Befreier Vernon Schmidt kehrt nach Flossenbürg zurück
Hochzeitsreise ins ehemalige KZ

Vernon Schmidt (Vierter von links) kehrte nicht alleine nach Flossenbürg zurück. Sohn Chris (links), Schwiegertochter Sandy (Zweite von links), Neu-Ehefrau Vi (Zweite von rechts) und Tochter Audrey (rechts) begleiteten den US-Veteran. KZ-Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit (Dritter von links) freute sich über das herzliche Wiedersehen. Bild: Gerhard Götz
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Flossenbürg
14.09.2016
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Großes Wiedersehen und herzlicher Empfang in der KZ-Gedenkstätte. Vernon Schmidt, Mitglied der 90. Infanterie Division, war 1945 als 19-Jähriger an der Befreiung des KZ Flossenbürg beteiligt. Im Bild sind Sohn Chris (von links), Schwiegertochter Sandy, Jörg Skriebeleit, Vernon Schmidt, Tochter Audrey und Ehefrau Vi zu sehen. (Foto: Gerhard Götz)

Vernon Schmidt gehört zur 90. Infanterie-Division, die im April 1945 das Konzentrationslager Flossenbürg befreit. Der 90-Jährige kehrt nun bereits zum sechsten Mal zurück in die Oberpfalz. Aus einem freudigen Anlass.

Immer wieder erwähnt der Kalifornier im Gespräch mit unserer Zeitung den Satz "Kill - or be killed". Dieser wurde dem damals 19-jährigen Soldaten und seinen Kameraden eingetrichtert, darauf waren sie gedrillt und trainiert worden als die 90. Infanterie-Division als Ersatzeinheit über Le Havre und Metz in der Normandie landete und über Frankreich in die Eifel nach Deutschland vorrückte. 71 Jahre später war es ein anderer Ausspruch bzw. ein einziges Wort, das ihn zu einer erneuten Rückkehr in die Oberpfalz animiert hatte. Schmidt hatte vier Wochen zuvor "Yes" zu seiner frisch angetrauten Ehefrau gesagt.

Teil der Ersatzeinheit


Und der "Honeymoon" führte die Neuvermählten samt Schmidts Kindern und deren Anhang nach Flossenbürg. Zu einer Reise in das prägendste Lebenskapitel des heute 90-Jährigen. Er war zwar nicht unmittelbar an der Befreiung des Konzentrationslagers beteiligt, gehörte aber zur 90. Infanterie Division der US-Army, die am 23. April 1945 das Konzentrationslager Flossenbürg aus den Händen des nationalsozialistischen Regimes befreite. "Ich war Teil einer Ersatzeinheit - fünf unserer Divisionen hatten Verluste um die 80 000 Mann zu beklagen", sagte Schmidt. Hitler wollte unbedingt verhindern, dass die amerikanischen Streitkräfte die Westfront erreichen.

"Doch da hatte er die Rechnung ohne unseren General gemacht." Allerdings kamen die Amerikaner nur zögerlich voran. "Bei Habscheid in Rheinland-Pfalz wimmelte es von Bunkern. Über 100 durchsuchten wir und vergewisserten uns, dass keine deutschen Soldaten mehr da waren." Schmidts Einheit musste viele Brücken bauen und kämpfte direkt gegen die SS. "Hitlers Truppen nahmen meinen Bruder gefangen, später kämpfte ich genau gegen diese Leute." Über Mainz ("Wir befreiten es aus den Händen der Nazis") und Fulda ("Dort fanden wir Gold") stieß die Division nach Bayern vor. "Die Deutschen waren kriegsmüde, hatten keine Lust mehr zu kämpfen."

Junges "Maskottchen"


Tirschenreuth, Plößberg, Weiden, Leuchtenberg, Michldorf, Vohenstrauß, Eslarn, Pleystein, Moosbach, Waidhaus - wie aus der Pistole geschossen hat Schmidt noch immer alle Orte parat, die er auf dem Weg Richtung Schwandorf, Deggendorf und Furth im Wald durchquerte. "Alle zehn Meter sahen wir Körper oder Körperteile liegen. Der Anblick war grausam." Wer die Todesmärsche der Nazi-Gefangenen nicht durchstand, sei es aus Krankheit, Erschöpfung oder wegen des Alters, wurde erschossen und zurückgelassen. "Ich kann nicht sagen wie viele Tote wir auf dem Weg hier durch die Region sahen. 5000 werden wohl nicht reichen."

