Kolumne: OTon
Wer fraget, der findet

Baumarkt-Mitarbeiter sind für Frauen ein wichtiger Ansprechpartner. (Foto: dpa)
Vermischtes
Gebenbach
18.08.2016
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"Mädels, ohne Handarbeit und Hauswirtschaft bringt ihr es in eurem Leben zu nichts." Das war der Lieblingssatz meiner früheren Lehrerin. Sie hat mir auch wirklich viel beigebracht: Ich kann Eier pochieren, Tische für ein Fünf-Gänge-Menü eindecken und Socken stricken.

Im Nachhinein hätte ich aber lieber Werken auf dem Stundenplan gehabt. Dann wüsste ich jetzt über die Eigenschaften von Baustoffen, Schraubenwindungen und Bohraufsätzen Bescheid, und nicht über verschiedene Stärken von Stricknadeln und Wolle. Und könnte im Baumarkt mit anderem als mit Orientierungslosigkeit, stundenlanger Suche und "Typisch-Frauen-Fragen" glänzen.

Auf in den Kampf



OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
Solche Geschäfte betrete ich deshalb nur gut vorbereitet. Ohne Zettel mit Informationen über Gewicht, Maße, Fachbezeichnung (je nachdem, was ich brauche) und Handy-Fotos geht da nichts. In den besten Fällen weiß ich vorher sogar schon, welche Farbe es sein muss. So wie letztes Mal, als ich beige Flex-Fuge nachkaufen musste. Diesmal war ich mir sicher: Das wird eine schnelle Sache. Mein Optimismus ist aber so schnell weg, wie die Baumarkt-Mitarbeiter hinter den Regalen verschwinden, wenn man sie braucht. Zwar finde ich auf Anhieb die richtige Abteilung, das richtige Regal und sogar die Marke, aber nicht das richtige Produkt.

Mit dem Handy in der Hand schleiche ich die Gänge entlang. Aber auch nach dem fünften Bild-Regal-Vergleich steht es nicht zwischen den anderen Säcken. Fugen-Festiger, Fugen-Kleber, Bastel-Mosaik-Fugenmasse - aber weit und breit keine Flex-Fuge. Schließlich gleiche ich mein nicht vorhandenes Expertenwissen mit dem Mut aus, zu entscheiden, dass Fugen-Masse und Flex-Fuge das gleiche sein muss. Und wundersamer Weise kommt mir jedes Mal, wenn ich mich durch die Vewirrungen eines Baumarkts gekämpft habe, endlich ein Mitarbeiter entgegen. Wahrscheinlich sitzt er zwischen Zementsäcken und Farbeimern, um Kunden wie mich auszulachen.

Männersache


Aber wenn er mir schon vorher nicht helfen wollte, soll er mir wenigstens meinen Triumph über den Fugen-Angebots-Wahnsinn bestätigen. „Eigentlich hätte ich Fugen-Flex gebraucht, aber Masse kann man ja auch nehmen, oder?" Es ist eher eine Feststellung als eine Frage, und freue mich schon über sein Ja. Langsam schiebe ich meinen Wagen Richtung Kasse, als er mir aufgelöst nachläuft. Mit einem Satz raubt er mir die Illusion, allein im Baumarkt bestehen zu können: „Auf keinen Fall! Wenn Flex drauf steht, muss auch Flex in der Packung sein. Fugen-Masse hat kein Flex!“

Ob sich sein Fachwissen auf die Zusammensetzung des Materials oder der Worte bezieht, weiß ich nicht. Sprachlos bin ich trotzdem. Er deutet es wohl als Traurigkeit und versucht, mich zu trösten. „Damit kennen sich halt Männer besser aus. Da hinten gibt es auch Deko-Sachen oder Wolle, falls du gerne strickst.“ Recht hat er, wenigstens bräuchte ich dafür keine Hilfe. Meiner Hauswirtschaftslehrerin sei Dank.
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