Bilanz nach Zugunglück
Perfekte Rettungskette

Auf den Einsatz nach dem schweren Zugunglück am Abend des 5. November in Freihungsand blickten (von links) Leitender Notarzt Dr. Torsten Birkholz, Andreas Brunner, stellvertretender Leiter der ILS, ZRF-Geschäftsführer Andreas Dommer, Kreisbrandrat Fredi Weiß und stellvertretender Rettungsdienstleiter Erwin Gräml zurück. Bild: Steinbacher
Vermischtes
Freihung
08.01.2016
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Es macht einen riesigen Unterschied an der Einsatzstelle, ob es Tag oder Nacht ist.
 
5. November, kurz nach 22 Uhr: Der Regionalexpress nach Weiden erfasst einen am Bahnübergang Freihungsand stehenden Sattelzug. Das Führerhaus begräbt die Lok unter sich - erst nach 400 Metern kommt der Zug schließlich zum Stehen. Archivbild: gf

Ein Anwohner vermutet eine Explosion. Ein anderer Anrufer sagt, ein Zug sei verunglückt. Ein Passagier, der soeben ausgestiegen ist, schildert, wie der Kopf des Zuges brennt. Und die Disponenten der Leitstelle ahnen, dass bei Freihungsand etwas Schreckliches passiert sein muss.

Freihungsand. Die Notrufe gehen an diesem Donnerstag, es ist der 5. November, kurz nach 22 Uhr in der Integrierten Leitstelle (ILS) in Amberg ein. Wie viele es waren, können stellvertretender ILS-Leiter Stefan Brunner und Andreas Dommer, Geschäftsführer des Zweckverbands für Feuerwehr und Rettungsdienst (ZRF), auch jetzt, als sie mit den Vertretern der Rettungskräfte Bilanz ziehen, nicht mehr exakt sagen. "Aber es waren einige", so Brunner.

Explosion, Unfall mit einer Bahn, ein brennender Zugkopf: Angesichts dieser Meldungen schicken die Disponenten der ILS eine Reihe von Feuerwehren (darunter auch Kaltenbrunn und Grafenwöhr aus dem Nachbar-Landkreis Neustadt/WN), fünf Rettungswagen (aus Amberg, Hirschau, Eschenbach und zwei aus Weiden) sowie drei Notärzte (aus Amberg, Sulzbach-Rosenberg und Eschenbach) an den Bahnübergang beim Quarzsandwerk Strobel in Freihungsand. Vier der leitenden Notärzte, die ebenfalls verständigt werden, melden sich sogleich und rücken aus.

Fast gleiches Szenario


Kreisbrandrat Fredi Weiß und seine Kollegen der Feuerwehrführung sind bei einer Besprechung in Edelsfeld, als der Alarm kommt. "Zwei Kreisbrandmeister, Kreisbrandinspektor Karl Luber und ich sind gleich losgefahren", berichtet der Schnaittenbacher. Gressenwöhr kommt ihm unweigerlich in den Sinn. Das ist 15 Jahre her. Damals hatte ein Zug einen auf dem Bahnübergang stehenden US-Truck erfasst. Das Unglück jetzt passierte nur drei Kilometer von der damaligen Stelle entfernt, das Szenario ist das gleiche: Wieder stand ein Truck auf den Gleisen, als die Bahn kam, wieder brennt der Zug. "Es macht aber einen riesigen Unterschied an der Einsatzstelle, ob es Tag oder Nacht ist", erklärt BRK-Rettungsassistentin Joanna Sladki, die damals in Gressenwöhr ebenfalls im Einsatz war. Jetzt haben die Retter mit stockfinsterer Nacht zu kämpfen. Und mit der Ungewissheit, wie viele Passagiere im Zug sind.

Leitender Notarzt Dr. Torsten Birkholz, der mit dem Organisatorischen Leiter Rettungsdienst, Dieter Honig, die Sanitätseinsatzleitung bildete, befürchtete, die Menschen könnten in den Wald gelaufen sein, um den Flammen zu entkommen. "Diese Furcht hatte ich", gesteht er jetzt, als die Rettungskräfte Bilanz über das Unglück ziehen. Freihung ist die erste Feuerwehr, die am 5. November an der Unfallstelle eintrifft. Mit massivem Schaumeinsatz löschen die Aktiven die Flammen. Sowohl der Führerstand des Triebwagens als auch das Erste-Klasse-Abteil brennen komplett aus. Das Feuer entwickelt laut Kreisbrandrat Fredi Weiß eine Hitze von mehreren hundert Grad.

