Buch- und Kunstverlag erinnert mit erweiterter Neuauflage von "Sie kommen" an die letzten ...
Das damals Erlebte ist noch immer gegenwärtig

Wolfgang Benkhardt. Bilder: ma (2)
Kultur
Grafenwöhr
02.04.2015
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Welch ein Wechselbad der Gefühle: Mal erleichtertes Aufatmen, dass die Bomben der Amerikaner das große Giftgaslager der Nazis bei Grafenwöhr verfehlt haben, dann wieder regelrechte Schockstarre bei der Schilderung der Todesmärsche des KZs Flossenbürg oder der Bombardierung von Städten wie Schwandorf oder Neumarkt.

Das Buch "Sie kommen - die letzten Kriegstage in der Oberpfalz 1945" ist keine leichte Kost. Kein Wunder, wirft es doch in rund 70 Beiträgen Schlaglichter auf das Geschehen im April 1945 in der Region. Trotzdem - oder gerade deswegen - ist das Interesse an der überarbeiteten und auf 160 Seiten angewachsenen Neuauflage des Titels gewaltig. Das zeigte auch die Buchvorstellung im Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr. Der Saal war mit rund 80 Gästen voll besetzt, als der Grafenwöhrer Bürgermeister Edgar Knobloch als Hausherr die Veranstaltung eröffnete.

Viele Geschichtsinteressierte

Nicht nur Autoren und Vertreter von offiziellen Stellen, sondern auch viele geschichtlich Interessierte drängten in den Saal, um sich zu informieren. Etliche nutzten die Gelegenheit, um das Buch zu kaufen und von Autoren signieren zu lassen. Das Gerüst der Veröffentlichung bilden journalistisch aufgearbeitete Augenzeugenberichte, die vor zehn Jahren - zum 60. Jahrestag des Kriegsendes - im "Neuen Tag", in der Amberger Zeitung, in der Sulzbach-Rosenberger Zeitung sowie in der OWZ erschienen sind. Landauf, landab interviewten Redakteure, Lokalreporter und Historiker dazu Männer und Frauen, die die Geschehnisse der letzten Kriegstage selbst miterlebt hatten.

Buchverlagsleiter Wolfgang Benkhardt sprach von einem Schatz, der gehoben worden sei. Besonders faszinierend seien die vielen Perspektiven der Beiträge, die von den Todesmärschen bis zu in Luftschutzbunkern eingeschlossenen Müttern und Kindern reichten. German Vogelsang, der bei der Publikation der Zeitungsserie 2005 als geschäftsführender Verleger in der Verantwortung stand, zollte der Redaktionsleitung des "Neuen Tags" und allen eingebundenen Journalisten für die Reihe ein großes Kompliment. Denn nicht überall seien Fragen nach der NS-Zeit willkommen gewesen.

Bombardierung miterlebt

Trotzdem hätten die Verantwortlichen das Projekt durchgezogen und Informationen gesichert, die sonst unwiederbringlich verloren gewesen wären. Denn schon zehn Jahre danach gebe es nur noch wenige Augenzeugen, die Licht in die damaligen Geschehnisse bringen könnten.

Vogelsang, der auch als Herausgeber des Buches fungiert, ist selbst einer davon. Er hat als Fünfjähriger die Bombardierung eines Munitionszugs in Weiden miterlebt. Mucksmäuschenstill lauschten die Zuhörer seinen Erinnerungen. Der geschäftsführende Gesellschafter des Medienhauses "Der neue Tag" zeigte damit, wie nah auch für die Zivilbevölkerung Bombentod und Überleben beieinander lagen. Noch heute, so bekannte er freimütig, gingen ihm Berichte über das damals Erlebte ungemein nahe. Den historischen Wert des Buches hob auch Redakteur Andreas Ascherl von der Amberger Zeitung hervor. Er trug seine Reportage über die Befreiung der Stadt Amberg vor, die sich nach den Recherchen etwas anders abgespielt hatte, als jahrzehntelang angenommen. Kreisleiter Dr. Artur Kolb, der fest entschlossen gewesen war, Amberg zu verteidigen, war nämlich nicht vom Feind, sondern von "eigenen Leuten" erschossen worden, um einen Kampf um Amberg zu verhindern. Das "Geschichtsbuch" von Amberg musste nach der Veröffentlichung dieser Reportage umgeschrieben werden.

Vormarsch der Amerikaner

Atemberaubend auch die bewegten Bilder, die Vorsitzender Willi Buchfelder vom Heimatverein Grafenwöhr zeigte: Originalaufnahmen vom Vormarsch der Amerikaner, die der Verein in einem Archiv in den Staaten entdeckt hat, sowie von einem Besuch von US-General Georg S. Patton auf dem Übungsplatz sowie beim Wrack der Wunderwaffe "Dora", die auf dem Gelände des Übungsplatzes kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner gesprengt worden war.

Viele Gäste nutzten die Gunst der Stunde und nahmen an einer kleinen Führung durch das neu gestaltete Museum teil, in dem nun auch ein Modell sowie ein Originalteil der "Dora" zu sehen ist.

Ein musikalisches Kontrastprogramm lieferten auf dem E-Piano die Schülerinnen Alisa Dell, Teresa Trummer, Johanna Baumann und Katharina Mühln von der Musikschule "Vierstädtedreieck" mit Stücken von Ludovico Einaudi, Michael Schütz und Vladmir Sterzer und anderen Komponisten.

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Das Buch "Sie kommen - Die letzten Kriegstage in der Oberpfalz 1945" ist im Buch- und Kunstverlag Oberpfalz erschienen und für 19,95 Euro im Buchhandel, allen Geschäftsstellen des Medienhauses "Der neue Tag" sowie versandkostenfrei im Onlineshop des Verlags www.buch-und-kunstverlag.de erhältlich.
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