Interview mit Notarzt Dr. Torsten Birkholz zum Zugunglück in Freihung
Man weiß nie, was kommt

Der Triebwagen des Regionalexpress war beim Zusammenstoß mit dem Lastwagen im Bereich des Führerstandes zerfetzt worden und sofort in Flammen aufgegangen. Der Sattelschlepper schnitt sich regelrecht in den Triebwagen. Feuerwehrleute setzten Löschschaum ein. Bild: Feuerwehr Hirschau
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Freihung
07.11.2015
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"So ein Einsatz steht und fällt mit den ersten Kräften." Dr. Torsten Birkholz, Leitender Notarzt

Die Lage ist unübersichtlich. So lautet meist die erste Botschaft nach einem schweren Unglück - auch am Donnerstagabend bei Freihung. Trotz Chaos müssen Rettungskräfte planvoll vorgehen. Ein Interview mit dem Leitenden Notarzt Dr. Torsten Birkholz.

Was waren Ihre ersten Gedanken, als sie alarmiert wurden?

Mich hat sofort die Vorstellung vom Zugunglück, das im Juni 2001 in Gressenwöhr passiert ist, eingeholt. Und trotzdem weiß man nie genau, was einen erwartet.

Wie war die Situation, als Sie am Unglücksort eingetroffen sind?

Da ist man mitten in der Chaos-Phase. Die Schwierigkeit war zunächst die Größenausdehnung, also die Länge des Einsatzortes, und die fehlende Zugängigkeit.

Wie bewältigt man diese Herausforderungen?

Indem man dem Einsatz eine Struktur gibt. Das heißt, man verschafft sich zunächst einen ersten Überblick. Die Größe der Einsatzstelle hat es natürlich erschwert, gleichzeitig alles im Blick zu haben. Nachdem man einmal die gesamte Einsatzstelle erkundet hat, teilt man diese in Abschnitte auf. So ein Einsatz steht und fällt aber mit den ersten Kräften. Gezeigt hat sich auf jeden Fall das hohe Hilfeleistungs-Potenzial des öffentlich-rechtlichen Rettungsdienstes und der ehrenamtlichen Kräfte des Sanitätsdienstes.

Inwiefern?

Es waren zum Abschluss des Einsatzes deutlich mehr Helfer als Verletzte da. Dies ist eine typische Erscheinung bei einem Massenanfall von Verletzten. Wir haben hochqualifizierte Feuerwehrleute, darunter auch viele mit Rettungsdienst-Erfahrung, die sofort begonnen haben, die Verletzten zu betreuen. Keiner der Verletzten war in einer Situation, in der er vital bedroht war.

Wer kommt in welche Klinik, wer wird zuerst behandelt - wie wird das gehandhabt?

Das ist die Aufgabe des Leitenden Notarztes. Er ist derjenige, der die jeweilige Verletzungsschwere der Patienten beurteilt. Da hatte ich am Donnerstagabend acht sehr erfahrene Notärzte, darunter einige, die auch Leitende Notärzte sind, an meiner Seite, die diese Aufgabe übernommen haben. Der Leitende Notarzt ist zudem für die Priorisierung zuständig. Das heißt, er entscheidet, welche Patienten mit welcher Dringlichkeit in ein geeignetes Krankenhaus kommen. Wir hatten vier der Verletzten als potenziell kritisch eingestuft. Zwei von ihnen wurden sofort per Hubschrauber abtransportiert, einer nach Nürnberg, der andere nach Regensburg. Alle anderen Verletzten wurden mit Rettungswagen in die Kliniken gefahren.

Wie lange waren Sie vor Ort?

Nachdem der letzte Patient versorgt und ins Krankenhaus gebracht worden war, bin ich dann noch als Notarzt vor Ort geblieben, zusammen mit der Besatzung eines Rettungswagens als Absicherung für die Einsatzkräfte. Gegen 3.30 Uhr bin ich dann nach Hause gefahren.

Geht Ihnen solch ein Einsatz nahe?

Ja, auf jeden Fall. Man überlegt, ob alles gut gelaufen ist. Und man findet immer Punkte, wo man etwas verbessern hätte können. Man muss für sich daran arbeiten. Das Allerwichtigste ist, hinterher solche Einsätze noch einmal mit den Verantwortlichen im Team zu besprechen. Niemals kann mal als Einzelner den Einsatz in seiner Gänze erfassen. Das kann man schlussendlich nur als Team bewerten. Ich bin allen Kräften sehr dankbar, wie hervorragend sie als Team diesen Einsatz gemeistert haben.
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