Als es die Temperatur zulässt, durchsuchen Feuerwehrleute akribisch den Zug, insgesamt drei Mal. "Wir wollten sicher gehen, dass niemand mehr drin ist", erklärt Weiß. "Es hätte ja sein können, dass sich jemand versteckt hat. Oder ein Verletzter noch drin gewesen wäre." Immer noch treffen Sanitätskräfte ein, Sie kommen aus Richtung Freihung, doch auf der engen Straße, die parallel der Bahnstrecke verläuft, steht Feuerwehrauto an Feuerwehrauto. Und sie erfahren, dass alle betroffenen Zug-Passagiere zwischenzeitlich in Sozialräumen von Quarzsand Strobel untergebracht sind. Dr. Torsten Birkholz überlegt nicht lange, lässt die Rettungswagen in einer riesigen Kolonne einen Schleichweg fahren, um zum Firmengelände zu gelangen. "Gottseidank war ein Ortskundiger dabei, der wusste, dass es diesen Weg gibt."

Keiner in Lebensgefahr


Angesichts der massiven Anzahl an Helfern - in der Summe waren es 92 Kräfte des Rettungs- und Sanitätsdienstes (inklusive Unterstützungsgruppe Sanitätseinsatzleitung und Krisenintervention) - konnten laut Birkholz alle schwerer betroffenen Patienten umgehend versorgt werden. "Wir hatten allein in der ersten Phase schon sechs Notärzte." Zügig wurden seiner Schilderung nach die dringlich zu behandelnden Betroffenen abtransportiert, zwei von ihnen per Hubschrauber. "Die Patienten waren maximal mittelschwer verletzt, bei keinem bestand Lebensgefahr." Seinen Worten nach waren unter den Betroffenen viele, die leicht oder gar unverletzt waren. Doch auch sie mussten betreut und versorgt werden. "Manche waren sich nicht so ganz sicher, ob sie ins Krankenhaus wollten."

Schnell ist klar, dass sowohl der Zugführer als auch der Fahrer des Trucks fehlen. Allein ein Blick auf den Führerstand der Bahn als auch auf den Sattelzug lassen Schlimmes befürchten: Die Führerkabine ist komplett ausgebrannt, vom Lkw ist nichts mehr übrig, die Reste hängen unter der Lok. Akribisch suchen Feuerwehrleute nach den beiden Vermissten - entlang des Gleises zwischen dem Bahnübergang, wo der Aufprall erfolgte, bis zu der Stelle, an der gut 400 Meter weiter der Zug zum Stehen kam, neben den Gleisen und im Wald. Sie finden den toten Lkw-Fahrer an der Zugstrecke und in den frühen Morgenstunden des 6. Novembers den ebenfalls ums Leben gekommenen Lokführer im ausgebrannten Führerstand. Somit fordert das Unglück zwei Menschenleben, 21 Passagiere werden verletzt.

Eine Unwägbarkeit ist und bleibt die Anzahl der Menschen im Zug. Die Retter fragen sich, ob nicht doch noch Verletzte irgendwo sind, möglicherweise orientierungslos und in Panik. "Eine Möglichkeit wäre noch gewesen, das Gelände zu überfliegen und eine Infrarotkamera einzusetzen", erklärt ZRF-Geschäftsführer Andreas Dommer. Doch so langsam kristallisiert sich heraus, dass niemand vermisst wird. Kein Angehöriger hat sich bei Polizei oder Integrierter Leitstelle gemeldet. "Im Zug war zum Beispiel eine Jugendgruppe aus Weiden. Die konnten uns sagen, dass niemand aus ihrer Gruppe fehlt", erklärt Joanna Sladki. Die Retter arbeiten nach dem Ausschlussprinzip.

