Ein halbes Jahr Kirchenasyl für einen Iraker und zwei Syrer
"Ich wäre ausgetickt"

Claudia und Herbert Sörgel hatten plötzlich drei neue Söhne zwischen 23 und 31 Jahren im Haus. Der Flossenbürger Pfarrer und seine Frau beherbergten die drei im Kirchenasyl. Bilder: Götz (2)
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Flossenbürg
25.01.2016
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"Herbert, wir haben einen neuen Sohn", rief Claudia Sörgel zu ihrem Mann. "Morgen kommen nochmal zwei", antwortete der noch etwas schlaftrunken vom Sofa aus.

Der Muttertag 2015 veränderte im Pfarrhaus mehr, als dass von jetzt auf gleich in die ehemaligen Kinderzimmer ein 31-Jähriger aus dem Irak und zwei 23- und 27- jährige Syrer einzogen. Die evangelische Gemeinde gewährte den dreien Kirchenasyl.

"Der Kirchenvorstand hat spontan der Aktion zugestimmt. Unsere Mesnerin war auch sehr kooperativ und wurde zur Ersatzoma", dankte Pfarrer Herbert Sörgel für die Unterstützung. "Kirchenasyl kann nämlich nicht der Pfarrer gewähren, sondern die Gemeinde, und dazu ist der Kirchenvorstand gefragt. Wir mussten ganz schnell handeln, als die Flüchtlinge vor der Tür standen."

"Es schellte. Herbert schlief oben auf dem Sofa", erinnert sich Claudia Sörgel an den 10. Mai 2015. "Draußen standen drei heulende Frauen und ein belämmert schauender dunkler Araber." Das Quartett bat um Hilfe. "Wir suchen Kirchenasyl für diesen jungen Mann aus dem Irak." Spontan, wie sie ist, sagte Claudia Sörgel "ok".

Ein paar Minuten später erfuhr sie dann, dass Ehemann Herbert kurz zuvor am Telefon zugesagt hatte, die zwei Syrer aufzunehmen, denen die Abschiebung nach Ungarn bevorstand. Einer der beiden hatte bei der Einreise nach Ungarn beim Abnehmen der Fingerabdrücke bei der Polizei zwei Zähne an einer Tischplatte verloren. Der Kirchenasylbeauftragte des Landeskirchenamtes hatte dazu geraten, den beiden zu helfen.

Um das Trio vor Abschiebung zu schützen, durfte es sich nur auf Kirchenareal aufhalten. Pfarrhaus, Pfarrgarten und das angrenzende Gemeindehaus sollten sie bis Herbst nicht verlassen. Selbst die Fahrt zum Zahnarzt musste geheim bleiben. Für dessen Behandlung gibt es vom Ehepaar Sörgel ein Extralob. Und auch andere Mediziner, die im Bedarfsfall zu den Dreien ins Pfarrhaus kamen, seien sehr kooperativ gewesen. "Fast alle Ärzte waren gleich zur Stelle, brachten Medizin mit für Herz-, Magen- oder Rückenbeschwerden, obwohl sie keine Leistungen bekamen."

Claudia Sörgel, die als Lehrerin an der Pestalozzischule in Weiden unterrichtet, brachte den neuen Mitbewohnern täglich eine Stunde Deutsch bei. Das Lehrmaterial kam von der AWO Tirschenreuth. Doch im Juni kam der Fastenmonat Ramadan, der vieles veränderte. Tagsüber schliefen die Moslems meist. Nach vier Wochen hatten sie Probleme, sich wieder an den Tagesablauf zu gewöhnen. Bis zum Auszug übernahm dann eine Freundin der Familie zweimal pro Woche den Deutschunterricht.

Größtes Problem während des halben Jahres Kirchenasyl war es, den Tag zu füllen. Der 31-jährige Iraker hatte ein Malergeschäft in Faloudscha. Mit den beiden Syrern als Gesellen strich er das Gemeindehaus, erinnert sich Sörgel. "Das war mehr eine Beschäftigungstherapie."

Tod auf offener Straße


Als der Bruder in Faloudscha auf offener Straße von der IS erschossen worden sei, habe sich der Maler zur Flucht entschlossen. "Die beiden Syrer kommen aus Aleppo. Da muss man niemandem mehr erklären, wie es zugeht", sagte Herbert Sörgel. Im September war die akute Gefahr einer Abschiebung für den Ältesten gebannt. Er wohnt jetzt in Eslarn. Die beiden Jüngeren durften einen Monat später von Flossenbürg in eine Flüchtlingsunterkunft in Bärnau ziehen.

