Erschreckend gut
Belgier braut Bier zum Gedenken an die Opfer des KZ Flossenbürg

Yves Durnez ist Stammgast bei den Überlebendentreffen der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, zuletzt am vergangenen Wochenende. Um an die Leiden seines Vaters und seiner beiden Onkel zu erinnern, hat der Belgier ein spezielles Bier brauen lassen. Bild: phs
Vermischtes
Flossenbürg
20.04.2016
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"Broere", Brüder, heißt dieses belgische Triple-Bier, das die tragische Geschichte der Familie Durnez erzählt. Bild: Götz

Geht das? Ein Bier genießen, das an Folter und Mord erinnert. Es geht. Eine belgische Familie hat es zu Ehren der Opfer des Konzentrationslagers Flossenbürg brauen lassen. Damit beim Trinken das Gedächtnis nicht aussetzt. Sehr zum Wohle!

Yves Durnez ist ein Baum von Mann und ein fröhlicher Kerl noch dazu. Einer, mit dem man am Tresen gleich Freund wird. Yves ist aber auch ein Familienmensch, der seinem inzwischen 90-jährigen Vater immer gut zugehört hat. Und der weiß, dass das, was Marcel Durnez 1944/45 in Flossenbürg erlebt hat, ihn niemals loslässt.

Um es kurz zu machen: Marcel war der jüngste von drei Brüdern aus dem von Deutschen besetzten Flandern. Die drei flohen vor Arbeitsdienst und Zwangsrekrutierung nach Frankreich, wurden verraten und landeten im KZ. Nur Marcel überlebte es.

Allzu lange wird Marcel Durnez als Zeitzeuge nicht mehr auf Erden sein. Daher hat sein Sohn Yves mit einigen Mitstreitern im Heimatdorf Geluwe bei Ypern 2014 einen Verein gegründet. Er nennt sich "Freundeskreis von Flossenbürg" und hält mit verschiedenen Veranstaltungen das Andenken an die Vergangenheit wach, ohne die Betroffenheitskeule zu schwingen.

Yves ist Grundschullehrer und weiß, dass Begeisterung bisweilen mehr bewirken kann als der erhobene Zeigefinger. Daher hat er einen Malwettbewerb für Schüler ins Leben gerufen. Thema: Frieden und Völkerverständigung. Erwachsene konnten bei einem historischen Rundgang mit Theaterszenen die Geschichte der in den beiden Weltkriegen gebeutelten Region Westflandern erleben. Heimatkunde mal anders: authentisch, aber nicht zu nah ans Wasser gebaut.

Schließlich gab es im Dorf am 18. Mai 1945 auch die Rückkehr von Marcel Durnez zu feiern. Da passt es, dass die Familie zu diesem Anlass genau 70 Jahre danach von einer kleinen Brauerei aus der Region 2500 Liter Spezialbier anrühren ließ. Abgefüllt in 0,3-Liter-Flaschen ist es bald ausverkauft. Die Marke heißt "Broere", zu deutsch: Brüder. Das Etikett zeigt die Silhouetten von drei Männern, eben den Brüdern Durnez. Die erste Charge trägt den Namen Marcel, irgendwann sollen Gilbert und Daniel folgen.

Fruchtiger Hopfen


Sinnigerweise haben Yves und sein Freundeskreis dafür die Brauart "Triple" gewählt. In Belgien wird dieselbe Maische dreimal neu mit Wasser angesetzt. Beim ersten Mal entsteht der gehaltvollste Sud - dreimal so stark, wie der aus dem letzten Maischvorgang, also Triple oder Tripel-Bier. "Broere" bringt es so auf stattliche 8,5 Prozent Alkohol. Der Hopfenkoloss fällt vor allem durch feine Fruchtaromen auf.

Auf dem Etikett findet sich ein QR-Code. Wer ihn mit dem Handy abscannt, landet auf einer Webseite mit der Geschichte der Brüder Durnez auf Niederländisch, Englisch und Deutsch. Ein Link führt zur Gedenkstätte Flossenbürg. Dort kommt diese Form der Erinnerungskultur gut an, sagt Leiter Jörg Skriebeleit: "Als mir letztes Jahr die erste Flasche überreicht wurde, war ich zunächst völlig sprachlos. Kann man so etwas machen? Skurril, war mein erster Gedanke. Aber es kommt vom Sohn eines ehemaligen Häftlings, der Vater lebt noch, und es ist kein Gag, sondern eine inhaltlich sehr durchdrungene Idee. Wir werden im Herbst eine Veranstaltung zu dem Bier machen."

In Deutschland wäre eine ähnliche Idee wie die von Yves wohl zum Scheitern verurteilt. Welche Brauerei würde wie die Belgier eine Widmung an KZ-Opfer aufs Etikett schreiben? Ein Prosit der Gemütlichkeit im Zeichen von Nazi-Horror: Da vergeht leicht der Appetit.

Das muss nicht sein, sagt Yves Durnez: "Erinnern heißt auch, neue Wege zu finden. Warum soll das nur über Bücher und Filme funktionieren und nicht auch über Bier?" Der moralischen Bitternote, mit dem Verkauf auf Kosten seiner toten Onkel Geld zu machen, hat er vorgebaut. Mit dem Erlös unterstützt der Verein soziale Projekte, zum Beispiel mit Zuschüssen für Studenten aus armen Familien.

Gewöhnungsbedürftig sind die bauchigen "Broere"-Gläser mit dem Eichstrich in Form von Stacheldraht. Doch jeder Schluck wird in Lesungen oder Theaterauftritte investiert, die Yves Durnez auch in Deutschland anbietet. Ein Metzger in Geluwe hat überdies Bierpaté mit dem Namen der drei Brüder im Sortiment.

Besonderes Datum


Marcel Durnez hadert wohl bis zum Tod mit dem Schicksal von Gilbert und Daniel. Aber gerade deswegen hält er die ungewöhnlichen Gedenkaktionen seines Sohnes für richtig. "Es ist nicht der Hass, der ein Gesicht hat, sondern die Liebe." Den Blick auf dieses Gesicht darf eben auch mal eine Bierflasche oder eine Streichwurst scharfstellen.

Ganz Deutschland feiert den 23. April als "Tag des Bieres", weil es der 500. Geburtstag des Reinheitsgebots ist. In Flossenbürg würde zum Anstoßen aber besser ein flämisches Gebräu passen. Denn der 23. April war vor 71 Jahren der Tag, an dem amerikanische Truppen der Mordmaschine am Ortsrand endgültig den Stecker zogen.

Es ist kein Gag, sondern eine inhaltlich sehr durchdrungene Idee.Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte

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Freunde von Flossenbürg-Geluwe vzw
2 Kommentare
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Solange Dekeyser aus Flossenbürg | 01.05.2016 | 21:30  
6
Walter Cami aus Flossenbürg | 04.05.2016 | 02:07  
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