Disponenten bleiben da


Nicht nur draußen am Unfallort gibt es viel Arbeit für die Helfer, auch in der Integrierten Leitstelle. Die dort beschäftigten Disponenten informieren zum Beispiel umliegende Krankenhäuser und fragen deren Aufnahmekapazitäten ab. "Unser Glück war, dass der Unfall nahe am Schichtwechsel war, so dass einige Mitarbeiter da geblieben sind", erklärt Dommer. "Wir wussten anfangs nicht, wie viele Verletzte es waren", sagt der ZRF-Geschäftsführer. Jetzt, im Nachhinein, ist ihm klar, dass "unterm Strich das Klinikum St. Marien alle Verletzten hätte aufnehmen können". Doch das konnte niemand ahnen, als am 5. November kurz nach 22 Uhr die ersten Notrufe eingingen.
Es macht einen riesigen Unterschied an der Einsatzstelle, ob es Tag oder Nacht ist.Joanna Sladki, Einsatzleiterin des Rettungsdienstes


Vorbildliche HilfeEin riesiges Lob haben die Retter für die Belegschaft von Quarzsand Strobel in Freihungsand parat. Sofort nach dem Zugunglück liefen sie nach draußen, um den Passagieren zu helfen und sie aufs Firmengelände zu holen. "Die große Masse der Verletzten war in der Kantine", erklärt stellvertretender Rettungsdienstleiter Erwin Gräml. "Die Belegschaft hat mit der Feuerwehr die Leute eingesammelt", lobt Einsatzleiterin Joanna Sladki. Außerdem fuhren die Beschäftigten ihre Autos weg, um Platz zu machen für Rettungs- und Krankenwagen. "Das war wirklich alles vorbildlich, in jeder Hinsicht", sagt die BRK-Rettungsassistentin. Außerdem seien die Menschen mit Getränken versorgt worden. (san)
Manche waren sich nicht so ganz sicher, ob sie ins Krankenhaus wollten.Dr. Torsten Birkholz, Leitender Notarzt


Im BlickpunktZwei Hubschrauber landen

Zum Transport der Verletzten kamen Intensivtransporthubschrauber aus Nürnberg und Regensburg an die Unglücksstelle. Zusätzlich landete eine Maschine der Polizei, die notfalls auch Patienten aufnehmen hätte können. Zum Unglückszeitpunkt war das Wetter noch gut, verschlechterte sich aber rasch", erklärt ZRF-Geschäftsführer Andreas Dommer. Deshalb drängten die Piloten darauf, schnellstmöglich wieder abzuheben. Und sie teilten mit, dass sie Patienten nur direkt nach Regensburg und Nürnberg mitnehmen und kein anderes Krankenhaus anfliegen würden - sie befürchteten laut Dommer, sie könnten wegen des Wetters dann von dort nicht mehr an ihre Standorte zurückzukehren. Auch die US-Armee bot Hilfe an: Sie hätte zwei in Grafenwöhr stationierte Transporthubschrauber (Black Hawk) schicken können. Doch die Intensivtransporthubschrauber reichten aus, um zwei schwerer Verletzte nach Nürnberg und Regensburg zu bringen.

St. Marien besetzt fünf OPs

Auf eine größtmögliche Anzahl von Verletzten hatte sich kurz nach dem Unglück auch das Klinikum in Amberg vorbereitet. Nach Angaben von Leitendem Notarzt Dr. Torsten Birkholz mobilisierte St. Marien dafür extra rund 80 Mitarbeiter. "Das perfekte und qualitativ hochwertige Katastrophenschutzkonzept hat da gegriffen", lobt der Anästhesist den Einsatz des Krankenhauses. Für akute chirurgische Eingriffe hatte das Klinikum sofort fünf seiner insgesamt zehn OP-Säle besetzt. Zusätzlich hielt St. Marien drei Schockräume und zwei Computertomographen frei. "Das ist eine riesige Leistung", urteilt der Leitende Notarzt. Ebenfalls sehr gut gerüstet war das St.-Anna-Krankenhaus in Sulzbach-Rosenberg. Dort waren rund 30 Mitarbeiter in Bereitschaft, um Unglücksopfer zu versorgen.

Ein anderes Zeitgefühl

Vielen der betroffenen Zug-Passagiere kam es wie eine Ewigkeit vor, bis die Rettungskräfte eintrafen. "Der erste Rettungswagen, das war einer aus Amberg, war aber nach zwölf Minuten da", berichtet stellvertretender Rettungsdienstleiter Erwin Gräml. "Vielen ist es ewig lange vorgekommen", weiß BRK-Einsatzleiterin Joanna Sladki aus Gesprächen mit den Patienten. "Wir waren da, aber wenn man selbst betroffen ist, empfindet man das ganz anders."

Nach nur einer Stunde seien bereits alle Verletzten von der Unfallstelle weg gewesen. "Das war nur möglich, weil alle am Einsatz Beteiligten so gut miteinander gearbeitet haben", lobt Rettungsassistentin Joanna Sladki das Zusammenspiel der Retter. (san)
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