Barbara Weinzierl als Kunstfigur Angelina Jollinger in der Elbarter Kulturscheune
Kann man das Internet löschen?

Wie unendlich viel man über Sex, Geld und Antiaging reden kann, zeigte Barbara Weinzierl in der Kulturscheune Elbart. Bild: prö
Kultur
Freihung
17.07.2016
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Es soll ja Krankheiten geben, von deren Existenz man kaum weiß, die aber gar nicht so selten vorkommen. "Lagorrhoe" ist so ein Krankheitsbild. Typisches Symptom: Sprechdurchfall, also eine krankhafte Geschwätzigkeit mit dem zwanghaften Drang, sich mitzuteilen.

Einen solchen Fall verkörperte die Hauptfigur Angelina Jollinger in dem Kabarettstück "Wir müssen reden - Sex, Geld und Erleuchtung", das in der Kulturscheune Elbart auf dem Programm stand. Wie unendlich viel man über Sex, Geld, Antiaging - ja, letztlich über jedes Thema - reden kann, zeigte Barbara Weinzierl, die als Angelina Jollinger zwei geschlagene Stunden lang - sieht man von den Pausen ab - ihre Verbalinjurien über das staunende Publikum ergoss.

Kritisch hinterfragte sie den eigentlichen Wert von "Qualitytime", ob ein Laie auch das Internet löschen kann, ob veganes Essen moralisch vertretbar ist, Alkohol wirklich Probleme lösen kann oder was geschieht, wenn Wissenschaftler ein tolles Medikament erfinden, ihnen dazu aber partout keine passende Krankheit einfällt.

Skurril bis subtil


Dabei wechselte Barbara Weinzierl permanent die Rollen: mal Emanze, mal kleines Dummchen, mal Oma, mal gestandenes oberbayerisches Mannsbild, mal Computer-Neuling, mal Hippie. Gekonnt schlüpfte sie in so manche tragische oder skurrile und doch wieder liebenswürdige Figur und vermittelte ganz subtil eine Menge Lebenserfahrung.

Schauspiel-Erfahrung hat sie ohnehin genug, seien es Kabarettauftritte mit Ottfried Fischer oder diverse Rollen in Fernsehserien wie "Der Alte", "Der Bergdoktor", "Dahoam is dahoam", "Die Rosenheimcops" oder "Um Himmels willen".

Barbara Weinzierl ist eine echte Doppelbegabung - als Komödiantin wie auch als Autorin, die schon erfolgreich Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke geschrieben hat. Entsprechend unerschöpflich ist ihr Sprachfundus, den die mit allen Wassern gewaschene bayerische Frohnatur beliebig nutzt, um über Gott und die Welt zu reden. So entsteht nicht zu Unrecht der Verdacht, dass es bei der One-Woman-Comedy-Show weniger um die Inhalte geht als um den Redefluss per se. Ein typischer Fall von "word-aholic".

Publikum singt den Refrain


Und wo Worte das Publikum nicht mehr erreichen, müssen echte bayerische Gstanzln herhalten, deren Refrain der sehr gemischte Chor des Publikums artig mitsingt.

Die Wortakrobatik wird zum Ende des dreiteiligen Sets noch auf die Spitze getrieben, wenn Weinzierl auf Zuruf der Gäste aus einzelnen Begriffen spontan eine Geschichte erfindet. So ist ihr Auftritt eine bunte Mischung aus Kabarett, Comedy und Impro-Theater.
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