Mehr als ein enges Moralkorsett

Hüte dich vor dem Verlust der geistigen Freiheit, stelle dich der Verantwortung bei all deinen Entscheidungen.
Lokales
Friedenfels
21.10.2015
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Welche Bedeutung haben die Zehn Gebote in der heutigen Zeit? Bernhard Suttner lieferte in einem Vortrag aktuelle und überraschende Interpretationen.

"Auf den ersten Blick scheint dieser 3000 Jahre alte Text nichts zu den großen Problemen des 21. Jahrhunderts sagen zu können." Bildungsreferent Bernhard Suttner nannte die Stichworte Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung, Ungerechtigkeit zwischen armen Ländern und den wohlhabenden Industriegesellschaften. Doch bei genauerem Nachdenken zeige sich, dass die Zehn Gebote als Grundgerüst einer Ethik für den Alltag in der modernen Zeit äußerst hilfreich seien.

Suttner sprach auf Einladung von Katholischer Erwachsenenbildung, Kolpingsfamilie und Frauen- und Mütterverein. "Wir müssen keine neuen Regeln erfinden. Es geht darum, die alten Hinweise zeitgemäß zu interpretieren und endlich ernst zu nehmen."

Der Bildungsreferent aus dem Landkreis Straubing-Bogen erzählte, wie ihm gegen Ende der 70er Jahre bei der Gründung einer Umweltbewegung von nichtreligiösen Mitstreitern vorgehalten wurde, dass die überlieferten biblischen Gebote für das 20. Jahrhundert nicht mehr brauchbar seien, weil sich darin keine Empfehlungen für den rechten Umgang mit der Natur und für eine politisch-soziale Ethik fänden. "In der Tat wurden die Zehn Gebote über Generationen hinweg als enges Moralkorsett für privates Verhalten interpretiert", meinte der Referent. Wenn man aber nach den Werten frage, die etwa durch "Du sollst nicht töten" geschützt werden sollen, öffne sich ein weiter Horizont. "Die Abscheu vor Mord, Raub und Totschlag reicht nicht aus. Wer die Gebote ernst nimmt, muss sich um die positive Sicherung und die Förderung des Lebens und seiner Grundlagen bemühen." Der Referent nannte als Beispiel den alltäglichen Konsum: Wer beim Genuss einer Tasse Kaffee oder beim Kauf eines Baumwollhemdes sein Gewissen bemühe, könne ins Grübeln kommen: "Entweder wird er erschrecken über lebensfeindliche Zustände auf den Anbauplantagen, über Hungerlöhne, unwürdige Arbeitsumstände und über gefährliche Chemikalien. Oder aber er wird mit Genugtuung feststellen können, dass aufgrund fairer Handelsbeziehungen, guter Arbeitsschutzgesetze und biologischer Anbaumethoden das Leben in positiver Weise gefördert wird." So werde eine einfache Kaufentscheidung zwischen "Schnäppchen-Superpreis" oder aber "fair und ökologisch" zu einer Frage der Beachtung des 5. und 7. Gebotes. Beispielhaft sei das Engagement der "Eine-Welt-Läden" und vieler kirchlicher Verbände.

Für moderne Menschen

Ausführlich beschäftigte sich Suttner mit dem "schwierigen 1. Gebot": "Es fordert die ausschließliche Treue zu Jahwe, der sein Volk aus der Sklaverei befreit hat, warnt vor jeglichem Götzendienst und weist auf den Fluch böser Taten hin, die sich auch noch auf die nachfolgenden Generationen auswirken werden." Dieser auf den ersten Blick "erschreckend harte Text" erscheine ihm wie für uns moderne Menschen geschrieben, meinte Bernhard Suttner: "Moderne Götzen - das sind die vom Menschen selbst gemachten und verabsolutierten ideologischen Systeme, deren Auswirkungen als Fluch noch auf den künftigen Generationen lasten werden." Überzogener materieller Konsum, ständiges Wachstums, Hetze in der Arbeitswelt und das absurde Ziel "ewiger Jugend und körperlicher Perfektion" verlangten riesige Opfer. Suttner: "Gesundheit, zwischenmenschliche Beziehungen und die Lebenschancen künftiger Generationen werden leichtfertig riskiert." Wer sich und seinen Nachkommen von diesen Zwängen befreien wolle, müsse über geistige Alternativen zum bloßen Materialismus nachdenken. Als Kern-Botschaft der Zehn Gebote stellte Suttner deshalb fest: "Hüte dich vor dem Verlust der geistigen Freiheit, stelle dich der Verantwortung bei all deinen Entscheidungen." Suttner warnte vor einer "Privatisierung der Ethik" und plädierte für eine Wiederbelebung des "sozialethischen Engagements auf allen Ebenen - auch und gerade in der Kirche". Die ganz großen Probleme seien mit rein privaten Verhaltensänderungen nicht zu bewältigen: "So sehr ich für die kleinen privaten Schritte plädiere, so sehr weiß ich auch, dass soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz ohne bessere Gesetzgebung und Rahmensetzung für die Wirtschaft nicht erreicht werden können."
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