Syrien-Kenner Henrik Meyer beleuchtet die Hintergründe der Konflikte im Nahen Osten: "Wir ...
Noch ist die Diplomatie nicht am Ende

Henrik Meyer lebte einige Zeit in Syrien. Angesichts der Opferzahlen sei die Lage dort nur noch mit dem Völkermord in Ruanda zu vergleichen, sagt er. Bild: Dietz
Politik
Fuchsmühl
24.10.2014
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200 000 Tote, 13 Millionen Flüchtlinge - allein in Syrien. Was tun, um den Terror im Nahen Osten zu beenden? Antworten gab am Mittwochabend Syrien-Kenner Henrik Meyer bei einem Vortrag in Fuchsmühl (Kreis Tirschenreuth).

49 Syrer leben seit einigen Monaten in Fuchsmühl. Ihnen gelang die Flucht vor dem Bürgerkrieg. Der Arbeitskreis "Integration für Flüchtlinge" hilft den sieben Familien, will aber auch informieren. Arbeitskreis-Sprecherin Hannelore Bienlein-Holl gelang es, Henrik Meyer von der Friedrich-Ebert-Stiftung für einen Vortrag zu gewinnen. Meyer, der einige Zeit in Syrien lebte, schildert am Mittwoch nicht nur die aktuelle Situation im Nahen Osten. Er beleuchtet Hintergründe und erläutert, wer mit wem in den Krisenregionen Allianzen eingeht.

Kaum ein Tag ohne schreckliche Nachrichten aus Irak, "ein zerfallener Staat, der kein Gewaltmonopol mehr hat". Nach dem amerikanischen Einmarsch sei es zu einem Machtvakuum gekommen. Henrik Meyer: "Deshalb hat sich IS, der sogenannte Islamische Staat, so schnell ausbreiten können." Der Nahost-Experte der Friedrich-Ebert Stiftung schiebt schnell nach: "Der IS ist weder islamisch, noch ein Staat." Der Nahe und Mittlere Osten sei ein Gebiet von großer Vielfalt - ethnisch, kulturell, aber auch, was den Glauben betrifft. "Da gibt es Völker, von denen die meisten Europäer noch nie etwas gehört haben." Wen also unterstützen - etwa mit Waffenlieferungen? Meyer: "Minderheiten im Irak sehen die Kurden nicht unbedingt als Verbündete. Aber sie sind es im Augenblick, die in der Lage sind, den IS aufzuhalten." Der Referent appelliert: "Wir müssen dafür sorgen, dass dort keine Katastrophe passiert." Langfristig müsse aber jedem klar sein, "dass man mit Waffen keinen Frieden schaffen kann". Es gelte einen neuen Staat aufzubauen, "der für alle da ist". "Das ist aber schwierig, wenn man einer Gruppe Waffen liefert."

"Die eigentliche Katastrophe passiert aber in Syrien", leitet Meyer auf das nächste vom Terror geschüttelte Land über. Angesichts der Opferzahlen bleibe nur der Vergleich mit Ruanda. Auch in Syrien hätte der IS durch ein Machtvakuum stark werden können, nachdem sich große Teile der Bevölkerung gegen Assad auflehnten. "Es gibt auch Indizien, dass das Assad-Regime den IS aufpäppelte." Erst jetzt biete Baschar al-Assad dem Westen seine Hilfe im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat an. Hier unterstellt Henrik Meyer klares Kalkül.

Welche Rolle spielen die Kurden? Meyer: "Es gibt nicht die Kurden. Sie leben in vier Ländern in unterschiedlichen Situationen." Dabei gebe es ganz unterschiedliche Allianzen. Die Grenzen im Nahen Osten seien durch die Kolonialzeit geprägt "und werden von vielen Menschen als künstlich empfunden". Deshalb verschwänden Grenzen, neue entstünden. Meyer: "Wenn das so weitergeht, haben wir bald eine Landkarte wie im Mittelalter in Europa." Auf die Frage, wie sich die Konflikte lösen lassen könnten, hebt Henrik Meyer hervor: "Die diplomatischen Mittel sind sicher noch nicht ausgeschöpft." Deutschland könnte da eine wichtige Rolle spielen. "Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun. Es geht nicht, dass wir zuschauen, wenn sich die Menschen dort die Köpfe einschlagen."
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