Café voller Geschichte

Maria bei der Arbeit: Auf der Terrasse des Museumscafés hat man einen besonders guten Blick auf die Gedenkstätte in Flossenbürg. Bilder: Hartl
Vermischtes
Flossenbürg
29.08.2015
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Mehr Symbolik geht kaum: An dem Ort, wo einst tausende Menschen Opfer der Nazi-Euthanasie wurden, arbeiten jetzt Behinderte in einem Café. Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg geht einen bemerkenswerten Weg.

"Darf es noch etwas zu trinken sein?" Maria zückt Stift und Block, nimmt die Bestellung entgegen. Nicht mit geschäftsmäßiger Routine, sondern mit einer Begeisterung, die sich auf den Gast überträgt. Maria ist behindert. Sie arbeitet bei den Werkstätten des Heilpädagogischen Zentrums (HPZ) Irchenrieth (Kreis Neustadt/WN). Seit April ist sie Mitglied des Teams des Museumscafés in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. An Pfingsten ging der Betrieb los. "Ich bin super zufrieden," lautet die erste Bilanz von Leiterin Christine Schneider.

In dem umgebauten ehemaligen SS-Kasino gibt es neben Getränken und Kuchen auch leckere regionale Speisen. Viel Vegetarisches wie einen Spinat-Reis-Strudel mit Curry oder eine Grillgemüse Quiche, etliches aus dem eigenen Bio-Garten. Alles ist neu in dem Café, vieles anders als in der herkömmlichen Gastronomie. Der Blick von der Terrasse auf das Gelände, auf dem die Nazis ihre Gräueltaten verrichteten - ebenso faszinierend wie bedrückend. Viel Glas erzeugt Helligkeit, auch im Saal und den drei Seminarräumen. "Aufklärung braucht Licht", stellt Jörg Skriebeleit fest. Der Leiter der Gedenkstätte betont den offenen Charakter des Gebäudes, "denn schwer ist hier alles".

Jahrelang trug Skriebeleit die Idee einer Begegnungsstätte mit sich, in der Behinderte arbeiten sollen. Zur Realisierung war es ein langer Weg, das HPZ Irchenrieth wurde schließlich als Pächter gewonnen. Fünf Jahre läuft der Vertrag für das Café erst einmal. Christine Schneider, als gelernte Kinderkrankenschwester am HPZ beschäftigt, besaß bereits gastronomische Erfahrung. Die Pirkerin wagte den Schritt und macht deutlich: "Wir sind ein normaler Wirtschaftsbetrieb." Es gibt keine Subventionen für das Café.

"Ein politisches Statement"

Die Auswahl des Personals - eine Gratwanderung. Wem wird die Tätigkeit in der Gastronomie zugetraut, die viel selbstständiges Arbeiten erfordert? Rund 20 Behinderte bewarben sich, als die Stellen bei den Werkstätten im HPZ ausgeschrieben wurden, zwölf wurden schließlich genommen. Bedienen, kochen, putzen - so sieht der Alltag aus. Mit wachsender Begeisterung erledigt das behinderte Personal den Stress gemeinsam mit den weiteren sechs Angestellten. Das Café hat jeden Tag von 10 bis 17 Uhr offen.

"Das ist hier natürlich auch ein politisches Statement", macht Skriebeleit deutlich: "Menschen mit Behinderung sind im öffentlichen Bild so gut wie nicht vorhanden." Ihm war eine Auseinandersetzung des Personals mit der Geschichte des ehemaligen KZ sehr wichtig. Die Behinderten wurden aufgeklärt, was bei der Nazi-Diktatur in Flossenbürg geschehen ist. Eine Familie habe ihr Kind wegen Bedenken nicht dort arbeiten lassen, erzählt Skriebeleit. In den ersten Wochen haben nicht nur Besucher der Gedenkstätte im Café vorbeigeschaut, sondern viele Gäste aus der unmittelbaren Region. "Manche holen sich sonntags auch bloß ein paar Stück Kuchen, den wir hier selber backen", sagt Schneider. Die Behinderten hätten ihre Scheu beim Bedienen schon abgelegt und seien ziemlich stolz auf ihren Job. "Natürlich braucht es oft auch Einzelbetreuung, das ist schon sehr zeitintensiv", gibt Schneider zu. Die Kasse macht sie mit ihrer Stellvertreterin selbst.

Der Laden läuft: Die HPZler haben mittlerweile eine Whatsapp-Cafégruppe gegründet, schmunzelt Schneider. Und sie ist manchmal selbst erstaunt über ihre Mitarbeiter. So habe eine Behinderte mit einem Gedenkstätten-Besucher aus Polen in dessen Heimatsprache lange geplaudert - weil sie selbst polnische Wurzeln hat.

Keine Partymusik

Das Cafe ist einzigartig - und soll es auch bleiben. Für Geburtstagfeiern mit Partymusik ist es zum Beispiel nicht vorgesehen, macht Skriebeleit deutlich: Der ernste Charakter des Ortes solle in jedem Fall bestehen bleiben. Der Spaß darf aber auch im Museumscafé nicht zu kurz kommen. Als kürzlich von der Flosser Kirwa in wenigen Kilometern Entfernung die Musik bis nach Flossenbürg kam, da konnte das Personal nicht anders - es fing zu tanzen an.

Mehr Symbolik geht kaum: An dem Ort, wo einst tausende Menschen Opfer der Nazi-Euthanasie wurden, arbeiten jetzt Behinderte in einem Café. Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg geht einen bemerkenswerten Weg. Bilder: Hartl
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