "Es kursierten Gerüchte von furchtbaren Szenen in Lagerbordellen unter den Häftlingen. Daher meldeten sich dafür immer weniger Frauen."

Offenbar kam aber in Flossenbürger Lustkammern tatsächlich die eine oder andere Konversation zustande. So versicherte der belgische Häftling Charles Dekeyser gegenüber dem NDR, dass er zwar im Bordell war, aber nicht zum Sex, sondern zur Strafe. Bei seiner Verhaftung habe die SS seine Ersparnisse beschlagnahmt. Dafür habe ihm die Lagerleitung Vergünstigungen zugesagt, unter anderem mal ein Fräulein. Dieses Privileg tauschte er bei einem Mithäftling zweimal gegen Brot. Als dies aufflog, musste Dekeyser in den Sonderbau. Was dort hinter der Tür geschah, habe dann "eher einer medizinischen Versuchsanordnung" geglichen.

Entwürdigend war es in jedem Fall. SS-Lagerführer Karl Fritzsch hatte Gucklöcher in die Lustkammern bohren lassen, um die Vorgänge dahinter kontrollieren zu können. So war es in Lagerbordellen üblich. Aus einem Kontrollbuch geht hervor, dass dieser Dienst bei Flossenbürger SS-Leuten begehrter war als die Überwachung der Essensausgabe.

Spanner am Türspion


Von diesem Spannerjob etwas Erotisches zu erwarten, fällt schwer. Der Mann hatte für den Sex höchstens eine Viertelstunde Zeit, musste schnell seinen Penis desinfizieren und durfte mit der Frau nicht reden. Erlaubt war nur die Missionarsstellung. Geschäftszeit war in der Regel nach dem Appell zwischen 19 und 22 Uhr.

Zuvor mussten die Frauen Strümpfe stopfen oder die Baracke aufräumen. Ein kleines Privileg war das Lesen. Doch all das bot keine Ablenkung vom "Warten auf die verfluchten Stunden am Abend", wie es eine Prostituierte in einem Interview ausdrückte.

Obwohl in der KZ-Gedenkstätte niemand mehr das Gesicht von Ella F. vor Augen hat, war sie wohl 1995 bei einem Treffen ehemaliger Gefangener noch einmal in der Oberpfalz. Dort kam sie auf Häftlingssprecher Jack Terry zu, der als damals 14-Jähriger Wäsche zum Lagerbordell bringen musste. Auf dem Gang übergab er seine Fracht an Ella. "Sie hat mir oft ein Stück Brot zugesteckt", ist er der Bremerin lebenslang dankbar. Bei dem Treffen 1995 sprach sie offen darüber, als Häftlingshure gearbeitet zu haben. Terry erstaunt das nicht. "Sie war eine von uns, eine Leidensgenossin." Das verblüfft Robert Sommer: "Frauen, die sexuell ausgebeutet wurden, aber aus diesem Grund überleben konnten, wurden nicht ohne weiteres als KZ-Opfer betrachtet. Bisweilen wurde ihnen sogar eine Mittäterschaft unterstellt."

"Ich hätte dich umgebracht"


Die meisten Sex-Zwangsarbeiterinnen vermieden das Thema deshalb, wo es ging. Denn auf allzu viel Mitleid brauchten sie nicht hoffen, zitiert Sommer den Fall einer Dirne, die ihrem späteren Mann ihre Vergangenheit beichtete: "Und seither er das wusste, hat er mich ewig geschlagen. ,Du KZ-Schwein, wenn ich im KZ als Aufseher gewesen wäre, ich hätte dich umgebracht. Alle, die im KZ waren, waren Kommunisten-Schweine' und alles so was. Na ja, wissen Sie, wir waren nun so lange zusammen, da war er mal wieder vernünftig, da hat man gedacht er ändert sich. Aber bis er gestorben ist, habe ich mir das anhören müssen."

Ella F. hatte zwar mit ihren Ehen auch kein Glück, ließ sich aber nicht stigmatisieren. Laut Sommer ist sie die einzige Lagerprostituierte, die einen Antrag auf Entschädigung gestellt hat, weil sie als Folge der Haft nicht mehr schwer arbeiten könne. Das war 1966. Das zuständige Amt lehnte ab: Sie hätte sich bis 1958 melden müssen.

Sexuell ausgebeutete Frauen wurden nicht ohne weiteres als KZ-Opfer betrachtet. Bisweilen wurde ihnen sogar eine Mittäterschaft unterstellt.Robert Sommer, Historiker


Spur nach Weiden
Ella F. hat nach dem KZ wahrscheinlich als "Displaced Person" zwei Monate in Weiden gelebt. Auf einer Karte der US-Armee ist als Aufenthaltsort mit Datum 11. Juni 1945 das Hotel "Metropol" in Weiden angegeben. Es befand sich in der heutigen Ringstraße. Am 13. Juni 1945 stellte es seinen Betrieb ein. Im November 1946 heiratete Ella in ihrer Heimatstadt Bremen einen Hermann Eiselt. 1949 zog sie als geschiedene Frau nach Bremerhaven. Eine Zeitlang arbeitete sie als Putzfrau.

1967 wanderte F. in die USA aus, wo sie in New York in einem Pflegeheim eine Anstellung fand und einen Franzosen heiratete. Die Ehe ging nach neun Jahren in die Brüche, schrieb eine Freundin an Jack Terry. Danach kehrte Ella nach Bremerhaven zurück, wo sie lange in finanziellen Schwierigkeiten lebte. Ella F. starb 2006 mit 88 Jahren in einem Pflegeheim. In ihrer Heimatstadt gibt es eine Initiative, die Erinnerung an sie mit einem im Asphalt eingelassenen Stolperstein wachzuhalten.


Bordellbesuch als Motivationsschub
Ein Freudenhaus an einem Ort der Grausamkeit, wie passt das zusammen? Die Idee dazu hatte sich SS-Chef Heinrich Himmler in russischen Gulags abgeschaut. Er suchte nach einem Anreiz, die Arbeitsleistung in Lagern zu erhöhen. Die Russen setzten auf ein Prämiensystem. Leistungen oder Willfährigkeit wurden mit größeren Essensrationen belohnt.

Himmler appellierte an den Sexualtrieb und richtete Bordelle ein. Die meisten Frauen dafür selektierte die SS in den KZ Ravensbrück oder Auschwitz. Darunter waren anfangs auch professionelle Prostituierte. Die meisten waren Reichsdeutsche, aber auch Polinnen, Ukrainerinnen und Französinnen. In erster Linie sollten sie Häftlingen mit besonderer Stellung, etwa deutschen Kriminellen, Kapos und anderen Aufsehern zur Verfügung stehen. Für Juden war das Bordell verboten, ebenso für Russen. Jack Terry glaubt jedoch, dass in Flossenbürg auch Russen die Dienste in Anspruch nahmen. Wer ins Bordell wollte, musste vorher einen Schein erwerben. Der war für zwei Reichsmark zu haben. Das war günstiger als 20 Zigaretten in der Kantine.

Nach heutigem Stand der Forschung haben die allermeisten der 200 KZ-Zwangsprostituierten die Haft überlebt. Viele von ihnen waren zwangssterilisiert worden. An Verhütung war offenbar kaum gedacht, trotzdem kam es nicht oft zu Schwangerschaften. Die Haftbedingungen hatten bei vielen zu Unfruchtbarkeit geführt.
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