Tragisch-komische Geschichten vom Dorf: Zuhörer genießen Lesung mit Christina Baumer und ...
Heiligenschein und Taufbecken-Biesler

Lokales
Fuchsmühl
13.10.2015
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Was für Geschichten: Eine 17-Jährige wacht morgens mit einem Heiligenschein auf, der versoffene "Schmalzerhans" will einfach nicht sterben und Kommissar Kreuzeder pinkelt ins Taufbecken. Dies und noch mehr bekamen die Gäste im Gasthof "Weißenstein" serviert.

"Und zwar ins Weihwasserbecken. Da biesel ich jetzt rein", drohte Kommissar Kreuzeder dem Pfarrer und machte sehr zur Erheiterung der Zuhörer seine Drohung wahr. Klar: Autor Jörg Graser setzt auf Comedy-Krimi. Und der Humor zog sich auch wie ein unsichtbarer Faden durch die Lesung "Des san G'schichten" am Samstag im Gasthaus Weißenstein. Zudem verstanden es die beiden Münchener Schauspieler Christina Baumer und Andreas Bittl bestens, das mitgebrachte Erzählwerk als kleine Theaterszenen darzubieten.

Mal feinsinnig, mal derb

Mal feinsinnig, mal knackig oder hintergründig trugen die Akteure mit kräftigen, lebhaften Stimmen Stücke von Jörg Graser, Oskar Maria Graf, Christian Muggenthaler, Lena Christ und anderen vor. Zwei Stunden lang blieb kein Auge trocken, standen die gut 50 Zuhörer im Bann der Handlungen, die fesselten - egal, ob aus dem 18. Jahrhundert oder zeitgenössisch. Gleichzeitig stand ein wenig Erstaunen im Raum darüber, welch großartige Autoren sich im Bayerischen oft unerkannt tummeln.

Ein kleiner Segen also ist es für die bayerische Literatur, dass sich die Initiatoren von "Des san G'schichten" und das Schauspieler-Duo auf den Weg gemacht haben, diese Schätze in die Wirtshäuser zu tragen. Seit gut einem Jahr ist Christina Baumer mit ihrem Partner unterwegs damit, auch die Fuchsmühler freut's. Die Vielfalt spricht dabei für sich. Grobes und Derbes wie Emerenz Meiers Werk "Der Bua" zeigte den Zuhörern die tragisch-dunkle Dorfliteratur des vorherigen Jahrhunderts, als das Kinderkriegen derart öffentlich war, dass sich eine junge Mutter ohne Vater für ihr Kind hat verstecken müssen vor Scham.

"Schmalzerhans"

Andreas Bittl, Schauspieler auf der Luisenburg und regelmäßig in Fernsehsendungen zu erleben, hatte zur Untermalung dieser Dramatik seine Harmonika dabei. Der Musiker entlockte dem Instrument höchst tragisch-komische Tonfolgen. Später dann erleben die Gäste von den beiden Allroundern auch amüsante Gesangseinlagen.

Diese Art der bayerischen Literatur entpuppt sich als derart spannend und amüsant, dass man nicht genug davon kriegen konnte am Samstagabend: Jeder mag den armen, harmlosen "Schmalzerhans" und ärgert sich über die bösen Verwaltungsleut', die des Säufers Tod herbeiwünschen. Mit näselnder Stimme stellt Andreas Bittl liebevoll dar, welch einfacher Kerl hier böse verfolgt wird: "Nana, verrecka tuet der Hans absalut nit. Da Hans verreckt hoit ganz einfach nit..." Das rührt ans Herz, die Fuchsmühler wünschen dem Hans ein langes Leben und bekommen Genugtuung: Der Schmalzer wird uralt und die Gemeinde muss Jahre später auch noch für sein Grab aufkommen. Ätsch!

Andere Sorgen hat schon wieder Kommissar Kreuzeder. Der schlägt sich mit seiner Psychologin und seinem Chef rum. Und wie's sein muss, kommt das Gute immer zuletzt: Eine 17-Jährige in der Jetzt-Zeit mit einem Heiligenschein? Das hat's noch nie gegeben. Wunderbar unterhaltsam stellt Christina Baumer, die vor kurzem neben Christine Neubauer für die ARD-Kultserie "München 7" vor der Kamera stand, Klara Birnstingl dar. Deren Familie muss ein Wunder verdauen: Klara hat frühmorgens plötzlich einen Heiligenschein, einen echten.

Etwas anderer Jugendtrend

Der Vater vermutet dahinter lediglich einen weiteren Jugend-Trend. "So ko ma di ned unta d'Leid lassn", jammert die Mutter. Sie versteht nicht, warum Klara nicht wie andere Madln a "a grundsolide Akne griang koa". Peter denkt praktisch: "Mia sparn Glühbiandl!" Dann wird erörtert, ob ein Heiligenschein rufschädigend ist und ob jetzt der Pfarrer her muss.

Die Katastrophe geht natürlich gut aus. Und auch Klaras Botschaft trägt ein wenig Lebensweisheit in sich, wie all diese schönen bayerischen G'schichten, serviert von zwei begnadeten Vorträgern, die es verstehen, zu fesseln. Mit viel Applaus, einer Zugabe und dem Versprechen auf ein Wiedersehen mit neuen Erzählungen wurden Christina Baumer und Andreas Bittl zur späten Stunde entlassen - mit dem Fazit "Mei, woar des a scheena Ab'nd".
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