Das große Glück einer Familie

Das Bundesverdienstkreuz, das von Sozialministerin Emilia Müller überreicht hat, gebühre eigentlich der ganzen Familie, sagt Annemarie Ernstberger (Vierte von links), die seit über 20 Jahren ihren kranken Sohn pflegt. Bei der Ehrung in München dabei waren noch (von links) stellvertretender Landrat Dr. Alfred Scheidler, Ehemann Robert, Schwester Hildegard Kiemle, Bürgermeister Wolfgang Braun und Tochter Julia. Bild: Gert Krautbauer
Lokales
Fuchsmühl
04.11.2015
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Annemarie Ernstberger schaut hinüber zu einem kleinen Bildschirm, der neben ihr auf dem Wohnzimmertisch steht. Sie kann damit ihrem Sohn beim Schlafen zusehen. Seit über Jahren wird er von ihr gepflegt. "Das ist doch eine Selbstverständlichkeit", sagt die Mutter.

"Christoph gibt uns sehr viel, er ist unser Glück. Wir geben ihm dafür unsere Liebe, zeigen ihm unsere Dankbarkeit." Am meisten freut es Christoph, wenn er in seinem Sessel sitzen und bei seiner Familie sein kann.

"Am glücklichsten sind wir, wenn auch er glücklich ist, vor allem aber, wenn er uns anlächelt." Julia, seine kleine Schwester, seine beiden Brüder und natürlich die Eltern seien der Dreh- und Angelpunkt in Christophs Leben, erzählt Annemarie Ernstberger. "Vor allem aber ist Julia sein ganz besonderer Mittelpunkt", gesteht die Hausfrau und vierfache Mutter. "Er macht es uns aber auch sehr einfach. Ich kann mich nicht erinnern, dass er mal schlecht gelaunt gewesen wäre."

Christoph ist seit über 20 Jahren ein Pflegefall, rund um die Uhr. Warum Christoph krank wurde, weiß niemand. Annemarie Ernstberger ist für ihre aufopferungsvolle Pflege vor wenigen Tagen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Sie hat sich freilich darüber gefreut. Trotzdem kann sie nicht verstehen, dass man daraus gleich so eine große Sache machen müsse.

"Es ist doch eine Selbstverständlichkeit, wenn eine Mutter ihren kranken Sohn pflegen darf. Erst bekomme ich von Frau Müller einen Orden überreicht und jetzt kommt auch noch die Zeitung." Bescheiden zeigt sie auch kaum Verständnis für diesen "Aufstand" und mahnt: "Schreiben ja nicht zu viel über mich!" Sie weiß, dass neben ihr viele in der gleichen Situation ihre Angehörigen pflegen. Und ihr Christoph erfährt diese liebevolle, familiäre Unterstützung seit mehr als 20 Jahren.

Den Kindergarten hat er besucht. Und als er in die Schule kam, war auch noch alles in bester Ordnung. "Irgendwann mussten wir beobachten, dass er grundlos stolperte oder sogar hinfiel." Als sich die Symptome nicht besserten, suchten die Ernstbergers Hilfe bei der Uniklinik in Göttingen. Christoph bekam eine Gehhilfe und dann, als das nichts mehr nützte, einen Rollstuhl. Doch es wurde immer schlimmer. Die Mediziner konnten Christoph nicht helfen, seine Krankheit bleibt bis heute namenlos.

"Ein Glücksfall war unsere liebe Frau Büttner, sie hat Christoph drei Jahre lang daheim unterrichtet", erzählt seine Mutter. Der intelligente, körperbehinderte Junge freundete sich mit der Lehrerin schnell an. "Leider ist sie inzwischen verstorben." In den Herzen der Ernstbergers lebt die Hauslehrerin aber immer noch. "Dann haben wir den Jungen wieder in die Regelschule gebracht. Ich habe ihn hingefahren, hinaufgetragen und wieder abgeholt."

Nach über 20 Jahren sieht Annemarie Ernstberger vieles im Leben mit anderen Augen. Zufriedenheit, Harmonie und Ausgeglichenheit seien ihre Philosophie, Geld allein mache nicht glücklich, wie sie gesteht. "Wissen Sie: Bei uns kann sich jeder auf jeden verlassen. Mein Mann kümmert sich um Haus und Garten, erledigt die Einkäufe und hat sogar noch Zeit für die eine oder andere nachbarschaftliche Hilfe. Auch mein Tagesablauf ist geregelt. Und unsere Kinder sind immer füreinander da. Darauf bin ich stolz, und wir sind dankbar."

Klaglos und zufrieden erzählt Annemarie Ernstberger ein kleines Stück von ihrem Leben und von ihrem großen Glück, eine intakte Familie zu haben. "Wir haben uns immer ergänzt, Neid kennen wir nicht. So sind auch die Kinder erzogen worden. Daher gebührt eigentlich meiner ganzen Familie dieses Bundesverdienstkreuz."
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