Bittere Pille für Apotheker

Catharina Stoll-Graml, Chefin der Stadtapotheke in Grafenwöhr, sieht viele Schwierigkeiten auf die Apotheker zukommen, sobald es die "Pille danach" rezeptfrei zu kaufen gibt. Sie ist auf die Entwicklung gespannt. Bild: az
Lokales
Grafenwöhr
10.03.2015
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Ein geplatztes Kondom, oder einfach vergessen, beim Sex zu verhüten - meist die letzte Rettung: die "Pille danach". Ab Mitte März können Frauen das Medikament für Notfälle rezeptfrei kaufen. Ärzte und Apotheker aus der Region müssen sich damit erst noch anfreunden.

Der Bundesrat hat entschieden: Das Notfallverhütungsmittel soll schon bald - ohne, dass es ein Arzt noch verschreiben muss - in den Apotheken frei erhältlich sein. Die Entscheidung bedeutet für die Pharmazeuten mehr Verantwortung und vor allem Arbeit. Catharina Stoll-Graml, Chefin der Grafenwöhrer Stadtapotheke, sieht in der Veränderung mehrere Gefahren.

"Die Medikamente sind und bleiben Mittel für den Notfall. Auf gar keinen Fall sind sie zur Standardverhütung gedacht", stellt Stoll-Graml eindringlich klar. Die Apothekerin befürchtet, dass Frauen sich die "Pille danach" auf Vorrat kaufen, sobald sie nicht mehr erst beim Arzt um ein Rezept bitten müssen. "Es kann passieren, dass Mädchen denken, sie brauchen nicht mehr zu verhüten, weil sie sich ja schnell die Pille danach holen können", meint die Grafenwöhrerin. "Von einem Mädchen habe ich erst kürzlich gehört, dass sie ja dann keine Anti-Baby-Pille mehr brauche." Stoll-Graml sieht das Risiko, dass das Notfallmittel missbraucht werde.

Zwei Präparate für Notfall

Auf dem deutschen Markt gibt es derzeit zwei Präparate, welche die Frauen im Notfall nach dem Geschlechtsverkehr einnehmen können. "Eines wirkt bis zu 120 Stunden danach und kostet 35,72 Euro. Das andere für 18,33 Euro können die Frauen noch innerhalb von 72 Stunden einnehmen", informiert Stoll-Graml. "Beide enthalten höher dosierte Hormone und verschieben den Eisprung." Für diese Medikamente brauche es eine Beratung. "Wir müssen gewisse Dinge abfragen, bevor wir den Frauen die Präparate verkaufen können." Deshalb dürfe die "Pille danach" weder im Online-Versandhandel noch an die Mutter oder den Freund der betroffenen Frauen verkauft werden.

Von der Bundesvereinigung der deutschen Apotheker hat Stoll-Graml einen Leitfaden bekommen, der bei den Gesprächen berücksichtigt werden soll. "Das gleicht einem kleinen Verhör. Wir müssen sehr viele intime Fragen stellen, wie beispielsweise wann die letzte Monatsblutung war, ob die Frau Asthma hat oder andere Arzneimittel nimmt", erklärt die Apothekerin und gesteht: "Ich weiß nicht, ob ich mich in der Situation der Kundin wohlfühlen würde."

Mehr Aufwand

Außerdem sei das Handling problematisch. "Der Fragenkatalog bedeutet für uns Apotheker mehr Aufwand. Wir müssen mit den Frauen in einen anderen Raum gehen, weil wir die Antworten diskret behandeln müssen. Und das geht nicht im Verkaufsraum", sagt die Grafenwöhrerin. "Wir übernehmen im Prinzip das, was vorher die Frauenärzte geleistet haben. Ich glaube aber, dass die Gynäkologen über diese Veränderung auch nicht so glücklich sind."

Zwei Gynäkologen aus der Region haben zu der Entscheidung, die "Pille danach" rezeptfrei zu verkaufen, eine klare Meinung. Namentlich wollen sie aber nicht genannt werden. "Ich halte den Entschluss für unglücklich. Das Risiko steigt dadurch, dass die Frauen meinen, sie müssten nicht mehr verhüten und könnten nach jedem Geschlechtsverkehr auf die Notfallverhütung zurückgreifen", vermutet ein Frauenarzt. Nehme man die Präparate jedoch mehrmals hintereinander, könne das zu Blutungs-, Hormon- oder psychischen Störungen führen.

Durch den Wegfall des Rezepts falle die ärztliche Beratung weg, die ein Apotheker nicht in diesem Umfang leisten könne. Ein anderer Gynäkologe vermutet, dass es wie bei anderen rezeptfreien Medikamenten laufen könne: "Erst holen sich die Patienten die Arzneimittel in der Apotheke und kommen dann zum Arzt, um sich abzusichern." In diesem Fall könne die "Pille danach" auch rezeptpflichtig bleiben. Hohe Nebenwirkungen durch die Präparate seien seiner Meinung nach nicht auszuschließen. Die Patienten müssten deshalb entsprechend aufgeklärt werden - von einem Arzt. "Es geht nicht darum, jemanden zu ersetzen", erklärt Christian Splett. Der Pressereferent der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände in Berlin ist der Meinung, dass Apotheker die Spezialisten für Arzneimittel seien - ob nun mit oder ohne Rezept. "Es sind verschiedene Kompetenzen. Ein Apotheker ist kein Arzt und umgekehrt." Mit den Handlungsempfehlungen solle den Apothekern die Beratung erleichtert werden. "Es ist aber keine starre Vorgabe."
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