Auf die Fassungsbereiche der oberflächennahen Quellen kommt ein massiver Kahlschlag zu
Abholzen für das Trinkwasser

So sieht eine Trinkwasser-Quelle nach der Sanierung und Rodung aus: Die kahlgeschlagene (und umzäunte) Fläche erhöhte sich hier am östlichen Fahrenberg von 1700 auf 8684 Quadratmeter. Bilder: cf (2)
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Flossenbürg
07.05.2016
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Ich habe keinerlei Verständnis für diesen Eingriff - und will ihn auch nicht verstehen.

Eigentlich schützt der Wald das Trinkwasser. Diese Erkenntnis gilt aber nur eingeschränkt. Auf die Fassungsbereiche von Quellen kommt eine Art Kahlschlag zu. Die Wasserwirtschaft spricht davon, "die Oberfläche von Bäumen freizuhalten". Betroffen sind selbst markante touristische "Magnete" wie die Silberhütte und der Fahrenberg.

Flossenbürg/Schnaittenbach. Rund 50 Hektar (500 000 Quadratmeter) Wald im Einzugsgebiets des Forstbetriebs Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN) sind nach Auskunft von Leiter Stefan Bösl durch Rodung bedroht: darunter 10 Hektar im Sport- und Freizeitzentrum Silberhütte am bayerisch-böhmischen Grenzkamm und mindestens 7,5 Hektar an der Westseite des Fahrenbergs. "Mir tut's sehr leid um den Wald", sagt Bösl.

Sein Kollege Reinhard Lenz, Leiter des Forstbetriebs in Schnaittenbach (Kreis Amberg-Sulzbach), wird - kurz vor seiner Pensionierung - recht deutlich: "Ich habe keinerlei Verständnis für diesen Eingriff - und will ihn auch nicht verstehen." Schließlich stelle ein naturnaher, stabiler Wald den besten Schutz für das Trinkwasser dar. "Der Kahlschlag mit Entfernung der Wurzelstöcke zerstört das Bodenleben auf mindestens eineinhalb Meter Tiefe völlig." Lenz spricht hier von einem "seltsamen Verständnis".

Das für die mittlere und nördliche Oberpfalz zuständige Wasserwirtschaftsamt (WWA) Weiden kann die "plötzliche Bestürzung" der Staatsforsten nicht nachvollziehen und verweist auf die seit 1979 geltenden Bestimmungen der Trinkwasserverordnung und das daraus abgeleitete Regelwerk: Danach sind "Bäume und Sträucher innerhalb des Fassungsbereichs zu entfernen".

Grundsätzlich sollten die Wasserversorgungs-Unternehmen (in der Regel die Kommunen) die Schutz-Zone I "frei von Bäumen halten" und umzäunen. Im Fokus der "beratenden" Fachbehörde stehen dabei besonders die "oberflächennahen Trinkwasser-Quellen", betont Helmut Jahn (Grundwasserschutz/Wasserversorgung). Bei Tiefbrunnen hingegen seien Bäume "nicht so tragisch": "Deren Wurzeln reichen ja nicht 60 oder 80 Meter hinab."

Erdboden als Schutz


Von den 676 Trinkwasseranlagen in Amberg-Sulzbach, Weiden-Neustadt, Tirschenreuth und Schwandorf fallen 245 in die Kategorie "Brunnen", aber fast zwei Drittel sind "Quellen", die sich hauptsächlich in den Landkreisen Tirschenreuth (256) und Neustadt/WN (101) konzentrieren. Kaum berührt ist der relativ flache Landkreis Amberg-Sulzbach mit nur sieben Trinkwasser-Quellen.

WWA-Abteilungsleiter Alois Fischer befürchtet, dass Windwurf "auf einen Schlag" durch Entwurzelung den organischen Bodengrund zerstört, "der eine große Schutzfunktion durch seine Reinigungskraft hat". Durch die Wurzelschächte einsickerndes Oberflächen-Wasser könne das Grundwasser (und damit das Trinkwasser) verunreinigen. Hydrogeologische Gutachten legen im Einzelfall dar, wie und wo die Grundwasserströme verlaufen. Da die Wurzeln von Bäumen und Sträuchern "das Wasser suchen", sind vor allem die "gelochten Steinzeugrohre" der Quell-Erfassungen gefährdet.

Magere Waldwiesen


Mit der "Gaiszeug-Quelle" am östlichen Fahrenberg hat die Stadt Pleystein ihre inzwischen fünfte Quell-Sanierung abgeschlossen. Hier wurden 8610 Quadratmeter (vorher 1700 Quadratmeter) "holzfrei gestellt", berichtet Geschäftsstellenleiter Günter Gschwindler. Davor kamen die Miesbrunner Quellen (8684 Quadratmeter "holzfrei") und der "Feisel-Brunnen" südlich von Silberhütte/Entenbühl an die Reihe. Ein 60- bis 70-jähriger Fichtenwald musste weichen. "Bei einem Windwurf hätten wir den relativ flachen Feisel-Brunnen überhaupt nicht mehr nutzen können", meint Gschwindler. Die nunmehr magere Waldwiese, auf der sogar die seltene Arnika blüht, wird zweimal im Jahr gemäht, das Grüngut entsorgt.

"Mit einer Rodung nicht anfreunden" mag sich der Bürgermeister von Vohenstrauß, Andreas Wutzlhofer. "13 Hektar Wald im 50 Hektar großen Schutzgebiet am westlichen Fahrenberg müssten abgeholzt werden." Gegenüber unserer Zeitung spricht Wutzlhofer von einer "prekären Situation". Eine Umzäunung sei in Ordnung, eine großflächige Fällung zerstöre hingegen die "Klein-Klima-Zone". Sein Ziel ist es, durch ein hydrogeologisches Gutachten die Einschlag-Fläche "wesentlich zu verkleinern". Wutzlhofer: "Es gibt nichts Besseres für unser Trinkwasser als den Schutz durch Bäume."
Ich habe keinerlei Verständnis für diesen Eingriff - und will ihn auch nicht verstehen.Reinhard Lenz, scheidender Forstbetriebsleiter Schnaittenbach
Windwurf kann auf einen Schlag durch Entwurzelung den organischen Bodengrund zerstören.Alois Fischer, Abteilungsleiter Wasserwirtschaftsamt Weiden
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