SPD-Diskussion über ein sensibles Thema: "In Würde leben - in Würde sterben" - Wunsch nach mehr ...
"Akzeptieren, dass das Leben endlich ist"

Über ein schwieriges Thema - nämlich dem Umgang mit Sterben und Tod - diskutierten (von links) der Freudenberger SPD-Vorsitzende Andreas Koch, Landtagsabgeordneter Reinhold Strobl, seine Fraktionskollegin Kathi Petersen und Dr. Armin Rüger, Allgemeinarzt aus Sulzbach-Rosenberg, mit Bürgern. Bild: gf
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Freudenberg
21.01.2016
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Im November entschied der Bundestag über ein neues Sterbehilfegesetz. Doch beendet ist damit die Debatte um Entscheidungen am Lebensende wahrlich noch nicht - das zeigte eine Diskussion am Montagabend in Freudenberg sehr deutlich.

Für die Diskussion zum Thema "In Würde leben - in Würde sterben" hatte Landtagsabgeordneter Reinhold Strobl seine Fraktionskollegin Kathi Petersen nach Freudenberg geholt.
Die Referentin erläuterte zunächst verschiedene Begrifflichkeiten wie Sterbebegleitung (Maßnahmen zur Pflege und Betreuung von Todkranken oder Sterbenden), Therapien am Lebensende (Leiden lindern, zum Beispiel durch eine Schmerztherapie), sterben lassen (lebensverlängernde Maßnahmen werden unterlassen) und Tötung auf Verlangen (eine Straftat, die mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren geahndet wird).

Furcht vor sozialem Druck


Sehr deutlich warnte die Referentin vor möglichen Gefahren: Ausnahmen beispielsweise könnten zu immer mehr Ausnahmen führen, aus einer Tötung auf Verlangen könnte eine Tötung ohne Verlangen werden. Sie befürchtet auch, bei einem ärztlich assistierten Suizid würde der soziale Druck auf Menschen steigen. Schnell könnte es heißen: "Es gibt doch Lösungen, du musst doch nicht noch lange leiden." Auch stelle sich die Frage, wer entscheide, ob das Leben lebenswert sei. "Was ist, wenn ältere Menschen vorwiegend als Kostenfaktoren gesehen werden? Sollen die sich rechtfertigen müssen, weil sie noch leben wollen?!"

Deutlich forderte sie, dass die Sterbebegleitung ausgebaut wird. "Der Wunsch, nicht mehr leben zu wollen, ist oft der Wunsch, nicht mehr so leben zu wollen: nämlich mit Schmerzen oder alleine." Kathi Petersen sieht die Palliativmedizin als Querschnittsaufgabe in einem Krankenhaus an. Sie sollte selbstverständlich werden in Altenheimen. Dafür sei aber erforderlich, dass das Pflegepersonal das bekomme, was es meist nicht habe: Zeit. "Wichtig ist, dass die Menschen auch im Alter und mit Krankheit nicht alleine sind."

Mit auf dem Podium saß Dr. Armin Rüger, Allgemeinmediziner aus Sulzbach-Rosenberg und Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten im Gesundheitswesen. "Ich glaube nicht, dass wir eine aktive Sterbehilfe brauchen", betonte der Arzt. In seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Mediziner habe er keinen einzigen Fall erlebt, dass jemand aktiv um Sterbehilfe gebeten habe. Rüger sprach die Patientenverfügung an. Darin könne man festlegen, was man möchte und was nicht. Rüger empfahl, diese Patientenverfügung nicht im stillen Kämmerlein zu machen, sondern mit den Angehörigen zu besprechen.

Wie sehr selbstbestimmt?


"Die Idee von der Selbstbestimmung ist auch ein bisschen ideologisch", warf Barbara Bock von der Klinikums-Seelsorge von St. Marien in Amberg in die Diskussion ein. Wann sei ein Mensch schon selbstbestimmt? Bestimme er, wann oder in welche Familie er hinein geboren werde? "Wir sind alles Menschen, die in Beziehungsgeflechten sind." Kathi Petersen pflichtete ihr bei: "Selbstbestimmt tun wir ganz wenig, weil wir mit anderen vernetzt sind - unsere Entscheidungen sind also gar nicht so individuell." Häufig sei es schwer, zu akzeptieren, dass das Leben endlich ist - und somit das Sterben zuzulassen. Sowohl Barbara Bock als auch Angela Hering vom Hospizverein sprachen über ihre Arbeit. Ihre Schilderungen machten deutlich, wie wichtig Zuwendung und Begleitung für Menschen am Lebensende sind.

Wie die beiden Frauen erklärten, soll in der Region eine ambulante palliativmedizinische Versorgung für Erwachsene aufgebaut werden, für Kinder gibt es sie bereits. Der Unterschied zwischen Hospiz und Palliativstation, der Wunsch, seinen eigenen Tod selbst bestimmen zu dürfen, die Angst, als junger Mensch ins Wachkoma zu fallen und Jahrzehnte an Maschinen zu hängen - Wortbeiträge wie diese machten bei der Veranstaltung vor allem eines deutlich: Die Diskussion darüber ist mit der Entscheidung des Bundestags wahrlich nicht beendet. Vielleicht auch, weil es schwerfällt, "zu akzeptieren, dass unser Leben endlich ist", wie es Kathi Petersen formulierte. Doch nur so könne Sterben zugelassen werden.

Gewerbsmäßige Sterbehilfe unter StrafeIm November 2015 hat der Bundestag ein neues Gesetz zur Sterbehilfe verabschiedet - nach mehr als zweijähriger Diskussion darüber. Beschlossen wurde, die gewerbsmäßige Sterbehilfe unter Strafe zu stellen. Kathi Petersen, SPD-Landtagsabgeordnete aus Schweinfurt, die dem Ausschuss für Gesundheit und Pflege angehört, skizzierte bei ihrem Referat in Freudenberg kurz die Anträge, die zur Neuregelung der Sterbehilfe von vier fraktionsübergreifenden Gruppen eingereicht worden waren. Bei der Abstimmung war laut Petersen die Fraktionsdisziplin aufgehoben worden, jeder sollte nach seinem Gewissen entscheiden können. Der vom Parlament angenommene Entwurf stammte von Abgeordnetengruppe um Michael Brand (CDU) und Kerstin Griese (SPD).

Petersen führte aus, wie Sterbehilfe in anderen Ländern gehandhabt wird: In Luxemburg, Belgien und den Niederlanden sind ärztliche Beihilfe zum Suizid und Tötung auf Verlangen unter bestimmten Umständen sogar für Kinder und Jugendliche erlaubt. (san)
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