Ich bin dem Kirchenasyl dankbar. Da kommst Du mit Leuten zusammen, die haben mit Kirche offiziell gar nichts zu tun und tun genau das, was ein Christenmensch tun soll.Claudia Sörgel


Claudia Sörgel waren die drei in der langen Zeit, die sie auf engstem Raum zusammenlebten, ans Herz gewachsen. "Ich bin dem Kirchenasyl dankbar. Da kommst du außerdem mit Leuten zusammen, die haben mit Kirche offiziell gar nichts zu tun und tun genau das, was ein Christenmensch tun soll."

Neben den Erfahrungen entdeckte die Lehrerin, dass man weiterhin helfen kann, und das auch ohne ein Kirchengelände zu haben. "Da gibt es die umFs aus Eritrea oder Somalia. Mit denen gehe ich aufs Bamf", lacht sei über die bürokratischen Abkürzungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Um 4.45 Uhr nach München


Und wieder waren es die Frauen, die damals den 31-Jährigen ins Pfarrhaus gebracht hatten, die erneut um Hilfe baten. Claudia Sörgel nahm sich Zeit, um 4.45 Uhr nach München zu fahren, weil ein Jugendlicher per Brief aufgefordert worden war, um 8 Uhr ins Bamf zu kommen, um dort seinen Asylantrag zu stellen.

"Dort war es unglaublich voll. Hunderte Leute aus aller Herren Länder waren alle zur gleiche Zeit hinbestellt worden." Zwei Warteräume waren knallvoll und keine frische Luft. Es gab ein Klo für Damen ("das war sauber") und eines für Herren. Davor hatte ein Mann seinen Gebetsteppich ausgebreitet, so dass zeitweise niemand hinein kam. Claudia Sörgel hat viele Anekdoten parat.

"Wie beim Arbeitsamt mussten wir eine Nummer ziehen." Die Flossenbürgerin und ihr Schützling hatten die 71. "Wir dachten, das geht der Reihe nach. Aber es geht wohl nach Nationalitäten und Verfügbarkeit der Dolmetscher." Das Personal sei irrsinnig nett gewesen. "Ich an deren Stelle wäre ausgetickt." In Erinnerung blieb Sörgel ein Türsteher aus dem Senegal mit blauer Uniform und Rastafari-Mütze. "Er konnte Arabisch, Englisch, Französisch, Deutsch... Das war toll."

Letztlich war die Fahrt aber vergeblich. Sie hatten die BüMA (Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender) nicht dabei. Da könne man dann nichts machen. Sörgel bemängelt, dass in der Einladung keine Liste der benötigten Dokumente aufgeführt gewesen sei.

KirchenasylDie ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche weiß mit Stand 20. Januar von 277 Kirchenasylen mit mindestens 449 Personen. Davon sind etwa 103 Kinder. 241 der Kirchenasyle sind sogenannte Dublin-Fälle.

Damit sollen Menschen wie die beiden Syrer in der evangelischen Gemeinde Flossenbürg geschützt werden, deren Asylantrag in einem anderen Mitgliedstaat zu bearbeiten ist. Kommt von dort eine Zustimmung, geht es nach Information des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) um die Modalitäten der Überstellung. Geschieht diese nicht binnen sechs Monaten, geht die Zuständigkeit für das Verfahren in der Regel zurück an die Behörden in Deutschland.

Die Arbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche befürchtet, dass Verschärfungen im Asylrecht auch für die Praxis des Kirchenasyls Konsequenzen haben. Nach ihrer Ansicht wurde das Grundrecht auf Asyl drastisch eingeschränkt: Menschen würden vor der Prüfung ihres individuellen Asylbegehrens in solche mit guter und solche mit schlechter Bleibeperspektive eingeteilt. Dies betreffe insbesondere Menschen aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten, heißt es in der Mitteilung weiter.

Abschiebungen dürften nicht mehr angekündigt werden, und Rücküberstellungen in europäische Ersteinreiseländer sollten vermehrt erfolgen. Allein schon die Überlegung, Afghanistan zu einem sicheren Herkunftsstaat zu erklären, nennt die Arbeitsgemeinschaft "skandalös". (ui)
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