Interview mit KZ-Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit
Kein Gedanke an Kommerz

Das Museums-Café in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg setzt Zeichen: Behinderte arbeiten dort, wo einst der Nazi-Terror regierte. Archivbild: Hartl
Politik
Flossenbürg
22.08.2016
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Jörg Skriebeleit (Foto: we)

Im Museumscafé in der KZ-Gedenkstätte bleibt die Küche für Tom Franz kalt. Der Starkoch wird jetzt in Nürnberg die Löffel schwingen. Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit äußert Verständnis für die Verlegung - sieht das Flossenbürger Konzept aber nicht in Gefahr.

Rechtsanwalt und Hobbykoch Tom Franz wird am 8. September koscheres Essen präsentieren. Allerdings nicht in der Oberpfalz, sondern im Gemeindezentrum der israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg. KZ-Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit zeigt sich im Gespräch mit unserer Zeitung überrascht über die heftigen Reaktionen.

Veranstaltungen mit Tom Franz sind europaweit gefragt. Wie kam der Kontakt mit ihm zustande?

Skriebeleit: Wir haben zusammen mit dem renommierten jüdischen Museum Hohenems (Vorarlberg) ein Rahmenprogramm für unsere aktuelle Wechselausstellung "Family Affair" konzipiert. Dabei ist die Idee entstanden den Kontakt zu Tom Franz, der ja in erster Linie auch für die Offenheit des Landes Israels steht, zu suchen. Er hat sofort zugesagt, vor allem weil es sich um ein integrativ betriebenes Museumscafé handelt, das an einem historisch belasteten Ort arbeitet.

Charlotte Knobloch nennt den Koch-Event in der Gedenkstätte einen "skandalösen Vorgang." Haben Sie Verständnis für diese Äußerung?

Wir haben damit in dieser Form nicht gerechnet, haben die inhaltlichen Bedenken aber sehr ernst genommen. Mir ist es wichtig zu betonen, dass wir keinen Koch-Event oder eine Kommerzialisierung des Gedenkens geplant haben, wie uns auch vorgeworfen wurde. Ganz im Gegenteil, wir hatten die Veranstaltung mit vielen Personen und Institutionen intensiv diskutiert und reflektiert. Das Ganze ist im Kontext unserer Wechselausstellung "Family Affair" und unserem integrativ betriebenen Museumscafé zu sehen.

Was war schließlich ausschlaggebend, die Veranstaltung nach Nürnberg zu verlegen?

Die Irritationen, die entstanden sind, konnten wir nachvollziehen. Das Angebot der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, die Veranstaltung mit Tom Franz im dortigen neuen Gemeindezentrum durchzuführen war ganz wunderbar und konstruktiv. Wir sind dafür sehr dankbar und freuen uns auf die gemeinsame Veranstaltung. Wir werden einen kostenlosen Bus nach Nürnberg einsetzen und hoffen, dass viele Interessierte aus der Region dabei sind.

Das Konzept des integrativen Museumscafé in der Gedenkstätte in Kooperation mit dem HPZ Irchenrieth ist viel gelobt und stark beachtet worden. Sehen Sie durch die Äußerungen von Frau Knobloch die Idee grundsätzlich in Frage gestellt?

Da habe ich keinerlei Bedenken, denn die Irritationen haben sich ja ausschließlich auf diese eine Veranstaltung bezogen. Bei der Planung unseres neuen Bildungszentrums haben wir sehr dezidiert die historischen Belastung des Ortes, die Pietät gegenüber den Opfern und die Menschenwürde in den Vordergrund gestellt. So ist das Konzept für das integrativ betriebenen Museumscafé des HPZ Irchenrieth entstanden. Es läuft seit einem Jahr mit herausragendem Erfolg, wie man an den öffentlichen Reaktionen, gerade auch von ehemaligen Häftlingen und deren Angehörigen, sehen kann.

Was sagt denn Tom Franz zu dem ganzen Wirbel um die Veranstaltung?

Ich glaube, die Reaktionen haben auch ihn überrascht. Er steht wie wir voll hinter dem Ortswechsel nach Nürnberg, betont aber, das integrative Museumscafé sehen und mit den dort beschäftigten Menschen arbeiten zu wollen. (Angemerkt)

Bei der Planung unseres neuen Bildungszentrums haben wir sehr dezidiert die historischen Belastung des Ortes, die Pietät gegenüber den Opfern und die Menschenwürde in den Vordergrund gestellt.Jörg Skriebeleit


Wirbel um Kochveranstaltung im Museumscafé in FlossenbürgEs sollte eine kulinarische Reise nach Israel werden, jetzt bleibt ein Beigeschmack. Eine Veranstaltung mit dem in Deutschland geborene Hobbykoch Tom Franz ist von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg nach Nürnberg verlegt worden. Grund ist die massive Kritik von Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und frühere Zentralratspräsidentin.

Franz ist in Israel ein Star, seit er dort die Koch-Show "Masterchef" gewann. Im Begleitprogramm zur Wechselausstellung "Family Affair", die israelischen Familienalltag porträtiert, wollte Franz in der Gedenkstätte die Dokumentation "The Taste of Israel" präsentieren. In dem 90-minütigen Film zeigt er koschere Küchen in Jerusalem und Gourmetköche in Tel Aviv. Nach der Vorführung der Dokumentation wollte Franz im Museumscafé, dem ehemaligen SS-Casino, über israelisches Lebensgefühl und die Kochkunst des Landes mit dem Publikum sprechen. Das wird er statt in der Oberpfalz nun in Mittelfranken tun.

Von einem "skandalösen Vorgang" sprach Charlotte Knobloch im Internetportal "nordbayern.de" . Sie sei entsetzt und fassungslos gewesen über so viel "gedankenlose Unsensibilität". Ausgerechnet an diesem Ort des Grauens und des Trauerns könne eine solche "fröhliche, genussorientierte Veranstaltung" nicht stattfinden. Alles andere wäre, so Knobloch, nicht nur geschmacklos, "sondern pietätlos und hochgradig geschichtsverdrossen". In Zukunft erwarte sie, dass Inhalte von Veranstaltungen an Gedenkorten künftig wieder gewissenhafter geprüft werden.

Karl Freller (CSU), Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, zu der auch der Erinnerungsort Flossenbürg gehört, suchte schließlich nach einer Lösung. Der Schwabacher Landtagsabgeordnete stieß bei der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg auf offene Türen. Hier wird der Abend wie geplant am 8. September stattfinden. (we)
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