Bei Leuchtenberg baute Schmidts Truppe eine kleine Brücke, als sie von der Hitlerjugend attackiert wurde. "Die Angreifer waren nicht älter als 9 oder 12 Jahre." Einen Jungen nahm die amerikanische Einheit als "Maskottchen" mit und rettete ihm so das Leben. Ihn fragten sie immer: "Hey Kid, wo sind die deutschen Soldaten?" Dieser Junge heißt Bruno Ehlich. Er wanderte nach dem Krieg zunächst nach Österreich und später nach Australien aus, wo er bei der Royal Australian Air Force arbeitete. Via Internet fand Schmidt Ehlich wieder. Seitdem halten sie Kontakt und der Beschützer von damals animierte den Auswanderer dazu, seine Geschichte aufzuschreiben. "Wir trafen uns 2008 hier in Flossenbürg wieder. Wir sind heute gute Freunde."

Bei Pleystein kam eines Morgens ein Jeep der US-Army auf die Soldaten der 90. Infanterie-Division zu. "Leider war das ein geklautes Auto und die Hitlerjugend tötete viele meiner Kameraden." In Weiden war damals das amerikanische Hauptquartier stationiert. "Dorthin brachten wir die Verwundeten, aber auch die Toten, um sie zu bestatten." Der Veteran bezeichnet 300 tote Kameraden pro Tag als einen "hohen Preis für die Befreiung von den Nazis". Dennoch seien die Menschen hier in der Region froh, dass die Amerikaner und nicht die Russen kamen. "Sonst wäre das hier anders ausgegangen."

Der US-Veteran ist für Hinterbliebene ein wichtiger Ansprechpartner, "weil ich weiß, wo meine Kameraden getötet wurden und wo sie begraben sind". Schmidt will auf seiner zweiwöchigen Honeymoon-Tour alle prägnanten Orte der Vergangenheit besuchen. "Neben Flossenbürg, Vohenstrauß, Leuchtenberg und Pleystein stehen Abstecher nach Österreich, in die Schweiz, Buchenwald, Pilsen und Prag auf dem Programm. An einigen Gedenkorten, an denen die 90. Infanterie-Division involviert war, sind kleinere Zeremonien geplant." Während das Motto damals "Kill - or be killed" lautete, heißt es für die frisch Vermählten diesmal aber "Love - and be loved".

"Gedenkstätte von heute ist Skriebeleits Werk"Inzwischen war Vernon Schmidt sechsmal in Flossenbürg. 1993 kehrte er das erste Mal zurück. "Damals war dieser Ort vergessen. Überall Büsche und Gestrüpp - kein schöner Anblick", sagt Schmidt rückblickend. Jack Terry, Sprecher der KZ-Überlebenden, habe damals gesagt, dass es an der Zeit sei, dass in Flossenbürg etwas geschieht.

Hier müsse ein Ort der Erinnerung, aber auch des Lernens entstehen. Dieser Meinung schloss sich auch Schmidt an und unterstützte Terry. "Heute kehren sowohl Überlebende als auch Befreier nach Flossenbürg zurück. Das war lange Zeit undenkbar und viele hatten keine Interesse an einem Kontakt in die Vergangenheit." Alle sollten wissen, was hier passiert ist, damit so etwas nie wieder geschieht.

"Wer die KZ-Gedenkstätte in Dachau heute verlässt, ist traurig und bedrückt. Wer aus Flossenbürg rausgeht, hat ein Lächeln im Gesicht. Das allein ist das Werk von Jörg Skriebeleit und seinen Leuten." Schmidt könne auch verstehen, dass Gästen, die zum ersten Mal in Flossenbürg sind, im Anschluss nicht zum Lachen zumute ist.

Dies sei auch in Ordnung, aber die Herzlichkeit sowie die offene Art des Gedenkstättenleiters und seiner Mitarbeiter strahle auf die Besucher aus. Jede Rückkehr sei ein äußerst emotionaler Moment. "Viele Amerikaner kennen Auschwitz und Buchenwald, aber nicht Flossenbürg, obwohl es mit das schlimmste Lager war." (fle)
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