Stammtisch ohne Heimat

Nach 25 Jahren hieß es Abschiednehmen vom Stammlokal Gammer. Der Montagsstammtisch steht nun vor der schwierigen Frage: Wohin? 35 Jahre lang bewirtete Hannelore Gammer Gäste. Jetzt schloss sie die Pforten. Bild: fue
Lokales
Fuchsmühl
08.05.2015
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Hannelore Gammer kann und will sich die Träne gar nicht verdrücken, die ihr die Wange hinunterkullert. Schließlich ist es das letzte Mal, dass sie ihren geliebten Montagsstammtisch um sich hat. Nach 25 Jahren heißt es Abschiednehmen von den "Feuchten Kehlen", wie sich die Männer zwischen 60 und 79 Jahren nennen.

Insgesamt war Hannelore Gammer mehr als 50 Jahre Wirtin. Zunächst beim "Schaurermann", seit 35 Jahren in der gleichnamigen Pension gleich nebenan in der Alten Straße. Jetzt, im Mai 2015, ist Schluss. "Mit 78 Jahren darf man schon mal aufhören", sagt die Wirtin, jetzt wieder mit ihrem berühmten schelmischen Lächeln auf den Lippen. Die Stimmung ist ein bisschen gedrückt. Auch wenn das keiner zugeben will von den Stammtischlern.

Wohl mehr um sich abzulenken von der Wehmut, diskutieren sie darüber, wo sie denn jetzt hin sollen. Ein anderes Gasthaus oder privat - das ist die große Frage. Oder soll man gar eine Fusion anstreben mit einem anderen Stammtisch, bei dem einige "Feuchte Kehlen" bereits dabei sind? Ausschlusskriterium: Die kommen immer freitags zusammen.

Eine Lösung werden sie nicht finden. Zumindest nicht an diesem Abend, an dem erzählt wird von vielen bereits verstorbenen Freunden. Zehn haben uns bestimmt schon verlassen", sagt Emmeram Trottmann, der Chef. Das Friedenfelser Urgestein ist neben Josef Malzer aus Helmbrechts der einzige Nicht-Fuchsmühler am Stammtisch. Von seinem Chauffeur einmal abgesehen, der aber eigentlich gar kein Chauffeur ist. Denn das Steuer übernimmt immer montags dessen Frau, die an einem anderen Tisch sitzt und strickt. Scheinbar unberührt von dem Trubel, der wenige Meter weiter herrscht. Unterdessen serviert die "Roud", wie Hannelore Gammer früher auch genannt wurde, die vierte oder fünfte Runde Schnaps. Klaglos wird auch diese Herausforderung gemeistert, natürlich begleitet von einem gesungenen Trinkspruch Trottmanns. Stolz stemmt er danach das Stammtisch-Wahrzeichen, einen selbst geschnitzten Glockenturm, in die Höhe und verkündet: "Der muss noch mindestens zehn Jahre halten."

Sehr musikalisch

Nachdem er eine kräftige "Pris" Schnupftabak genommen hat, stimmt Tenor Trottmann wieder ein Lied an. Das dritte oder vierte an diesem Abend, bringt mit seinem markerschütternden Tenor fast die Gläser zum Vibrieren. "Wir sind ein sehr musikalischer Stammtisch. Und einer für die Gemütlichkeit, die an oberster Stelle steht", versichert der Sänger und langjährige Verkaufsleiter der Friedenfelser Brauerei, die viele Jahre ohne ihn kaum vorstellbar war. "Ganz speziell wird's immer ab 21 Uhr. Ab da lügt der Emmeram", sagt Heiner Schärl, Fuchsmühler Ehrenbürger und Stammtischbruder der ersten Stunde, grinsend. "Wenn er nicht schnupft." Wie zum Beweis kramt der Friedenfelser seine Dose hervor, türmt einen mächtigen Berg Tabak auf den Handrücken und zieht sich die Prise voller Genuss tief in die Nase. Danach erzählt er von den vielen Aktionen und Auftritten, die man in all den Jahren hatte. Von Geburtstagen, Faschingsveranstaltungen und anderen Festen. "Wo waren wir nicht überall vertreten", erinnert sich Adolf Höcht. "Und überall haben wir für Musik und Gaudi gesorgt", fügt Trottmann an. "Unter dem Motto singen, lecker essen und kaltes Bier hatten wir immer viel Freude."

Geburtstagsfeiern

Diese Freude wird man in diesem Jahr mindestens noch viermal genießen können. Denn gleich vier Stammtischbrüder feiern heuer ihren 75. Geburtstag. Neben Schärl und Höcht vollenden auch die Schulkameraden Anton Weber und Imker-Legende Siegfried Ernstberger das Dreivierteljahrhundert. Wetten, dass Emmeram Trottmann dort auch wieder seine mächtige Stimme erschallen lässt? Vielleicht schon am kommenden Montag, wenn der Schärl Heiner seinen Jubeltag feiert - natürlich auch mit seinen Stammtischfreunden. Dazu eingeladen hat er natürlich auch seine langjährige Wirtin. Hannelore wird bestimmt kommen, denn sie hat ja nun keine "richtige Aufgabe" mehr an diesem Tag.
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