Zwischenbilanz fünf Jahre nach dem Bau des ersten Windrades im Landkreis
Die Windvorreiter von Witzlricht

Vor fünf Jahren stand Witzlricht an der Schwelle von der rein ländlichen Idylle zum Pilotprojekt für die (Bürger-)Windkraft. Dort wuchs gerade das erste Windrad im Landkreis in den Himmel. Zum Schluss erreichte es eine Höhe von 180 Metern. Bild: Hartl
Wirtschaft
Freudenberg
09.11.2016
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Andreas Wilczek ist einer der beiden Geschäftsführer der Bürgerwind Freudenberger Oberland GmbH & Co. KG, der Betreibergesellschaft der Windräder bei Witzlricht. Bild: Hartl

Andreas Wilczek hat die Frage vorausgesehen. Was würde er heute anders machen, fünf Jahre nach dem Start der beiden Windräder bei Witzlricht? Für eine Antwort muss der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft trotzdem lange überlegen.

Einfallen will ihm aber auch jetzt, im Pressegespräch mit der AZ, nichts. Nicht dass in der Branche alles eitel Sonnenschein (oder steife Brise) wäre. "Die Windkraft ist tot in Bayern", sagt Wilczek. Durch die 10-H-Regelung blieben keine Flächen mehr, auf die man vernünftigerweise Windkraftanlagen stellen könnte. Aber bei seinem Projekt, den Witzlrichter Windrädern, die Ende 2011 im Landkreis den Vorreiter machten, und denen bis heute 23 weitere gefolgt sind, lief es bisher wie geschmiert. Was wohl auch den Eigenheiten des Freudenberger Bürgerprojekts geschuldet ist. Eine Bilanz in Stichworten.

Der Wind ...


... weht bekanntlich, wie er will. An Berechnungen hält er sich dabei nicht immer. Die Initiatoren des Freudenberger Windkraft-Projekts gingen deshalb auf Nummer sicher, ließen ein ganzes Jahr lang den Wind messen und daraus zwei unabhängige Gutachten anfertigen. Von dem mit den konservativeren Werten zog man noch 15 Prozent Sicherheitsabschlag ab und nahm diese Zahl dann als Grundlage für alle Berechnungen - "aus Verantwortung für das Kapital der Bürger", wie Andreas Wilczek sagt. Folge: Man lag immer über den vorhergesagten Erträgen. "Selbst im schlechtesten Windjahr hatten wir 110 Prozent der Prognose."

Die Finanzen


Wo die Strommenge stimmt, passt auch die finanzielle Seite der Windmüllerei. "Wir haben bisher etwas mehr ausgeschüttet, als prognostiziert war", sagt Wilczek. Zudem habe man Liquiditätsreserven und schon über die Hälfte der Schulden abgebaut. Wenn das Wetter mitspiele, könne man in drei Jahren schuldenfrei sein. Ursprünglich waren dafür zwei Jahre mehr eingeplant.

Die Anlage


Die zwei Windräder vom Typ Enercon E82 nennt Wilczek die "für diesen Standort beste und effizienteste Anlage". Man sei sehr zufrieden mit den zuverlässigen Maschinen.

Das Geräusch


Andreas Wilczek leugnet es nicht: Dieses im Vorfeld oft angesprochene Brummen der Windräder, man höre es zu bestimmten Zeiten. Ein paar Stunden an einigen Tagen im Jahr. "Aber die Grenzwerte werden dabei nicht überschritten." Diese Einschätzung gründet nicht nur auf den Berechnungen, die vor der Inbetriebnahme angestellt wurden. Das Landratsamt bekam von den Betreibern auch im Jahr danach ein Gutachten über die tatsächlich gemessenen Emissionen.

Die 10-H-Regelung hat die Windkraft-Branche selbst provoziert, weil sie die Leute mit Großprojekten manchmal überfahren hat.Andreas Wilczek

Das Flächenpachtmodell


Es war ein Novum in Süddeutschland: Nicht nur die drei Grundstücksbesitzer erhalten eine Pacht, sondern auch die übrigen sechs Haushalte im nahe gelegenen Witzlricht. Das geht, weil die drei Besitzer auf zwei Drittel der möglichen Pacht verzichteten. "Wir sind überzeugt, dass das die bestmögliche gerechte Verteilung ist", sagt Wilczek. Dieses Modell sei gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft erarbeitet worden.

