Kirchenführerausbildung ökumenisch und über Dekanatsgrenzen hinweg
Herzen und Türen öffnen

Frauen und Männer erkundeten die evangelische Kirche in Flossenbürg bei einem Rundgang. Bilder: nm (3)
Vermischtes
Flossenbürg
02.09.2016
59
0
 
Besonderes entdecken, dieser Aufgabe stellten sich Frauen und Männer beim Rundgang durch die evangelische Kirche in Flossenbürg. Dazu gehörten die Figuren am Altar ebenso, wie eine Erinnerungstafel an Dietrich Bonhoeffer im Außenbereich.

Um vielfältige Türen zu öffnen, treffen sich knapp 20 Frauen und Männer über ein halbes Jahr zu insgesamt acht Ganztagesschulungen. Ihr Engagement soll dann zahlreichen Menschen als Bereicherung für das eigene Leben dienen.

Die Aufforderung "Türen öffnen" ist nicht nur im Zusammenhang mit Gotteshäusern zu verstehen. Die angehenden Kirchenführer wollen damit Menschen erreichen, die hinter das Tor blicken. Noch bis zum Oktober läuft das ökumenische Ausbildungsprogramm.

Weitaus mehr Frauen als Männer nutzen das dekanatsübergreifende Kursangebot der Evangelischen Bildungswerke (EBW) Sulzbach-Rosenberg und Weiden, sowie der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) Amberg-Sulzbach, Neustadt-Weiden und Tirschenreuth. Warum das so ist, dafür gibt es auf den ersten Blick keine Erklärung. Der Umstand unterstreicht aber die auch sonst häufig festzustellende Tatsache, dass Frauen bereit sind, sich und ihr Engagement für die Allgemeinheit einzubringen. Eine Teilnehmerin schmunzelte: "Zuhause putzen kann ich auch an den anderen Tagen."

Ein Großteil der angehenden Zertifikatsinhaber arbeitet jetzt schon tatkräftig in den unterschiedlichsten Aufgabenbereichen in den Heimatpfarreien und -gemeinden mit. "Es macht Freude Menschen die Kirchentüren zu öffnen. Nicht zu vergessen auch ein weiterer wichtiger Aspekt: Das Ausbildungsspektrum erweitert den eigenen Horizont."

Mit dabei sind außerdem Männer und Frauen, die bislang Orts- und Naturführungen anbieten. Sie sehen die Zusatzausbildung als Bereicherung. In jedem Fall geht es aber um Hintergrundwissen und interessante Zusammenhänge in Vergangenheit und Gegenwart.

"Natürlich gehört es dazu, die Geschichte der jeweiligen Kirchen und Gemeinden zu kennen, über Ausstattung, beteiligte Künstler und Besonderheiten Bescheid zu wissen. Es gibt aber auch weitere und nachhaltige Formen, mit interessierten Menschen zu kommunizieren", erläuterte aus Sicht der Ausbilder Dr. Reinhard Böttcher. Wichtig sei es, sich auf die unterschiedlichen Besuchergruppen, den vorhandenen Wissensstand und die Beweggründe für die Tour durch die eigene Kirche einstellen zu können. "Acht Ganztagestermine von April bis Oktober an unterschiedlichen Orten in den beteiligten Dekanaten schaffen dafür die Basis."

Bei der Wahl der Ausbildungsorte spielte der vor einiger Zeit geschaffene Simultankirchen-Radweg in der nördlichen Oberpfalz eine Rolle. Zu den Stationen zählt unter anderem Flossenbürg. Die evangelische Pankratiuskirche diente über Jahrhunderte hinweg und bis 1915 beiden Konfessionen als gemeinsames Gotteshaus. Hier und im Nachbarort Floß stellten Pfarrer Herbert Sörgel und Pfarrerin Lisa Weniger wichtige Daten vor. Mit dazu gehörte ein Abstecher zur Synagoge in Floß.

Es war in beiden Orten ein spannender Samstag. Den Ausbildern ging es um das Einbringen eigener Assoziationen, Erlebnisse und Erfahrungen. Dazu gehörte es auch, sich innerhalb weniger Minuten zunächst optisch zu orientieren und nach markanten Zeitzeugnissen zu suchen. Weiter geht es nach der Sommerpause in Kümmersbruck. Dr. Reinhard Böttcher, Maja Berendes, Hans Bräuer und Bettina Hahn konfrontieren die Kursteilnehmer dort mit weiteren und neuen Herausforderungen.

Kirchen und OrteDie ökumenische Ausbildung zum Kirchenführer bezieht auch gesellschaftliche und politische Themen mit ein. Es geht um weit mehr als Gotteshäuser und Kunstschätze vorzustellen.

Ein konkretes Beispiel bot sich in Flossenbürg. Knapp 20 Kursteilnehmer trafen sich vor dem Weg zur evangelischen Pankratiuskirche im Bonhoefferhaus. Sie rückten die Frage in den Mittelpunkt, wie die Kirchengemeinden mit der KZ-Vergangenheit umgehen.

"In der Gegenwart lassen sich unterschiedliche Haltungen zur Gedenkstättenarbeit feststellen. Das reicht von Ablehnung über Gleichgültigkeit bis hin zum Ja für ein Engagement", stellte sich Pfarrer Herbert Sörgel aus Sicht der evangelischen Gemeinde dem Thema. "Flossenbürg ist bestimmt nichts Besonderes. Solche voneinander abweichende Einstellungen werden sich überall finden lassen."

Das Thema auf die Grenzgemeinde zu reduzieren ärgert Sörgel häufig: "Besucher entrüsten sich, wie man auf dem Gelände eines ehemaligen KZ leben kann." Dass dort Heimatvertriebene und Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf bekamen, interessiere weitaus weniger: "Was kann daran falsch gewesen sein. Abgesehen davon, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ganz Deutschland angeht. Nazis und deren Anhänger gab es überall. Daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen, darf sich nicht auf Flossenbürg beschränken." (nm)


Natürlich gehört es dazu, die Geschichte der jeweiligen Kirchen und Gemeinden zu kennen, über Ausstattung, beteiligte Künstler und Besonderheiten Bescheid zu wissen. Es gibt aber auch weitere und nachhaltige Formen, mit interessierten Menschen zu kommunizieren.Dr. Reinhard Böttcher
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.