Skandalös gut
Museumscafé der KZ-Gedenkstätte bekommt den Sozialpreis des Landkreises

Landrat Andreas Meier (links) bat die Belegschaft des Integrativen Museumscafés, sich als Preisträger im Goldenen Buch des Landkreises einzutragen. Zusammen mit Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit (rechts) hatten sie vor einem Jahr völlig neue Seiten in der Zusammenarbeit von Behinderten und Nichtbehinderten aufgeschlagen. Bild: phs
Politik
Flossenbürg
27.09.2016
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Selten stieß ein Vorwurf auf so viel Wohlwollen: Dr. Jörg Skriebeleit nannte den Sozialpreis des Landkreises für das integrative Museumscafé in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg "eigentlich einen Skandal" - und vom Stifter der Auszeichnung gab es dafür reichlich Applaus plus 3000 Euro.

Was Skriebeleit meint: Es ist skandalös, dass 2016 die Integration Behinderter in der Arbeitswelt - auch an einem historisch sensiblen Ort - nicht selbstverständlich, sondern ungewöhnlich ist. So revolutionär, dass Skriebeleits Idee aus dem Sommer 2015 ein Jahr später eine Urkunde, Geld und eine Lobrede des Landrats nach sich zieht.

Als Leiter der Gedenkstätte habe er die Entscheidung, das Café von Menschen aus dem Heilpädagogischen Zentrum Irchenrieth betreuen zu lassen "nicht eine Sekunde bereut", unterstrich Skriebeleit. Das tue auch gut nach den Vorwürfen aus dem Sommer, ein geplanter Koch-Event mit dem Israeli Tom Franz im Museumscafé sei "geschmacklos". Dass ein "Skandal" schnell angerührt ist, bestätigte Landrat Andreas Meier süffisant. Über ihm selbst schlugen vor einigen Tagen die Aufregungswogen zusammen, nachdem er eine öffentliche Beleidigung mit dem Song "Du Depp" quittiert hatte.

Doch das war am Dienstagnachmittag im Museumscafé nicht das Hauptthema. "Ein integratives Café in einer Gedenkstätte, das ist europaweit einmalig", brachte es Landrat Meier auf den Punkt. Wären die 14 Service-, Küchen- und Reinigungskräfte aus dem HPZ nicht mindestens so tüchtig wie Nichtbehinderte, hätten sie vom Sozialpreis nicht mal träumen dürfen.

Neues Jahresthema


So aber hört man nur Gutes über Essen, Bedienung und Atmosphäre, bestätigte Bürgermeister Thomas Meiler dem Team um Chefin Christine Schneider. Stephan Oetzinger sprach im Namen des Kreistags von einem "Leuchturmprojekt". Josef Kastner war als Vertreter des HPZ der Stolz darüber anzuhören. Von den Leistungen der Café-Belegschaft schwärmten bei Falafel und Hackfleischröllchen nicht nur die Mitglieder des Gedenkstätten-Fördervereins. Sie hatten den Preisträger schließlich im Landratsamt vorgeschlagen.

Manch ein Ehrengast verkostete die Leckereien zum ersten Mal und versprach, bald schon wiederzukommen. Ein Grund mehr für Skriebeleit, anzukündigen, dass 2017 "Behinderte im Nationalsozialismus" Jahresthema der Gedenkstättenarbeit wird. Ein Skandal klingt anders.
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