Der Weg des Stroms


Der Witzlrichter Windstrom gelangt über den Sender Rotbühl und das Umspannwerk Hirschau in das Bayernwerk-Netz. Die Energie, die selbst bezogen werden muss, ist Ökostrom von den Amberger Stadtwerken. Die machen auch den Messstellenbetrieb an den beiden Anlagen. Wilczek: "Es ist für uns sehr vorteilhaft, dass wir da einen so guten Dienstleister und Partner mit Ansprechpartnern vor Ort haben."

Das Ende


Bei der Lebensdauer von Windrädern geht man von 20 Jahren aus. Danach muss aber noch nicht Schluss sein, meint Wilczek. "Entscheidend sind die Standfestigkeit und die Sicherheit des Betriebs." Der Betonturm könne auch 25 Jahre durchhalten. Irgendwann erfolge dann aber der Rückbau. "Dafür mussten wir eine Rückbaubürgschaft zugunsten des Landratsamtes erbringen." Das Material, das dabei anfällt, ist laut Wilczek "kein Sondermüll, sondern alles recycelbar". Wenn die Windräder weg seien, könne man überlegen, dort wieder neue, modernere hinzustellen - "oder vielleicht auch gar nichts, weil die Solarenergie dann schon weiter ist und wir feststellen, dass Windenergie nur eine Übergangslösung war".

Spätestens hier merkt man, dass Wilczek, der bei Grammer Solar in Amberg als Solarfachberater arbeitet, unter den erneuerbaren Energien noch eine zweite Liebe hat. Sie verhilft ihm zu einem weiteren Horizont. Denn natürlich erkennt er, dass die Windkraftbauwerke die Umwelt und den Lebensraum verändern. Durch geschickte und vernünftige Planung sowie Einbindung der Bürger vor Ort werde daraus aber nachhaltiger Klimaschutz - für Umwelt und Natur. "Und wenn wir in Deutschland das nicht schaffen, wird sich weltweit nichts ändern." Dann bekomme man den Klimawandel nicht in den Griff und die Umwelt werde sich extrem verändern - viel mehr als durch das Aufstellen von Windrädern.

Das Projekt in Zahlen
  • 16 Gesellschafter gingen bei der Gründung der Freudenberger Bürgerwind-Gesellschaft ins Risikokapital

  • 160 000 Euro brachten sie auf. Mit diesem Gründungskapital ging es 2010 in die Planung und das Genehmigungsverfahren.

  • 11 Tage vor Fukushima kam die Genehmigung, also am 28. Februar 2011

  • 7,5 Millionen Euro kosteten die beiden Windkraftanlagen

  • 50 Prozent ist die Eigenkapitaldecke. Den Rest der Finanzierung übernahm die Sparkasse Amberg-Sulzbach.

  • 60 Prozent der Gesellschaft halten Privatpersonen, 40 Prozent die beiden beteiligten Energieversorger Stadtwerke Amberg und Naturstrom AG (Düsseldorf/Forchheim)

  • 650 bzw. 720 Meter beträgt der Abstand der Windräderzur Ortschaft Witzlricht

  • 210 Gesellschafter sind es heute.


Kein Lüftchen mehrDas seltsame Windjahr 2016 hat Andreas Wilczek mehrfach überrascht. Zuerst mit den Rekordmonaten Januar und Februar, in denen der Wind so viel Strom machte wie noch nie. Ende Mai hatten die Anlagen schon 60 Prozent des prognostizierten Jahresertrags produziert. Im Juni kam dann der totale Einbruch, kaum ein Lüftchen blies mehr. Dass ausgerechnet in dieser langen Windstie ein Blitzeinschlag einen Trafoschaden verursachte, ist vom Zeitpunkt her betrachtet sogar ein Glück. Der Austausch dauerte nämlich etwa eine Woche. Ein Schaden entstand der Bürgerwind-Gesellschaft dadurch nicht, da der Vollwartungsvertrag mit dem Hersteller Enercon alles abdeckte.
1 Kommentar
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Dr. Peter Steinbock aus Eschenbach in der Oberpfalz | 10.11.2016 | 04:32  
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