Nach Holzschlacht Entsetzen und Empörung im gesamten Königreich - Heimatforscher Erich Schraml ...
"Wenn ich gegangen wäre, hätten sie mit Steinen geworfen"

Der zuständige Bezirksamtmann erwies sich als unfähig, den Streit in vernünftige Bahnen zu lenken.
Lokales
Fuchsmühl
22.10.2014
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In die Regionalgeschichte ging das Niederschlagen des Aufstands der Bauern als "Fuchsmühler Holzschlacht" ein. Regierungskreise sprachen nur von der "Fuchsmühler Affäre", erläuterte Festredner Erich Schraml bei der Gedenkfeier am Samstagabend. "Wir gedenken eines Geschehnisses, das vor 120 Jahren für Entsetzen und Empörung im gesamten Königreich Bayern sorgte."

Auslöser war laut Schraml eine spontane Aktion eines Teils der Fuchsmühler Einwohner - Holzrechtler, die entgegen dem geltenden Recht eigenmächtig Holzfällungen in den Waldungen des Kronlehens Fuchsmühl vornahmen. Der zuständige Bezirksamtmann forderte daraufhin Militär an, das sich teils zu unverhältnismäßigen Gewalttaten hinreißen ließ, so der Heimatforscher, der auch einen zeitgeschichtlichen Bogen spannte und auf die Herrschaft von Prinzregent Luitpold einging.

Bei den Wahlen 1899 habe sich der alte bayerische Liberalismus eingestehen müssen, dass er seine Werbekraft längst verloren hatte. Einen Aufstieg erlebte die bayerische Sozialdemokratie. Parteiführer Georg von Vollmar habe immer wieder betont, wie sich die bayerischen Verhältnisse von denen im übrigen Reich unterschieden: geringere Einkommensunterschiede als anderswo, weniger Klassenhass, keine Spur von Unterwürfigkeit. "Hier regt sich rauhes Bauernvolk!" Vielleicht sei mit dieser treffenden Einschätzung Vollmars auch das Aufbegehren der Fuchsmühler Bauern gegen das nach ihrer Ansicht völlig unrechtmäßige Verweigern des Rechtholzes zu erklären.

Drückende Schulden

Da die Bauern trotz der schlechten Wirtschaftlage ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen mussten, versuchten sie teils, die Viehwirtschaft zu intensivieren, doch reichte das Geld meist für notwendige Investitionen nicht aus, führte Erich Schraml aus: Die Rechtholzentnahme aus den Wäldern wurde fast zur Gänze verkauft, um die Schulden einigermaßen erträglich zu halten. "Die Wechselwirkung zwischen den wirtschaftlichen und sozialen Wandlungsprozessen in Verbindung mit der landwirtschaftlichen Krise und der teilweisen Unfähigkeit von Regierung und Verwaltung, dem entgegenzutreten, erzeugte eine stetig wachsende Unruhe unter der Bauernschaft." Seit Anfang der 1880er Jahre habe es zunehmend Zusammenstöße zwischen Gendarmerie und Einwohnern gegeben.

Das Jahr 1894 brachte niedrige Getreide- und Viehpreise, die Ernten waren nicht besonders, der Getreidepreis in etwa gleich mit dem Erzeugerpreis. Die Stimmung der Bauern: auf dem Nullpunkt, fasste Schraml zusammen. "Zwischenfälle waren vorhersehbar, aber niemand traf Vorkehrungen oder gab Anweisungen an ausführende Organe." Im Oktober 1894 kam es zur "Holzschlacht" in Fuchsmühl. Erich Schraml: "Der zuständige Bezirksamtmann erwies sich als unfähig, den Streit in vernünftige Bahnen zu lenken."

Später sei versucht worden, dem Lehensnehmer Freiherr von Zoller eine Hauptschuld anzulasten, weil er die Ablösung der Holzrechte veranlasst hatte. "Er trägt aber nur eine Teilschuld, weil er seinen Beratern freie Hand ließ und auch im letzten Moment nicht mehr eingriff." Gravierendster Fehler sei jedoch gewesen, dass der bayerische Staat einem Beamten die Möglichkeit gab, Militär anzufordern. "Wie man heute weiß, ist Militär für Polizeiaufgaben meist gänzlich ungeeignet. So waren die Amberger Soldaten nicht darauf vorbereitet, fast unbewaffneten Bürgern mit Frauen und Kindern gegenüberzutreten."

Gruppenzwang

Bezeichnend seien Aussagen von Fuchsmühler Einwohnern hinsichtlich der Gründe ihrer Beteiligung an der ungesetzlichen Aktion: Der Ortsbeauftragte und Kaufmann Pappenberger war auf seine Kunden angewiesen, diese mussten zudem ihre "Anschreibschulden" tilgen können. Das gleiche galt für Ortsbeauftragten Reger mit seinem Kolonialwarenhandel. Der junge Bürgermeister Stock "wäre schon heimgegangen, aber wenn ich gegangen wäre, hätten sie mit Steinen auf mich geworfen". Außerdem stand er unter dem Druck seines Vaters. Andere Beteiligte gaben an, dass ein starker Gruppenzwang ausgeübt wurde.
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