Sportschützin Sabrina Hößl
Olympia im Visier

Wenn sich Sabrina Hößl mit dem Gewehr im Anschlag in der Konzentrationsphase kurz vor dem Schuss befindet, gleicht sie einer Statue: Sie bewegt sich einfach nicht. Bild: jut
Sport
Fuchsmühl
02.11.2016
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Was für ein Jahr: Sportschützin Sabrina Hößl feiert zwei deutsche Meistertitel und darf sich seit Juni 2016 Europameisterin nennen. Das reicht der 19-jährigen Fuchsmühlerin aber nicht, sie hat ehrgeizige Ziele.

Zehn. Zehn. Zehn. Zehn. Zehn. Die Sportschützin scheint wie eine Maschine zu funktionieren. Einmal rutscht ihr ein Schuss aus, sie stöhnt auf und verdreht ihre Augen. Der Bildschirm neben ihr zeigt an: Neun Komma Neun. Der Abstand zum Höchstwert Zehn ist eigentlich nicht sichtbar, aber es ist halt trotzdem nur eine Neun. Und das stört Sabrina Hößl.

Die 19-jährige Fuchsmühlerin hat einen hohen Anspruch an ihre Schüsse: Eine Zehn sollte schon vor dem Komma stehen. Denn Hößl ist nicht irgendeine Sportschützin, die gerade in der Schützenhalle der SG Fuchsmühl trainiert. Sabrina Hößl ist vielfache Bayerische und Deutsche Meisterin sowie seit diesem Jahr auch Europameisterin.

EM-Erfolg auf Militäranlage


"Das war die bisher größte Herausforderung und extremste Aufregung für mich", sagt Hößl über die Junioren-EM in Tallin (Estland). "Aber das war auch ein Riesenerlebnis: Schon am Flughafen sind wir wegen unseren Deutschlandanzügen immer wieder angesprochen worden", berichtet die 19-Jährige, die in Regensburg Biologie studiert. "Da hat die Anspannung richtig begonnen und ich habe gemerkt, dass es was Besonderes ist." Ihre erste EM war sehr speziell: "Der Wind war extrem, der Wettkampf war extrem: Wir haben auf einer Militäranlage geschossen. Die Verantwortlichen haben nur ein Zelt darüber gespannt, damit wir nicht nass werden." Mit einem Zehntelring Vorsprung auf das französische Team gewann Sabrina Hößl den EM-Titel in der Mannschaft mit dem Kleinkaliber-Gewehr.

Vater mit Titel überholt


Die Fuchsmühlerin schießt seitdem sie elf Jahre ist. "Ich bin aus einer Schützenfamilie." Papa, Mama, Schwester - alle schießen. "Ich bin quasi in der Schützenhalle aufgewachsen", lacht die Studentin. Vater Günther Hößl ist zweiter Schützenmeister der SG Andreas Hofer Fuchsmühl und war in den 80er Jahren ebenfalls Deutscher Meister. "Wir haben immer einen familiären Konkurrenzkampf gehabt, wer mehr Titel sammelt", sagt Sabrina Hößl. 2016 hat sie ihren Vater mit ihren Deutschen Meistertitel Nummer drei und vier überholt.

Im nächsten Jahr will sie den fünften folgen lassen. Sabrina Hößl hat aber noch andere Ziele: "Die Junioren-WM in Suhl, die Luftgewehr-EM und die Europameisterschaft in Baku. Ich will bei allen drei internationalen Wettkämpfen dabei sein." Hößl geht 2017 in ihr letztes Jahr bei den Juniorinnen.

Ob sie bereits Gedanken an Olympia verschwendet? "Natürlich hat man als Sportler immer den Traum zu Olympia zu kommen, aber das wird schwierig. Tokio 2020 wäre super, aber das ist noch sehr weit weg", gibt die junge Frau zu. Aber: "Ich bin so ehrgeizig, zu sagen: Olympia ist mein Ziel." Der große Erfolg der deutschen Sportschützen bei Olympia 2016 in Rio (dreimal Gold, einmal Silber) habe auch bei ihr etwas verändert: "Mir haben jetzt schon viele Leute gesagt, die nichts mit dem Schießen am Hut haben, wie spannend der Sport ist." Das habe ihr gefallen. Die Regensburger Olympiasiegerin Barbara Engleder sei ein Vorbild von ihr, sagt Hößl. "Ich kenne sie ganz gut. Wir haben früher zusammen in Regensburg trainiert, weil wir den gleichen Trainer hatten."

Das Besondere am Schießen sei, dass die Sportart anstrengender für den Kopf ist als für den Körper. "Wir müssen extrem lernen, die Nervosität zu kontrollieren", sagt Hößl. Dafür ist ein klarer Kopf wichtig. "Das ist eine große Herausforderung, immer wieder konstant Schuss für Schuss zu bringen." Man müsse seine Gedanken komplett ausschalten und ruhig bleiben. Das gelingt ihr zurzeit gut: "Momentan weiß ich, wie Zehner gehen, dass ich gut drauf bin." Die wichtigsten Dinge für Schützen seien der Kopf, Selbstvertrauen und Spaß, denn: "Nach einer gewissen Zeit hat man die Technik drauf."

Fingernagel treffen


"Die Technik drauf zu haben" bedeutet aber noch lange nicht, dass bei 40 Schüssen eine Zehn nach der anderen herausspringt. Ein Beispiel: Eine Papierkugel aus zwei Metern in einen Abfalleimer zu werfen, ist keine große Kunst. Wenn man das aber 40 Mal in Folge macht, gehen zwangsläufig einige Würfe vorbei. Bei Sabrina Hößl ist die Sache um einiges komplizierter: Mit dem Luftgewehr schießt sie aus zehn Metern auf die Scheibe, der Zehnerring ist dabei nur 0,5 Millimeter breit - so breit wie die Dicke von fünf Blättern Papier. Mit dem Kleinkaliber feuert sie aus 50 Metern aufs Ziel, hier ist der Zehnerring nur 10,4 Millimeter, also gut einen Fingernagel breit.

Trotzdem zeigt der Monitor neben Sabrina Hößl verlässlich eine Zehnerwertung an. "Ein Achter ist auf ihrem Niveau schon eine mittlere Katastrophe", sagt Vater Günther.

Das war die bisher größte Herausforderung und extremste Aufregung für mich.Sabrina Hößl über die Europameisterschaft in Tallin


Wie beim FußballUm den Schießsport für die Menschen attraktiver zu machen, ist es den Zuschauern seit einiger Zeit erlaubt, Stimmung zu machen. "Da herrscht dann eine Atmosphäre wie in einem Fußballstadion. Die Leute klatschen, rasseln und schreien", sagt Günther Hößl. Das erschwert natürlich die Sache für die Sportler. Bei den deutschen Meisterschaften in München waren gut 500 Zuschauer dabei, die für mächtig Wirbel gesorgt haben. Sabrina Hößl ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen: "Ich blende das aus. Ich, Gewehr, Scheibe - mehr gibt's dann für mich nicht." (jut)
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